Symbolbild: Die Fahnen Deutschlands und der Türkei nebeneinander. 

von Ali Özkök TRT Deutsch hat mit Prof. Dr. Hacı-Halil Uslucan gesprochen, der am Institut für Turkistik der Universität Duisburg-Essen unterrichtet. Zu seinen Themenschwerpunkten gehören Cultural Studies, Schule und Gesellschaft sowie Bildungsfragen.

In einer jüngst veröffentlichten Studie Ihres Forschungszentrums ziehen Sie eine positive Bilanz hinsichtlich der Verbundenheit der türkischen Einwanderercommunity mit ihrem Heimatbundesland. Was gelingt in NRW besser als in anderen Ländern?

NRW ist ein Bundesland mit einer starken Einwanderungsgeschichte, beginnend schon mit den sogenannten „Ruhrpolen“ im vorletzten Jahrhundert. Das Zusammenleben hat sich eher eingependelt; und dort, wo Menschen miteinander in Kontakt kommen, ist die Akzeptanz in der Regel auch höher. Aber auch politisch wird dem Thema Zuwanderung bzw. der Beteiligung von Zuwanderern viel Gewicht gegeben, so etwa beispielsweise durch das Teilhabe- und Integrationsgesetz von 2012, das einige strukturell Hürden abgebaut und die Beheimatung erleichtert hat - beispielsweise, indem es die Einführung des islamischen Religionsunterrichts an Schulen möglich machte.
Den Ergebnissen zufolge hat sich der Anteil der Befragten, die sich in Deutschland wohl fühlen, seit 2001 erhöht. Allerdings stieg – wenn auch nicht stark – der Anteil jener, die sich nur teilweise integriert fühlen. Wo sehen Sie die Gründe für die Entfremdung, die darin zum Ausdruck kommt?

Ich denke, es ist zunächst einmal ein normaler Trend, dass es auch bei Zugewanderten zu gesellschaftlichen Differenzierungsprozessen kommt. Aber inhaltlich ist auch zu sagen, dass von den Entwicklungen seit 2001 (Terrorangriff auf das WTC in New York) bestimmte Gruppen im Diskurs negativ betroffen waren, so etwa in Form der Fokussierung der Integrationsdebatte auf Türkeistämmige sowie auf Muslime. Wir haben auch einen recht hohen Prozentsatz an Befragten, die von mindestens einmaliger Ungleichbehandlung (im Jahr) sprechen; dieser variiert zwischen 60 bis 80 Prozent. Wenn im Alltag Ausgrenzung erfahren wird, ziehen sich Menschen zurück und identifizieren sich dann häufig mit dem Herkunftsland.
Der Anteil der türkischen Einwandererkinder, die mit Hochschul- oder Fachhochschulreife die Schule verlassen, hat sich dem Bildungsministerium zufolge in NRW zuletzt auf mehr als 40 Prozent erhöht. Damit schlossen sie zu den Gleichaltrigen ohne Migrationsgeschichte auf. Hat sich durch Corona an dieser Situation etwas geändert?

Genaue Zahlen hierzu habe ich nicht; aber es gibt starke Evidenzen, dass sich in der Corona-Zeit die Bildungssituation insbesondere von Kindern mit Zuwanderungsgeschichte verschlechtert hat. Die Gründe können in Folgendem liegen:
1. Nun sind noch mehr als zuvor Eltern gefragt, die Kinder zu unterstützen; das können vielfach Eltern mit Zuwanderungsgeschichte nicht oder nicht angemessen bewerkstelligen, insbesondere wenn sie nicht selber ihre Bildungslaufbahn in Deutschland absolviert haben.
2. Die technische Ausstattung ist in ärmeren Familien nicht immer gegeben, so ist es etwa so, dass nicht jedes Kind einen Laptop oder PC hat.
3. Zuwanderer wohnen häufiger in beengten Verhältnissen. Im Schnitt haben Zuwanderer zehn bis elf Quadratmeter weniger Wohnfläche pro Person zur Verfügung, so dass ein entspanntes Lernen nicht immer möglich ist.
4. Im sozialen Austausch in der Schule lernen insbesondere Kinder im Grundschulalter auch viel voneinander. Zuwanderer bekommen vor allem auch sprachlichen Input, der jetzt entfällt.
5. Der Stress und das Armutsrisiko der Eltern, die insbesondere in prekären Arbeitsverhältnissen beschäftigt waren bzw. sind, sind deutlich größer geworden, was sich allgemein auf das Familienleben auswirkt und das kindliche Lernen negativ tangiert.
Wo sehen Sie den dringlichsten Handlungsbedarf, um zum einen die innere Bindung türkischer Einwanderer an Deutschland zu festigen und zum anderen erreichte Erfolge künftig noch ausbauen zu können?

1. Noch stärker als bisher Rassismus und Diskriminierung im Alltag und in den Medien bekämpfen.
2. Transnationale Bindungen zum Herkunftsland nicht als Skandal betrachten, sondern als eine Normalität; dadurch kommen Menschen nicht in einen Entscheidungszwang.
3. Einbürgerung erleichtern und die Hinnahme der Mehrstaatlichkeit; dann bringen sich Menschen auch viel stärker politisch ein, wenn sie hier volle staatsbürgerliche Rechte haben.
4. Auch das Herkunftsland Türkei darf die türkeistämmigen Zuwanderer nicht primär als ihre „Anwälte“ und „Interessenvertreter“ wahrnehmen; das bringt diese in emotionale Spannungen und erschwert ihnen die Beheimatung in Deutschland.
5. Die vielen Erfolge von Zuwanderung und Zugewanderten auch sichtbar machen, stärker kommunizieren; die Talente und Begabungen von Zuwanderern (im Bildungsbereich, Sport, Kunst und Kultur etc.) herausstellen. Noch ist der Migrationsdiskurs zu sehr ein „Schmuddeldiskurs“.
Der Bundesvorstand der CDU hat Armin Laschet zum Unions-Kanzlerkandidaten gekürt. Dieser genießt unter türkischen Einwanderern ein verhältnismäßig hohes Ansehen. Was hätte die türkische Community von Laschet als möglichem Kanzler zu erwarten?

Ich denke, dass Armin Laschet sowohl zu den Türkeistämmigen als auch generell zum Thema Zuwanderung bzw. Integration einen sensibleren Zugang als viele andere Politiker hat; schließlich war er 2005 der erste „Integrationsminister“ im Kabinett Rüttgers in NRW. Auch zu den Türkeistämmigen pflegt er einen sehr umsichtigen und grundlegend positiven Umgang, so beispielsweise in Form der Wahrnehmung des Leides der Familie Genc in Solingen, die er bei vielen Anlässen einlädt. Er ist sogar in die Türkei in das Dorf der Familie gereist. Schließlich hat er in der CDU junge türkeistämmige Politikerinnen sehr unterstützt und dadurch die CDU auch für Türkeistämmige und Muslime wählbar gemacht.
Insofern ist zu erwarten, dass auch die politischen Beziehungen zur Türkei, die ein wenig angespannt sind, unter einem Kanzler Armin Laschet möglicherweise wieder eine mildere und umgänglichere Form annehmen. Hierzu muss natürlich auch die türkische Seite ihren Beitrag leisten.
Vielen Dank für das Gespräch!

TRT Deutsch