Symbolbild: Der in Wien lebende Komponist Danilo Stankovic sitzt an einem Bösendorfer-Flügel. Sein Stück „Pieces“ ist ein weltweiter Erfolg auf TikTok. (Daniela Nickmann)

von Florian Godovits Millionen habe er nicht mit seinem TikTok-Hit verdient – einem Millionär stünde ich nicht gegenüber, lächelt Stankovic. Aber mittlerweile hat sich seine Situation durch „Pieces“ zum Positiven gewandelt. Vom Komponieren kann er inzwischen gut leben.

Der Komponist stammt aus einer Kleinstadt an der bulgarisch-rumänischen Grenze: Negotin. Interessantes Detail: Aus Negotin stammt auch der – bisher – berühmteste serbische Komponist Stevan Mokranjac. Seit 20 Jahren lebt Stankovic in Wien, wo er sich in Studentenzeiten als Bar- und Kaffeehauspianist durchgeschlagen hatte. Mittlerweile hat er die österreichische Staatsbürgerschaft beantragt – ohne Erfolg.
„Ich bin mit 17 nach Österreich gekommen. Mein Staatsbürgerschaftsverfahren, das ich vor zwei Jahren begonnen habe, wurde nach einer überlangen Verfahrensdauer vor wenigen Monaten leider abgelehnt. Das war ein Schock für mich, weil ich ja schon sehr lange hier lebe. Begründung: nicht ausreichende Finanzmittel”, berichtet der Erfolgskomponist. Den Staatsbürgerschafts-Antrag hatte er jedoch vor seinem TikTok-Hit gestellt, der ihm auch einige Medienpräsenz brachte.
Unsere Fragen beantwortete der zurückhaltende, von jeglichen Allüren weit entfernte 37-jährigen Komponist, standesgemäß in einem Wiener Kaffeehaus bei einer „Melange“ (Milchkaffee ähnlich einem Cappuccino).

Symbolbild. 27. September 2021, Wien, Österreich: Der serbischstämmige Komponist Danilo Stankovic lebt seit 20 Jahren in Wien. Hier ist er im Museumsquartier zu sehen vor Transparenten mit der Aufschrift „Wien hat Kultur“. (Florian Godovits/TRT)

Wie kam es zur Komposition des Erfolgshits „Pieces“?

„Pieces“ entstand durch einen Auftrag für eine Innen-Designerin aus Kuwait, als Soundtrack für einen Imagefilm. Erst später, durch meine Agentur aus Los Angeles, wurde „Pieces“ auf TikTok veröffentlicht. Der große Erfolg war eigentlich eine Überraschung. Offensichtlich berührt die Melodie viele Menschen und das freut mich natürlich. Ich freue mich aber auch, wenn meine anderen Kompositionen gespielt werden und auf Resonanz stoßen. Mit „Pieces“ wurde eben eine unvorstellbar große Zahl von Hörerinnen und Hörern erreicht, das ist auch den neuen Medien und Technologien zu verdanken, früher war so etwas nicht möglich.

In Anbetracht der Tatsache, dass der Hit für eine Innenarchitektin in Kuwait geschrieben wurde: War die muslimische Welt quasi die Initialzündung/das Sprungbrett für Ihre Karriere?

Ich sehe das eigentlich nicht so. Die Inspiration kommt, je nach Auftrag, von anderen Quellen, das hat mit Nationen aus meiner Sicht wenig zu tun. Bei einem Kompositionsauftrag versuche ich vor allem, eine gewisse Stimmung, eine Atmosphäre zu erzeugen, ein Lebensgefühl, das vermittelt werden soll. Musik hat ja gerade die wunderbare Eigenschaft, Grenzen zu überwinden, unterschiedliche Menschen auf der ganzen Welt zu berühren. Musik ist eine universelle Sprache und eine Kraft, die über geografische, politische oder weltanschauliche Aspekte hinausgeht.

Wie sieht Ihr künstlerischer Prozess des Komponierens aus?

Je nach Projekt gestaltet sich der Prozess sehr unterschiedlich. Eine Komposition für Klavier solo wie „Pieces“ ist etwas ganz anderes als etwa eine große Komposition für ein Orchester, ein mehrsätziges Werk für Kammermusik oder der Soundtrack für einen Filmtrailer oder einen 90-minütigen Spielfilm.

Im YouTube-Video von „Pieces“ ist eine Tänzerin zu sehen. Inwieweit spielt Tanz eine Rolle für Ihre Kompositionen und in Ihrem Leben?

Tanz, bildende Kunst, Fotografie, Literatur – jede künstlerische Ausdrucksform interessiert mich. Beim Video zu „Pieces“ war es eine film-dramaturgische Entscheidung, in diesem Fall erschien uns die Kombination und das Zusammenspiel zwischen Musik und Bewegung im Raum als schöne Auflösung für dieses Format.

Welche Rolle spielt Wien für Sie?

Eine wichtige, immerhin lebe ich hier seit zwanzig Jahren! Ich mag an Wien, dass es eine Stadt der Musik, der Kultur ist, dass hier Menschen unterschiedlicher Herkunft und Kultur leben und dass Wien eine gemütliche Stadt ist. Ich fühle mich hier ja ganz zu Hause.

Wien hat auch eine große türkische Gemeinde, frühere Klassikkomponisten schrieben Stücke „alla Turca“. Gibt es von dort in irgendeiner Weise Einflüsse auf Ihr Leben und Ihre Musik?

Natürlich prägt mich meine Umgebung. So, wie mich die Balkankultur mit ihrer Musik, den orientalischen Einflüssen und der Lebensart in meiner Kindheit und Jugend geprägt haben, so inspiriert mich diese Stadt mit ihrer Diversität, den vielen Kulturen und Communitys und ihren Künstlerinnen und Künstlern hier.
Orientalische Skalen und Melodien aus der osmanischen Zeit prägen das Liedgut am Balkan. Ich habe unter anderem mit einigen Musikern aus Kuwait, die traditionelle Instrumente spielen, zusammengearbeitet, wie etwa für die National Bank of Kuwait. In Wien habe ich mit vielen Musikern unterschiedlicher Herkunft studiert. Mein guter Freund und Studienkollege Onur Dülger stammt aus Istanbul (Anm.: Dülger unterrichtet seit 2017 Komposition an der Anadolu-Universität in Eskişehir). Während des Studiums haben wir viel zusammen musiziert.

Begnadete Hände: Danilo Stankovic schrieb damit seinen Song „Pieces“ – und TikTok-Geschichte. (Symbolbild) (Daniela Nickmann)

Wie gehen Sie mit Ihrem neugewonnenen Bekanntheitsgrad um? Ich wusste ja natürlich schon einiges früher von dem TikTok-Erfolg, jetzt sind halt auch die Medien darauf aufmerksam geworden und interessieren sich plötzlich für die Person hinter der Musik. Das hat mich sehr überrascht. Für den Berufsalltag von Medienkomponisten ist es nicht gerade typisch, für Interviews angefragt oder in TV-Sendungen eingeladen zu werden, üblicherweise stehen wir als Personen eher im Hintergrund und unsere Musik ist präsent. Wie lebt es sich für Sie als Ausländer in Österreich? Es ist nicht immer leicht, aber Wien ist eine offene Stadt. Ich lebe in einer Multikulti-Gesellschaft. Ausländerfeindlichkeit habe ich in den 20 Jahren nicht erlebt. Mit den Behörden ist es aber nicht immer ganz so einfach – wie ich mit meinem Staatsbürgerschaftsverfahren erleben durfte. Viele Staatsbürgerschaftsverfahren dauern recht lange. Mein eigenes ist derzeit stillgelegt. Das hindert mich aber nicht weiter daran, an meiner Musik zu arbeiten.

Symbolbild. 27. September 2021, Österreich, Wien: TRT-Deutsch-Redakteur Florian Godovits (r.) trifft sich mit dem Komponisten Danilo Stankovic zum Gespräch im Wiener Museumsquartier. (TRT Deutsch/Florian Godovits)

Was würden Sie unbekannten Komponisten raten?

Man muss seinem Traum folgen und nie aufgeben. Ich möchte aber auch grundsätzlich junge Menschen, die sich mit Musik beschäftigen, ermutigen. Die neuen Medien zu nutzen hat sicherlich Potenzial.

Hat sich in Ihrem Leben etwas geändert, seit Sie einen Riesenhit gelandet haben?

Gute Frage. Ich bin ja noch immer derselbe wie vorher… Ich habe nur jetzt tatsächlich viel mit Anfragen von Medien zu tun. Ich bekomme viele Kommentare und schöne Rückmeldungen zu meiner Musik von Menschen aus der ganzen Welt, das ist sehr schön und dafür möchte ich mich gerne bedanken!

Sie haben mit 37 Jahren finanziell ausgesorgt und sind auf dem Zenith des Erfolgs – welche Pläne haben Sie noch, was möchten Sie noch erreichen?

Da muss ich wohl etwas richtigstellen. Ich kann zum Glück seit einigen Jahren als Komponist von meinen Gagen leben. Wie sich dieser Erfolg entwickeln wird, weiß ich aber noch nicht. Ich kann nur hoffen, dass es in der heutigen und zukünftigen digitalen Zeit auch entsprechende Vergütungen geben wird. Das wäre aus meiner Sicht für alle Musik-Kunstschaffende wichtig und fair. Und zu meinen Zielen: Ich möchte gerne noch mehr im Bereich Filmmusik machen, mit interessanten Filmemachern und Regisseuren künstlerisch zusammenarbeiten, das ist ein großer Wunsch von mir.

Was dürfen unsere Leser über Sie als Privatperson wissen?

Die Natur hat einen sehr hohen Stellenwert in meinem Leben. Ich brauche die Natur, ich wandere oft herum… Sie inspiriert mich in ihrer Schönheit. Vielen Dank für das Gespräch.

TRT Deutsch