Afrikanische Kinder bei einer Aufführung im Jahr 2018 für die damalige First Lady der USA, Melania Trump, im Nationaltheater von Nairobi, Kenia. 

von Reinhard Werner

Der Kolumnist Tassilo Wallentin von der österreichischen „Kronen Zeitung“ will die Weltbevölkerung möglicherweise um mehr als 97 Prozent reduzieren – oder zumindest 7,6 Milliarden Menschen einen sozialen Aufstieg verweigern. Bei der „Krone“ handelt es sich nach wie vor um die auflagenstärkste Zeitung Österreichs. In der Sonntagsbeilage erschien sein Beitrag mit dem Titel „Der Wahnsinn hat einen Namen: Überbevölkerung“.

Der Autor war bereits in der Vergangenheit unter anderem mit polemischen Beiträgen gegen die Türkei, gegen türkische Einwanderer, gegen die Aufnahme von Flüchtlingen in Österreich und gegen den Islam in Erscheinung getreten. Dabei operierte er bisweilen auch mit Darstellungen, die einer kritischen Nachrecherche nicht standhielten. So brachte er beispielsweise eine übergriffige Schaukastentafel einer radikalen Randgruppe an einer Bushaltestelle in der türkischen Provinz Konya, die wenig später wegen Gesetzeswidrigkeit von der Stadtverwaltung selbst entfernt wurde, mit der offiziellen Regierungspolitik in Verbindung.

Sogar hunderte Millionen Europäer und Amerikaner wären „zuviel“

Auch sein jüngster Artikel operiert mit Fantasiezahlen: So behauptet er ohne Nennung einer Quelle, in 50 Jahren würden „bis zu 32 Milliarden Menschen“ auf der Erde leben. Vor allem in Richtung Afrika und Asien richtet Wallentin Vorwürfe, diese würden zu viele Kinder gebären. Nach UN-Berechnungen wird die Weltbevölkerung bis zum Ende des Jahrhunderts noch auf etwa elf Milliarden anwachsen. Anschließend werde es auch insgesamt einen Rückgang geben.

Wallentin geht dies allerdings nicht schnell genug. Vor allem behauptet er: „Die Erde verträgt maximal 200 Millionen Menschen, die so leben wie wir.“ Ob er mit „wir“ die Einwohner von Österreich, die der EU oder jene des „Westens“ insgesamt meint, lässt er offen. Ebenso, was er gegen die „apokalyptische Bevölkerungsexplosion“ unternehmen würde, wenn er selbst über staatliche Hoheitsgewalt verfügen sollte. Diejenigen, die diese derzeit innehaben, seien sich des Problems nicht bewusst: „Wir sitzen auf einer tickenden Zeitbombe – und die Politik tut nichts!“

Um die Bevölkerung der Erde auf das von ihm vorgegebene, „verträgliche“ Maß von 200 Millionen Menschen zu reduzieren, wäre es erforderlich, dass bei derzeit 7,8 Milliarden Menschen, die der Autor nennt, jedenfalls mehr als 97 Prozent der Menschheit aufhören zu existieren. Die USA und die EU bringen es zusammen bereits auf knapp 800 Millionen Einwohner – von denen der Lebensstandard von mindestens 200 Millionen über dem Medianeinkommen liegen dürfte.

Zwangsabtreibungen in China, Sterilisationen an Roma in Schweden

Nach 1945 wurde die Furcht vor einer „Bevölkerungsexplosion“ erstmals wieder von elitären westlichen Zusammenschlüssen wie dem „Club of Rome“ und Teilen der Ökologiebewegung aufgegriffen. Mehrere Staaten veranlassten – teils mit Unterstützung westlicher Staaten oder der UNO – radikale Programme zur staatlichen Geburtenkontrolle.

Im kommunistischen China wurde in den 1970er Jahren eine „Ein-Kind-Politik“ eingeführt, die unter anderem von Zwangssterilisationen, Zwangsabtreibungen und sogar nachgeburtlichen Kindestötungen begleitet war. Ähnliche Projekte gab es auch in Indien unter Indira Gandhi sowie in anderen asiatischen Ländern.

In Europa arbeiteten bis in die 1970er Jahre hinein Länder wie Schweden oder Norwegen mit eugenisch begründeten Zwangssterilisationen. In Schweden sollen 62.000 Menschen einem solchen Eingriff zum Opfer gefallen sein – neben solchen mit körperlichen oder geistigen Beeinträchtigungen waren unter anderem auch Angehörige ethnischer Minderheiten wie der Sinti und Roma betroffen.

„Überbevölkerung“ erweist sich als Mythos

Belastbare Daten vermögen den bereits 1800 vom englischen Prediger Thomas Malthus begründeten Mythos von der angeblichen „Überbevölkerung“ indessen nicht zu stützen. Während zu seiner Zeit die Weltbevölkerung bei einer Milliarde gelegen hatte und mehr als 90 Prozent von ihnen in extremer Armut lebte, befinden sich heute mehr als sieben Milliarden Menschen auf der Erde.

Der Anteil der extrem Armen war jedoch vor Beginn der Corona-Krise auf weniger als zehn Prozent gesunken. Vor allem seit Beginn der 1990er Jahre hat sich der Weg hunderter Millionen Menschen aus extremer Armut in dynamischer Weise beschleunigt. Corona hat diesen Prozess vorübergehend gestoppt. Es spricht jedoch alles dafür, dass der Trend sich nach Ende der Pandemie wieder fortsetzen wird.

Experten sehen den Grund für die Widerlegung der Thesen von der angeblichen Überbevölkerung darin, dass dieser Ansatz Menschen einseitig von der Verbrauchsseite der Ressourcen betrachtet. Tatsächlich trug die durch mehr Menschen eingebrachte zusätzliche Innovationskraft dazu bei, Technologien zu entwickeln. Diese erlaubten mehr Menschen bei geringerem Ressourcenverbrauch ein würdiges Leben.

Elon Musk warnt vor Bevölkerungskollaps

US-Milliardär Elon Musk befürchtet heute schon einen langfristigen Verlust an Wohlstand und Innovationspotenzial durch einen Bevölkerungsmangel. Dieser könnte vor allem soziale Sicherungssysteme belasten, die auf dem Umlageprinzip beruhen. Außerdem sei ein Mangel bei Fachkräften und Kunden zu befürchten.

Das Beispiel des Landes Katar zeigt auch, wie schon nach wenigen Jahrzehnten ein Bevölkerungskollaps zu Wohlstandsverlusten führen kann. Noch 1967 lag die durchschnittliche Anzahl an Kindern pro Frau in gebärfähigem Alter im Golfemirat bei 6,98. Das jährliche Durchschnittseinkommen pro Kopf lag damals bei 87.200 US-Dollar.

Bis 2020 ist die Zahl der durchschnittlichen Kinder pro Frau in Katar auf 1,83 abgestürzt. Katar weist zwar mit 116.000 US-Dollar immer noch das weltweit höchste Pro-Kopf-Einkommen aus. Gegenüber den 157.000 US-Dollar, die das Emirat noch 1978 – bei einer Geburtenrate von 6,07 – zu verzeichnen hatte, ist dieser Wert jedoch deutlich geringer geworden.

In anderen Staaten, auch außerhalb der Golfregion, zeigt sich ein ähnlicher Trend: Über einen gewissen Zeitraum steigt bei sinkender Geburtenrate das Pro-Kopf-Einkommen, aber nach zwei bis drei Jahrzehnten führt die Entwicklung zur wirtschaftlichen Stagnation.

Neue Studie: Zehn-Milliarden-Marke wird nicht erreicht

Seit Mitte der 1980er Jahre sinkt übrigens in ausnahmslos jedem Staat der Welt die Geburtenrate: Selbst im Niger, wo sie 2020 mit 7,0 weltweit am höchsten war, hatte sie 1983 noch 7,89 betragen. Im Jemen, in Oman und in Ruanda, wo sie 1982 jeweils noch deutlich über 8 gelegen hatte, liegt sie heute bei 2,4 im Golfemirat bzw. 3,6 in den übrigen genannten Ländern. Die Zahlen stammen jeweils von Weltbank und IWF und lassen sich auf der Plattform gapminder.org nachvollziehen.

Im Vorjahr berichtete „Euronews“ über eine Studie, die im Fachjournal „The Lancet“ veröffentlicht wurde und der zufolge der Höhepunkt des weltweiten Bevölkerungszuwachses bereits 2064 mit 9,7 Milliarden Menschen erreicht sein wird. Im Jahr 2100 werde die Weltbevölkerung den neueren Hochrechnungen zufolge nicht wie von der UNO prognostiziert 10,8 Milliarden betragen, sondern zwei Milliarden weniger.

Dies liegt auch daran, dass die Bevölkerung der EU noch stärker zurückgehen wird als vermutet. Die UN gingen von 365 Millionen Einwohnern in der EU zum Ende des Jahrhunderts aus, während es heute 446 Millionen sind. Die neue Studie rechnet hingegen im Jahr 2100 mit nur noch 308 Millionen Einwohnern der EU.

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