Der dänische Oberbürgermeister von Rostock, Claus Ruhe Madsen, auf dem Fahrrad. Foto: Joachim Kloock/Rathaus Rostock (Joachim Kloock/Rathaus Rostock)

von Ali Özkök TRT Deutsch hat mit Claus Ruhe Madsen gesprochen. Als Däne ist er der erste ausländische Oberbürgermeister einer deutschen Großstadt. Seit September 2019 steht er der Hansestadt Rostock vor.


Obwohl Sie Däne sind und eigenen Angaben zufolge nicht vorhaben, die Staatsbürgerschaft zu wechseln, sind Sie mit deutlicher Mehrheit zum Oberbürgermeister gewählt worden. Hat Ihre Herkunft bei der Wahl überhaupt eine relevante Rolle gespielt?

Die Wahl eines ausländischen Oberbürgermeisters ist ein starkes Zeichen dafür, dass den Menschen in Rostock „der Pass egal ist”.

Wie stehen Sie zur Frage eines kommunalen Wahlrechts für Drittstaatenangehörige?

Wer in Rostock lebt, soll hier auch wählen dürfen. Das hat auch unsere Bürgerschaft am 11. November 2020 im Rahmen unseres 2. Integrationskonzeptes beschlossen. Wir setzen uns für eine entsprechende Gesetzesänderung ein. Während Rostock noch 1992 bundesweit mit rassistischen Ausschreitungen in Verbindung gebracht worden war, ist die Hansestadt heute jene mit der größten ausländischen Wohnbevölkerung in Mecklenburg-Vorpommern. Was hat sich in nur 20 Jahren so fundamental verändert? Auch Rostock ist in den letzten Jahren immer internationaler geworden. Während der Anteil der Menschen mit einer ausländischen Staatsbürgerschaft in Rostock im Jahr 2014 noch bei knapp vier Prozent lag, hat sich die Zahl fast verdoppelt (7,9 Prozent - Stand 12/2020). Dort, wo Menschen aus verschiedenen Kulturen zusammenleben, steigen die Anerkennung und Wertschätzung von Vielfalt. Die rassistischen Ausschreitungen 1992 von Rostock-Lichtenhagen haben eine schmerzende Narbe in der Stadt hinterlassen. Seitdem ist jedoch viel Positives passiert und entwickelt worden. Doch das muss immer wieder neu erarbeitet werden. Wir können hier immer noch besser werden und müssen uns dafür engagieren. Die Ergebnisse eines Modellprojektes „Weltoffene Kommune Rostock“ zeigen: Rostock steht auch im Vergleich mit anderen Kommunen ganz gut da, wenn es um Vielfalt und Toleranz geht. Das wiederum ist ein großartiges Signal für die Stadt, denn sie konnte diesen Schatten hinter sich lassen und nach vorne strahlen.

Rostocks Oberbürgermeister Claus Ruhe Madsen mit der Ernennungsurkunde. | Foto: Joachim Kloock/Rathaus Rostock (Joachim Kloock/Rathaus Rostock)

Auf welche öffentliche und private Infrastruktur kann Rostock bei seiner Integrationsarbeit zurückgreifen und gibt es spezielle Programme für Zuwanderer aus den zuletzt besonders bedeutsamen Herkunftsländern wie Syrien oder Afghanistan? In Rostock gibt es bereits seit Jahren ein vielfältiges Beratungs- und Unterstützungsnetzwerk für Migrant*innen, das grundsätzlich von allen Zugewanderten in Anspruch genommen werden kann. Die Akteure der Integrationsförderung sind im „Kommunalen Netzwerk für Integration“ vernetzt, das von der Integrationsbeauftragten der Stadt koordiniert wird. Seit dem Herbst 2015 gibt es zusätzliche Unterstützungsstrukturen, um den geflüchteten Menschen beim Ankommen behilflich zu sein. Für den Personenkreis der Asylbewerbenden, Geduldeten und Geflüchteten mit Aufenthaltstitel wurde eine eigene Anlaufstelle eingerichtet. Darüber hinaus gibt es weitere bundesgeförderte, aber auch ehrenamtliche Projekte für die Menschen aus den besonders bedeutsamen Herkunftsländern. Diese Angebote nach Auslaufen der Landes- und/oder Bundesförderung auch in Zukunft zu ermöglichen, ist eine große Herausforderung. Wo sehen Sie als kommunalpolitischer Praktiker die größten Herausforderungen in den Bereichen Migration und Integration in den kommenden Jahren und wie hat sich Rostock darauf eingestellt? Rostock ist der wirtschaftliche Motor in Mecklenburg-Vorpommern. Die Stadt steht auf solider finanzieller Basis. Diese sehr komfortable Situation wird sich jedoch vermutlich durch die Pandemie und ihre Folgen wieder verschlechtern. Die Region lebt mit und vom Tourismus, der nun vollständig zum Erliegen gekommen ist. Die Auswirkungen auf dem Arbeitsmarkt betreffen natürlich auch Migrant*innen, wobei sich das konkrete Ausmaß sicherlich erst in einigen Monaten zeigen wird. Als „Hafenstadt“ steht Rostock für „Weltoffenheit“. Für uns heißt das, weitere Angebote der interkulturellen Öffnung und des Diversity Mainstreamings zu schaffen und interkulturelle Begegnungen und Projekte zu ermöglichen. Aktuell stehen die Planungen der bundesweiten Auftaktveranstaltung der Interkulturellen Wochen am 26. September im Rostocker IGA Park unter dem Motto #offen geht – Rostock ist bunt. Und als „Smile City“ wollen wir Digitalisierung, Menschenfreundlichkeit und Vielfalt miteinander verbinden. Dabei geht es nicht nur darum, den Menschen zuzuhören und ihnen Angebote zu machen, sondern sie zum Mitmachen zu ermutigen. Ich setze dabei auf die enge Zusammenarbeit mit Akteur*innen und Organisationen aus der Zivilgesellschaft, insbesondere mit dem Migrant:innenrat der Stadt und dem Kommunalen Netzwerk Integration. Vielen Dank für das Gespräch!

TRT Deutsch