AfD-Aussteiger Alexander Leschik im TRT Deutsch-Interview. (TRT Deutsch)

von Ali Özkök Wie viele Konservative in Deutschland, die mit dem politischen Kurs der Union unzufrieden waren, hat sich der heute 21-jährige Alexander Leschik aus dem westfälischen Münster für die AfD engagiert. Bereits im Alter von 15 Jahren war er für die Rechtspopulisten aktiv. Heute bekommt er Morddrohungen aus den Reihen der Partei, die er verlassen hat und deren Radikalisierung er in einem Buch dokumentiert hat. Mit TRT Deutsch sprach er über die Entwicklung der AfD, über das Entstehen von Echokammern und über Fehler der Zivilgesellschaft im Umgang mit gemäßigten rechtskonservativen Kräften. Obwohl die Afghanistan-Krise eine Debatte über eine mögliche neue Flüchtlingskrise ausgelöst hat, liegt die AfD in der jüngsten Forsa-Umfrage mit gerade mal 10 Prozent sogar unter dem Ergebnis von 2017. Ist das der Anfang vom Ende der Partei? Der Anfang vom Ende der AfD mit bürgerlichem demokratischen Spektrum. Wir sehen, dass die AfD sich wegbewegt hat von einer eurokritischen Partei hin zu einer rechtsradikalen Höcke-AfD. Und das treibt die Wähler da weg von der Partei, das treibt die enttäuschten Konservativen und liberalen Reformern aus der Partei. Am Ende verbleibt nur noch ein sehr enttäuschter Prozentsatz an Konservativen und Liberalen und eben ein großer Anteil mit Rechtsradikalen in dieser Partei, der man kein Vertrauen schenken wird. Sie sind Co-Autor eines jüngst erschienenen Buches „Im Bann der AfD“, in dem Sie anhand von Daten, Fakten und nicht zuletzt auch Gesprächs- und Chat-Protokollen illustrieren, wie radikal Teile der Partei sind. Sie waren selbst aktiv in AfD und JA, heute sagen Sie, dass die Partei als eine konservative begonnen und als eine rechtsradikale geendet habe. Wann und wodurch sind Sie zu dieser Entscheidung gelangt? Wir meinten lange Zeit, dass die Radikalisierung ein schleichender Prozess wäre. Heute muss ich sagen, da haben wir uns getäuscht. Die AfD wurde systematisch von rechtsradikalen Kräften unterwandert. Es gab Vereine und Strukturen wie „Ein Prozent“ oder wie das „Compact-Magazin“, die systematisch Leute geschult haben und vorbereitet haben, am rechten Rand der Gesellschaft diese Partei zu agitieren. Und lange Zeit war es so, dass es diese Entgleisungen gab am rechten Rand der Partei. Die wurden kritisiert und die Kritik an diesen Entgleisungen, die war mehrheitsfähig. Für das Jahr 2021 habe ich beobachtet, dass die Kritik an diesen Entgleisungen überhaupt nicht mehr mehrheitsfähig ist. Zuvor haben wir Höcke aus eigener Kraft nicht auf 50 Prozent der Stimmen kommen lassen. Die Kritiker von ihm und diejenigen, die sich gegen den rechten Rand stellen, haben heute aber überhaupt keine Chance mehr auf Mehrheiten auf dem Parteitag. Das haben wir auch Nordrhein-Westfalen gesehen, im größten Landesverband, wo von den ersten 12 Listenplätzen nur zwei Kritiker des Höcke-Lagers einen Platz auf der Zweitstimmenliste für den Bundestag erringen konnten. Der Rest besteht mittlerweile auch in Westdeutschland ausschließlich aus Höcke-Anhängern und auch solchen, die dieses Lager protegieren.

Das gängige Narrativ in den meisten Medien, aber auch in Kreisen der AfD, die sich als bürgerlich bezeichnen, lautet, dass man Björn Höcke und dessen Anhänger aus der Partei drängen müsse. Dann wäre auch die AfD wieder eine gemäßigte Partei. Ist diese Position so zu halten? Ich glaube, diese Frage stellt sich in diesem Jahr gar nicht mehr. Die AfD ist im Jahr 2021 eine Höcke-Partei und alle Experten werden in ihrer großen Mehrheit sagen, dass das Herausdrängen von ihm und seinen Strukturen aus der Partei nicht möglich ist. Der Flügel wurde nur zum Schein aufgelöst, da die Parteistrukturen nahezu vollständig übernommen wurden im Osten des Landes und momentan auch erfolgreich im Westen des Landes. Wir erleben, dass Höcke und seine Leute bei Bundesparteitagen immer stärker mehrheitsfähig werden, dass die AfD in ihrem Programm Zuwanderung mittlerweile vollständig ablehnt, die Europäische Union verlassen möchte und die Verhältnisse und Beziehungen zu unseren westlichen Bündnispartnern vollständig infrage stellt. Das Vertrauen in die staatlichen Institutionen wie den Verfassungsschutz geht auf den Tiefpunkt, ist überhaupt nicht mehr gegeben. Unsere Partei hat sich völlig weg davon entwickelt, eine staatstragende Kraft zu sein. Und die Kräfte, die jetzt noch gemäßigt sind in der AfD, haben überhaupt nicht mehr die Stärke und die Kraft und in manchen Teilen auch nicht mehr den Willen, sich gegen den Flügel um Höcke und seine Anhänger zu stellen. Rechnen Sie damit, dass Parteisprecher Jörg Meuthen, der zuletzt versucht hat, einer Radikalisierung der Partei entgegenzutreten, nach der Bundestagswahl abgewählt wird? Oder könnte es eine Parteispaltung geben? Ich kann mir nicht vorstellen, dass Meuthen auf dem Bundesparteitag Ende des Jahres noch einmal eine Mehrheit für sich gewinnen kann. Die Stärke des Flügels übersteigt bei den Delegierten, aber mittlerweile auch an der Mitgliederbasis mehr als 50 Prozent der Beteiligten. Wir werden sehen und beobachten, dass nach der Bundestagswahl entweder direkt nach dem Bundesparteitag oder schon im Vorfeld weite Teile der Fraktion und Leute aus dem gemäßigten Flügel, die nicht noch mal in den Bundestag gewählt werden, diese Partei verlassen werden. Und wir werden erleben, dass sich diese Politikerinnen und Politiker, diese Abgeordneten dann hinwenden werden zu einer neuen Kraft in Form der Freien Wählern, oder den Anschluss an FDP und CDU versuchen werden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die AfD als geeinte Fraktion am Ende des Jahres noch besteht und ich kann mir nicht vorstellen, dass gemäßigte Kräfte wie Meuthen Ende des Jahres noch Teil der Partei sind. Zuletzt hatte die AfD versucht, durch Annäherung an Corona-Verharmloser und Impfgegner die „Querdenken“-Bewegung für sich zu gewinnen. Offenbar war die Stimmung in der Bevölkerung insgesamt aber eine andere als in diversen Telegram-Gruppen. Wird die AfD zu einer Echokammer-Partei, die in ihrer eigenen Realität lebt, aber keine Wirkung mehr nach außen entfaltet? Das hat tatsächlich ganz gut gezeigt, dass die AfD völlig weg von ihrem Anspruch ist, eine staatstragende Partei zu sein. Berechtigte Kritik an einzelnen Corona-Maßnahmen der Regierung, die Arbeitsplätze gekostet haben, die Menschen in ihrer Existenz bedroht haben, wurden vermengt mit rechtsesoterischen Verschwörungstheorien, die tief verwurzelt sind in der Bundestagsfraktion der AfD - und auf oberster Funktionärsebene der Partei mittlerweile Freunde gefunden haben. Die Partei hat tatsächlich eine soziale Echokammer erzeugt, in der sich ihre Mitglieder und auch einige Wähler befinden. Das liegt einerseits daran, dass man glaubt, die absolute Wahrheit zu kennen, und man glaubt, die AfD sei tatsächlich die letzte Chance, in Deutschland einen Wandel, einen konservativen Wandel zu bringen. Andererseits hängt das aber auch damit zusammen, dass viele AfD-Wähler und Mitglieder gesellschaftlich mit Ausgrenzung zu tun hatten. Das man ausgegrenzt wurde am Arbeitsplatz, an einer Universität, an der Schule und dass man sich irgendwann, wenn Freunde oder Familienmitglieder den Kontakt abbrechen, allein in einer Blase, in einem Umfeld wiederfindet, wo alle Menschen dieselbe Haltung teilen. Und in diesem Umfeld, in dem viele AfD-Mitglieder und Funktionäre gefangen sind, radikalisiert man sich schnell, weil man gefangen ist. Nur mit Gleichgesinnten, wo alle dieselben Positionen vertreten oder der Drang schnell da ist, nur noch radikaler, noch mutiger, noch derber zu sein mit dem, was man sagt. Und das ist eine Radikalisierungsspirale, die in der AfD kaum noch aufzuhalten ist. Deshalb ist es wichtig, mit denjenigen, die noch gemäßigt sind die noch bürgerlich sind, moderat das Gespräch zu suchen und diese Leute wieder zurückzugewinnen. Für die etablierten Parteien und für die demokratische Gesellschaft.

Gab es denn auch konkrete Momente der Radikalisierung, die Sie vielleicht selbst durchmachen mussten? Also ich selbst oder in meinem AfD-Umfeld war niemand, der fremdenfeindlich war oder ausländerfeindliche Positionen vertreten hat. Lange war der Ton in meinem Umfeld auch moderat. Der Flügel hat es aber geschafft, den Ton in der Partei maßgeblich zu bestimmen. Der hat sich moralisch unkooperativ gegeben. Der Flügel hat irgendwann nach dem Abgang von Bernd Lucke das Image in der AfD gehabt, dass er darauf aufpasst, dass die Partei der Linie treu bleibt, Deshalb sind die Gemäßigten in der Partei, wenn sie überleben und ihre Ämter und Funktionen behalten wollten, immer mehr dazu übergegangen, verbalen Radikalismus an den Tag zu legen. Da wurde dann eben nicht mal Einwanderungspolitik differenziert kritisiert, da wurden nicht einzelne Punkte des Islams kritisiert, sondern es wurde von der Massenmigration, der Flut an Menschen, den Muslimen, den Kopftuchmädchen gesprochen und das wurde auch im Bundestag artikuliert. Und das ist eine Entwicklung, die dazu geführt hat, dass die Flügel-Leute in der AfD sehr, sehr stark wurden und diejenigen Gemäßigten, die irgendwann nicht mehr mitspielen, in der Partei ausgegrenzt werden. Die werden bedroht und aus der Partei herausgedrängt, das ist der Grund, weshalb auch ich irgendwann die Konsequenz gezogen habe. Momentan kommen regelmäßig Morddrohungen aus der AfD. Da sind dann Briefe und Mails dabei, wo Mitglieder und Anhänger der Partei einem wünschen, dass Bomben in den Gedärmen detonieren, so was hört man häufig aus den gemäßigten AfD-Kreise. Menschen werden in der Partei massiv angefeindet, stehen unter massivem Druck und ich glaube, das ist auch einer der Punkte, der viele Menschen dazu bringt, einen Cut zu setzen. Auf der einen Seite der Druck von außen und die fehlende Akzeptanz für jemanden, der die Reißleine zieht, der damals immer noch zu kämpfen hatte mit der Antifa, nachdem er ausgetreten ist. Auf der anderen Seite dieser massive Druck von innen. Man fühlt sich ein Stück weit zwischen den Stühlen und die Menschen wissen nicht ganz, wohin mit ihnen und haben eine große Sorge, dass, wenn sie aus der AfD austreten, dann nichts mehr da ist. Weder eine Zivilgesellschaft, die sie auffängt, noch das in der Partei, in der sie sich irgendwann geborgen gefühlt hatten. Und das macht es diesen Leuten schwer. Dabei haben derzeit sehr viele Leute Austrittsgedanken.

Warum klappte es bei Ihnen so erfolgreich, wenn ich fragen darf, oder wie sind Sie damit umgegangen im Konkreten?

Also ich hatte das große Glück, dass bei mir Freundeskreis und Familie, die mehrheitlich eher links der Mitte sozialisiert waren, nie den Kontakt abgebrochen haben. Man hat verschiedene Meinungen vertreten, man hat sich dann auch mal gestritten und ist auch heftig aneinandergeraten, verbal. Trotzdem konnte man am Ende des Tages immer noch ein Bierchen zusammen trinken, miteinander quatschen und die freundschaftlichen Familienbande standen im Mittelpunkt, nicht die politischen Ansichten. Andere Funktionäre aus meinem Umfeld in meiner Partei haben es erlebt, dass sich der Freundeskreis abgewendet hatte, dass man auf einmal nicht mehr auf Geburtstage eingeladen war, dass man dann eben doch nicht mehr denselben Bruder oder Kollegen hatte. Und dann fanden sich diese Menschen ganz schnell in der Echokammer der AfD wieder.

Dann kommt man auf die Facebook-Timeline und das Einzige, was man sieht, sind Menschen, die dieselben Ansichten vertreten. Und die sich in ihrer Radikalität immer mehr hochschaukeln, da bekommt man den Eindruck ganz, ganz schnell, dass die eigenen Facebook-Timeline die Realität ist, dass jeden Tag in Deutschland eine Frau vergewaltigt wird, dass Menschen umgebracht werden und dass Erscheinungen, Probleme, die es dann natürlich gibt, aber nicht ansatzweise in dieser Quantität und Qualität, den Alltag aller Menschen in Deutschland prägen würde. Man hat eine ganz verzerrte Wahrnehmung der Realität und da haben sich viele Menschen, die eben nicht dieses private Umfeld hatten und als Gemäßigte in der Partei gestartet waren, nach und nach radikalisiert und sind am Ende beim Flügel gelandet oder protegieren diesen.

VIelen Dank für das Gespräch!

TRT Deutsch