Bild von IGGÖ-Präsident Ümit Vural. (IGGÖ)

Seit 2018 ist Ümit Vural Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGÖ). Im Gespräch mit TRT Deutsch erläutert er, welche Konsequenzen die weitreichenden Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus, die Österreichs Regierung jüngst beschlossen hat, auf das islamische Glaubensleben in der Alpenrepublik haben werden.

Herr Vural, wie gehen Sie als Gemeinde mit den jüngsten Beschlüssen in Bezug auf den Lockdown in Österreich um?

Grundsätzlich ist es für uns in Österreich wichtig, dass wir als anerkannte Religionsgemeinschaften von Anfang der Pandemie an ein Vorgehen beschließen, das allgemeine Akzeptanz findet. So machen wir das auch dieses Mal: Seit die Bundesregierung einen Lockdown angekündigt hat, stehen wir mit allen anerkannten Kirchen und Religionsgemeinschaft im engen Austausch und werden jetzt auch eine gemeinsame Erklärung aussenden.

Aus unserer Sicht kann ich noch einmal wiederholen, dass die Pandemie für uns alle eine Herausforderung bleibt, aber wir die Hoffnung haben, dass wir gemeinsam auch die heute beschlossenen Beschränkungen des sozialen Lebens meistern werden. Unser Standpunkt, den wir an unsere Mitglieder vermitteln wollen, lautet: mit Glauben im Herzen und Besonnenheit im Handeln vorzugehen und als Mitglieder der muslimischen Gemeinden unseren Beitrag zur Bewältigung der Pandemie zu leisten.

Was haben Sie bislang konkret bezüglich des Umgangs mit dem Lockdown beschlossen?

Wir haben beschlossen, dass die Gotteshäuser und Moscheen für das tägliche Gebet und die Gemeinschaftsgebete weiterhin offenbleiben. Es ist wichtig, dass gerade in Zeiten der Pandemie die seelsorgerischen Dienste und die Spiritualität nicht zu kurz kommen. Darüber hinausgehende Veranstaltungen, ob Unterricht in den Moscheen oder dergleichen, werden jedoch nicht stattfinden. Hier wird auf Online-Angebote umgestiegen. Darüber hinaus gelten jene Maßnahmen, die wir ohnehin jetzt schon haben: ein durchgehendes Tragen einer FFP2-Maske, das Mitbringen eines eigenen Gebetsteppichs, das konsequente Einhalten eines Sicherheitsabstands, die Bereitstellung von Desinfektionsmittel, der Verzicht auf Umarmungen und Händeschütteln – all diese Maßnahmen setzen wir seit Beginn der Pandemie ohne Unterbrechung durch, es kommt diesbezüglich also zu keinen großen Änderungen während der Gottesdienste.

Wie eng ist der Austausch diesbezüglich mit der Bundesregierung oder auch mit den Behörden? Gibt es da eine Abstimmung oder Unterstützung?

Gottesdienste sind von der Bundesregierung beschlossenen Verordnungen explizit ausgenommen. Damit wird den Religionsgemeinschaften ein Spielraum gewährt, untereinander eine gemeinsame Vorgehensweise zu finden. Wir haben in Österreich eine Plattform für Religionen, in der alle 16 anerkannten Kirchen Religionsgesellschaften sich regelmäßig austauschen, beraten und gemeinsame Abstimmungen treffen. Die Plattform hat einen Geschäftsausschuss, dem ich auch angehöre. Dieser versucht mit der Bundesregierung eine gemeinsam akzeptierte Gesprächsbasis zu finden. Auch in der Vergangenheit war es stets wichtig, mit der Regierung gut zusammenzuarbeiten. Ich denke, dass allein dieser Ansatz, Gottesdienste von den Verhandlungen auf Regierungsebene auszunehmen und gemeinsam mit den Religionsgemeinschaften ein einheitliches Vorgehen zu beschließen, zu begrüßen ist.

Wie sensibilisieren Sie Gemeindemitglieder, die Vorbehalte gegenüber den Corona-Maßnahmen oder der Impfung haben?

Wir arbeiten hier vor allem auf Bundesländerebene mit den zuständigen politischen Verantwortlichen zusammen. Wir versuchen, so weit es in unserer Gemeinschaft möglich ist, Aufklärungsarbeit zu leisten. Wenn es theologische Vorbehalte gibt, sind wir als Religionsgemeinschaft aufgefordert, durch unsere TheologInnen zu erklären, dass diese Ängste unbegründet sind. Wenn es medizinische sind, dann gibt es medizinische ExpertInnen, die uns unterstützen. Auch muslimische ÄrztInnen stellen sich hier zur Verfügung.

Dennoch wissen wir, dass es trotz dieser Bemühungen in allen gesellschaftlichen Schichten immer Menschen geben wird, die wir leider nicht überzeugen werden können. Daher hat die Bundesregierung nun beschlossen, ab Februar 2022 eine allgemeine Impfpflicht in Österreich einzuführen. Bei jenen Menschen, die der Impfung bislang schon skeptisch gegenüber gestanden sind, wird diese Maßnahme wenig Akzeptanz finden. Es wäre wünschenswert, dass der neuerliche Lockdown und die damit verbundenen Einschränkungen die noch nicht geimpfte Bevölkerung schon vor Inkrafttreten der Impfpflicht zur Einsicht bewegen, dass wir es als Gesellschaft nur durch die Inanspruchnahme der Schutzimpfung schaffen werden, diese Pandemie endlich zu überwinden und zu unserem gewohnten Leben zurückzukehren, aber auch das Leid, dass durch Erkrankungen und die vielen Todesfälle entsteht, zu beenden.

Vielen Dank für das Interview.

TRT Deutsch