Ahmet Külahçı während des Interviews mit TRT Deutsch (TRT Deutsch)

von Emre Bölükbaşı 1961 wurde das deutsch-türkische Anwerbeabkommen unterzeichnet. Mit der Einwanderung der ersten türkischen „Gastarbeiter“ begann ein großer gesellschaftlicher Wandel in Deutschland. Millionen von Türkischstämmigen prägen seither das Land mit.

Einer von ihnen ist der erfahrene Journalist Ahmet Külahçı. 1969 zog es ihn von Anatolien nach Frankreich, wo er ein Medizinstudium begann. Dieses brach er jedoch ab und kam 1973 in Deutschland an. Nach seinem Studium der Publizistik, Politischen Wissenschaften und Allgemeinen Sprachwissenschaften in Bochum begann seine erfolgreiche journalistische Laufbahn bei der Hürriyet.

Im Interview mit TRT Deutsch berichtete Külahçı über seine Erfahrungen in Deutschland, die Probleme der ersten Generationen der Türkischstämmigen und ihre heutige Situation.

Herr Külahçı, wie hatten Sie sich das Leben in Deutschland vor ihrer Ankunft vorgestellt? Welche Schwierigkeiten hatten Sie, nachdem Sie dort angekommen waren?

Wir hatten in Derebucak, wo ich geboren und aufgewachsen bin, Bekannte und Verwandte, die nach dem Anwerbeabkommen als Gastarbeiter nach Deutschland ausgewandert waren. Basierend auf den Erzählungen der ausgewanderten Arbeiter hatten wir ein bestimmtes Bild von Deutschland vor unseren Augen. Doch als ich in Deutschland ankam, sah ich ein noch weiter entwickeltes Land – in wirtschaftlicher, industrieller und kultureller Hinsicht.

Ich selbst war weder in Frankreich noch in Deutschland mit Schwierigkeiten konfrontiert. Ich hatte als Student viele Freunde aus diversen Ländern. Das heißt aber nicht, dass es allen Türkischstämmigen in Deutschland so ging.

Welche Probleme hatten die türkischen Einwanderer in Deutschland? Welche Unterschiede zur heutigen Situation können Sie feststellen?
Viele Menschen hatten große Schwierigkeiten, so weit wir das damals miterlebten und mitbekamen. Als Student besuchte ich manchmal Gerichte, um für die türkischstämmigen Menschen dort zu übersetzen, weil diese sich nicht auf Deutsch ausdrücken konnten. So wurde ich auch in die „Heime“ eingeladen, wo die Menschen lebten. Ich sah, wie sieben, acht Menschen ein Zimmer teilen mussten. Sie hatten weder getrennte Badezimmer, noch getrennte Küchen. Eine Küche wurde zum Beispiel von fünfzig oder hundert Menschen benutzt.

Ahmet Külahçı während des Interviews mit TRT Deutsch (TRT Deutsch)

Diese Menschen haben zehn, zwölf oder 14 Stunden am Tag geackert, um ihren Lebensunterhalt zu sichern. Diese Menschen kannten weder Tag noch Nacht. Ich weiß das aus eigener Erfahrung. Als ich in Bochum studierte, arbeitete ich bei Opel. Gegen Mittag merkte ich, dass die Arbeit für mich zu anstrengend war. Nach dem dritten Arbeitstag hörte ich schon auf. Ich erzähle das, um klarzumachen, wie schwierig solche Arbeit ist.

In die ersten Einwanderer wurde damals auch nicht investiert, etwa in Form von Sprachkursen. Diesen Menschen wurden keine Möglichkeiten in der Hinsicht angeboten. Für die zweite Generation gilt dasselbe. Weil die türkischstämmigen Kinder die Sprache nicht beherrschten, wurden sie in der Schule von ihren deutschen Freunden getrennt. Ihrer Bildungslaufbahn wurde kein großer Wert beigemessen. Ende der 1970er und Anfang der 1980er Jahre konnten etwa mehr als 20 Prozent der Türkischstämmigen nicht mal die Grundschule besuchen.

Später änderte sich die Situation allmählich. In der Bildung sind türkischstämmige Jugendliche nun viel erfolgreicher, wenn man die Situation mit früheren Jahren vergleicht. Wir sind nicht mehr nur Arbeitnehmer, sondern haben inzwischen viele türkischstämmige Arbeitgeber. Wir haben Menschen aus der türkischen Community, die mit einem Impfstoff die Welt retten.

Sie gelten als einer der bedeutendsten türkischstämmigen Journalisten in Deutschland und pflegen stets gute Beziehungen zu hochrangigen Politikern. Wie gelang Ihnen dies?

Nachdem ich 1980 die Universität abgeschlossen hatte, begann ich bei Hürriyet zu arbeiten. Es gab aber zu der Zeit keine Türkischstämmigen, die in Deutschland studiert oder Journalismusschulen besucht hätten. Als ich anfing zu arbeiten, begann ich sofort mit Interviews mit deutschen Politikern. Vor allem während meiner Zeit in Bonn knüpfte ich sehr gute Kontakte. Als Hürriyet hatten wir nie Schwierigkeiten und bekamen von deutschen Politikern stets Zusagen für Interviews.

Ich hatte mehrere Interviews mit Richard von Weizsäcker, den ich aus meiner Zeit aus Berlin kannte. Auch danach hatte ich zu allen anderen Bundespräsidenten sehr gute Beziehungen. Zuletzt sprach ich mit Steinmeier anlässlich des 60. Jahrestags des Anwerbeabkommens. Mit Angela Merkel, Gerhard Schröder oder Helmut Kohl hatte ich auch mehrere Interviews. In meinen Beziehungen zu diesen Politikern hatte ich nie Probleme.

Wir begehen den 60. Jahrestag des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens. Nach wie vor ist Rassismus ein großes Problem in Deutschland. Woran liegt das?

Hier sind sowohl Gesellschaft als auch Politik wichtig. Der erste Ausländerbeauftragte der Bundesregierung, Heinz Kühn, veröffentlichte 1979 das sogenannte Kühn-Memorandum. Tatsächlich wurden bis heute manche der darin enthaltenen Vorschläge nicht umgesetzt. Er schlug vor, Menschen, die seit fünf oder acht Jahren in Deutschland leben, auf lokaler Ebene das Wahlrecht zu geben. Etwa 40 Jahre später sehen wir, dass diese Vorschläge noch immer nicht umgesetzt wurden.

Auch deutsche Medien tragen eine Mitschuld. Studien zeigen, dass über Türkischstämmige bislang sehr oft in einem negativen Kontext berichtet wurde. Die Nachrichten über den Islam dämonisieren die Religion. Vor allem nach dem Terroranschlag in den USA im Jahr 2001 wurde dies deutlicher und die Muslime hierzulande wurden mit mehr Problemen konfrontiert. Ich kann überdies nicht verstehen, weshalb über die Türkei in einem so schlechten Licht berichtet wird. Ich denke, die deutschen Medien müssten in dieser Hinsicht verantwortungsbewusster sein.

Vor kurzem hat Bundespräsident Steinmeier Deutschland als ein „Land mit Migrationshintergrund“ bezeichnet. Wie würden sie vor diesem Hintergrund die Beiträge der Türkischstämmigen für Deutschland bewerten?

Die deutsche Wirtschaft hat auf jeden Fall von den Türkischstämmigen profitiert. Auch zur Kultur trugen diese Menschen bei. Der größte Fehler Deutschlands war es, an der These „Deutschland ist kein Einwanderungsland“ festzuhalten. Es hätte noch besser von dem Potenzial dieser Menschen profitiert werden können, aber viele begabte Menschen wurden diskriminiert und hatten keine Entwicklungsmöglichkeiten.
Vielen Dank für das Gespräch!

TRT Deutsch