Archivbild: Frankreichs Präsident Emmanuel Macron (DPA)

Dank der Vision und der Stärke der deutschen Wirtschaft konnte Merkel Deutschland innerhalb der Europäischen Union für eine lange Zeit in einer überlegenen Position halten. Die klare Überlegenheit der Bundesrepublik galt insbesondere gegenüber Frankreich. Dass während der fünfzehnjährigen Kanzlerschaft von Angela Merkel vier französische Präsidenten im Amt waren, war für die französische Politik demütigend genug. Während Deutschland als echte Macht feste Schritte in Richtung seiner eigenen Ziele und der gemeinsamen Ziele der Europäischen Union unternahm, musste Frankreich sein größtes Narrativ auf seiner nationalen Geschichte und Kultur aufbauen. So legte Frankreich ein fiktives Überlegenheitsnarrativ zutage, spürte aber genau, dass es sich in einem Machtgefälle befindet – vor allem dann, wenn es Spannungen mit Deutschland gab. Diese Vorgehensweise ist ein großes Armutszeugnis für Frankreich.

Europa rückt jetzt Schritt für Schritt in Richtung einer neuen Ära vor. Während Merkel sich von der politischen Arena verabschiedet, hinterlässt sie tiefe Spuren in der Weltpolitik und der Geschichte der Diplomatie – und ein politisches Vakuum. Obwohl die deutsche Politik noch vieles zu bieten hat, ist bereits klar, dass die Übernahme von Merkels Position nicht so leicht sein wird.

Gleichzeitig stellt dieser Umstand eine einzigartige Chance für Frankreich dar. Frankreich will seine Segel vom noch immer spürbaren Wind des Paradigmas vom 11. September treiben lassen und seinen Einfluss auf der internationalen Bühne wieder spürbar machen. Zum Einsatz soll dabei sein einziges großes Kapital kommen: der Kulturalismus. Dabei schreckt Macron nicht davor zurück, kulturelle Rivalitäten zu schaffen und in dieser geschaffenen Auseinandersetzung die Rolle des „guten Buben“ zu spielen.

Ein Bild des feindlichen Orients zu zeichnen und das eigene Selbst durch dieses Feindbild zu definieren, ist ein Erbe des antiken Griechenlands. Diese Haltung ist nicht neu, sondern eine alte Tradition, wie aus den Texten des berühmten Arztes Hippokrates hervorgeht, der im fünften Jahrhundert vor Christus lebte und die Perserkriege beschrieb. Macron konstruiert darauf aufbauend eine Analogie, die der französischen Kultur nicht fremd ist: Er stilisiert sich zu einer Mythosfigur, die beim Marathon läuft und das griechische Volk vor der nahenden Gefahr aus dem Osten warnt. Es ist ein Versuch Frankreichs, – ähnlich wie einst das feindliche Persien – den Islam zum Feind zu erklären, während es seine Heldenrolle in Sparta spielt.

Es muss eine neue nationale Heldenfigur her

Der französische Geist, der die Figur Marianne zu einer weltlichen Jungfrau Maria deklariert, muss mehr denn je auf kürzestem Wege Analogien herstellen und einen neuen Helden zaubern. Jemanden, der zeitgemäß und aktuell ist, weil, so scheint es, Frankreich heute kein neues, unerzähltes und authentisches Epos vorzulegen hat. Für ein Land, das seine Überlegenheit und Autorität auf Erzählungen und Narrativen aufgebaut hat, gibt es keinen anderen Ausweg.

Zudem sind die Geschichten aus Frankreichs historischer Vergangenheit äußerst schmutzig und schändlich. Die blutige Kolonialgeschichte, Menschenrechtsverletzungen, die Beteiligung am Völkermord in Ruanda und dutzende solcher Schandflecken machen es Frankreich schwer, wertvolle Geschichten aus seiner jüngsten Vergangenheit zu verbreiten. Aufgrund der grausamen Geschehnisse und Fakten ist es heute dem Land nicht möglich, aus alten Erzählungen eine neue Überlegenheitsgeschichte zu rekonstruieren. Deshalb ist es für Frankreich und Macron die einfachste Lösung, von einem Bild einer neuen Zivilisationskrise auszugehen und in diesem Konflikt die Rolle des Beschützers und Retters des Abendlandes zu spielen. Während das Paradigma des 11. Septembers noch andauert und die europäischen Länder mit Flüchtlingen aus vielen Regionen Asiens und Afrikas, insbesondere aus dem Nahen Osten, überfordert sind, scheint es für Macron recht günstig zu sein, eine so billige Rolle einzunehmen.

Ist Macron in dieser Geschichte Leonidas, so braucht er auch eine großartige Figur für die Rolle des persischen Kaisers Xerxes, der die Quelle des Bösen darstellt und die zivilisierte Welt bedroht. Die Krise in der islamischen Welt hat den Iran, das heutige Land von Xerxes, seit vielen Jahren zur einzigen Alternative für diese Rolle gemacht, obwohl er dafür überhaupt nicht geeignet war.

Türkei als Sinnbild des feindlichen Orients

Die Türkei ist in den letzten Jahren vor allem im militärischen Bereich stärker geworden und nimmt an politischer Bedeutung zu. Diese Veränderung erinnert jedoch Europa an seine Ängste aus dem Mittelalter. Auch wenn die Türkei keine Bedrohung für Europa ist und sich seit über 60 Jahren darum bemüht, Teil der EU zu werden, symbolisiert sie für viele Europäer noch heute den Geist des feindlichen Orients. In der Vorstellung der Europäer gibt es zwei Bilder vom Osten. Die erste Version ist der Osten von Arcadius und rivalisiert mit dem Westen von Honorius. Die zweite Auslegung des Ostens ist der mysteriöse Orient, die Quelle allen Übels. Es ist ein Abbild des Orients, das orientalistischer gar nicht hätte sein können: das märchenhafte Land der Riesen, Dschinn, Bösewichte und Plünderer.

Obwohl auch König Johannes aus dem Orient kommt, macht das den bösen Osten nicht sympathischer. Um einen neuartigen Helden zu kreieren, erinnert Macron an die Horrorgeschichten, die die Europäer in ihrer Kindheit gehört haben. Es ist jedoch nichts anderes als ein einfacher Kult um die Figur Leonidas, der den Kult um die Idolfigur Jeanne D'arc ersetzen soll. Ein konstruierter Kult, der den Menschen in Europa einredet, im Post-Merkel-Abendland zu Macrons Politik zu flüchten und sich dort in Sicherheit zu wägen. Während Macron in der internationalen Arena Leonidas spielt, ist er besorgt. Denn er könnte die Heldenrolle an Marine Le Pen verlieren, die in der französischen Innenpolitik ebenfalls die Rolle von Jean D'arc lieb gewonnen hat. Beide Politiker konkurrieren um die Rolle des Retters von Frankreich. Bei ihrer Rivalität sind sie auch im Wettkampf, Feinde zu erzeugen. Dieser innenpolitische Kampf hat zu einem brisanten Kampf der Kulturen in Frankreich geführt – in einem Land, in dem ein bedeutender Anteil von Muslimen nordafrikanischer Herkunft lebt. Selbst Samuel Huntington hätte einen so billigen und sinnlosen kulturellen Konflikt nicht vorhersagen können.

Unser aller Hoffnung ist nun, dass in der europäischen Politiklandschaft eine vernünftige Figur auftaucht und echte Politik betreibt, mit einer echten Agenda zu echten Problemen. Bis dahin werden wir wohl leider die albernen Geschichten, an die sich Macron aus seiner Kindheit erinnert, weiterhin zu hören bekommen.

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