Westjordanland: Palästinenser protestieren nachts gegen Siedler (AFP)

Vor der Kleinstadt Beita im von Israel kontrollierten Westjordanland türmen sich die Autoreifen. Eine Gruppe palästinensischer Männer schichtet die Reifen auf und zündet den Haufen schließlich an. „Wir machen das so lange, bis der Rauch des Gummis in ihre Zimmer zieht“, sagt einer von ihnen. Er meint die jüdischen Siedler, die seit Mai auf der anderen Seite des Tales leben. Die Palästinenser aus Beita haben sich eine neue Taktik überlegt, um sich gegen die ihnen verhassten Siedler zu wehren. Von Anbruch der Dunkelheit bis zum Morgen stiften sie Unruhe, um das Leben der Israelis unerträglich zu machen. Brennende Reifen, Hupen, Böller und grelle Laserstrahlen sind dabei ihre Mittel der Wahl. „Sie werden nicht auf unserem Land bleiben“, sagt ein Demonstrant, der sein Gesicht hinter einem Schal verbirgt. Der neu errichtete Außenposten der Israelis trägt den Namen Eviatar, benannt nach einem Siedler, der 2013 in der Nähe von Beita erstochen wurde. Anfang Mai ließen sich gut 50 Familien dort nieder und errichteten Hütten und Zelte. Raad, ein junger Mann aus Beita, dachte anfangs noch, die Siedler würden nur „ein oder zwei Tage bleiben“. Aber in weniger als 48 Stunden hätten sie „mehr als 20 Wohnwagen aufgestellt“. Schon kurz nach der Ankunft der ersten Siedler in Eviatar gab es täglich Proteste, die regelmäßig in Auseinandersetzungen mit israelischen Soldaten endeten. Laut dem palästinensischen Roten Halbmond wurden dabei vier Palästinenser getötet und mehr als 300 verletzt. Die Bewohner von Beita, einem 17.000-Einwohner-Ort südlich von Nablus, verfolgen aber nun ihre neue Strategie: Anstatt tagsüber zu protestieren treffen sie sich nachts, um die Siedler wach zu halten.

Westjordanland: Mit giftigem Rauch gegen jüdische Familien (AFP)

Sobald sich das Abendlicht über die Olivenbäume legt, kommen die Laster mit den Reifen angefahren. Junge Männer stapeln sie auf und zünden sie an - bis der Rauch den Himmel verdunkelt und das Atmen schwer fällt. Der Wind trägt die schlechte Luft in Richtung der Siedler. „Leben in einer Wolke krebserregenden Rauchs“ Viele kleinere Feuer und brennende Fackeln erleuchten den Hügel gegenüber von Eviatar. Einige Demonstranten, darunter auch Kinder, richten grüne Laserpointer auf die Fenster der Siedler. Andere schießen Feuerwerkskörper ab, deren Explosionen durch die Nacht hallen. Der Protest sei „einfach verrückt“, erklärt einer der Gründer der Siedlung, Tsvi Succot, im Onlinedienst Twitter. „Wir leben in einer Wolke krebserregenden Rauchs. Die Kinder husten und werden krank“. Vertreiben lassen wollen sich die Siedler aber nicht. „Es ist ihr Dorf, das zerstört werden sollte“, schreibt Succot über die Palästinenser. Mehr als 650.000 Israelis leben inzwischen in den Siedlungen im seit 1967 von Israel kontrollierten Westjordanland. Palästinenser behaupten, alle Siedlungen wären illegal, weil sie das gesamte zuvor von Jordanien annektierte Gebiet als Teil eines künftigen eigenen Staates beanspruchen. Die israelische Regierung unterscheidet zwischen von ihr genehmigten und illegalen Siedlungen. Eviatar wurde jedoch auch ohne die erforderliche Genehmigung von israelischen Behörden errichtet und gilt deshalb als Außenposten. Obwohl Verteidigungsminister Benny Gantz den Rückbau der Siedlung angeordnet hatte, legte Ex-Regierungschef Benjamin Netanjahu den Abriss auf Eis. Die Demonstranten in Beita sind sich sicher, dass ihre nächtlichen Proteste zum Erfolg führen werden. „Sie werden gehen“ sagt der 77-jährige Ghaleb Abu Saitun, während er die Rauchwolke betrachtet. Kommen die Demonstranten der Siedlung zu nahe, feuern israelische Soldaten Tränengas ab. Bricht der Morgen an, gehen die Demonstranten nach Hause und schlafen, um am nächsten Abend wieder bereit zu sein.

AFP