03.03.2021, Syrien, Idlib: Fausi Schahadat steht mit seinen vier Kindern oberhalb des Lagers, in dem sie wohnen. Fausi wurde 2018 aus dem Gouvernement Daraa vertrieben. (DPA)

Allein die Zahlen zeichnen ein verheerendes Bild. Seit Ausbruch des Bürgerkriegs in Syrien vor zehn Jahren haben Hunderttausende Menschen ihr Leben verloren. Mehr als 13 Millionen wurden vertrieben. Mehr als die Hälfte der Syrer leidet heute unter Schlafstörungen, Angst und Depressionen. Die Hoffnung auf einen Frieden? Gering. Und dennoch sagt Scheich Ahmed al-Sajasna: „Wir haben keine Reue. Im Gegenteil. Ich fühle mich zufrieden und stolz.“
Der blinde Geistliche, heute Mitte 70, gehörte 2011 zu den Wortführern der Syrer, die angespornt von den Aufständen in der arabischen Welt auch in der südsyrischen Stadt Daraa aufbegehrten. An einem Freitag - drei Tage nach der ersten Demonstration in der Hauptstadt Damaskus am 15. März - versammelten sich die Menschen erst zum Gebet in den Moscheen und strömten dann auf die Straße, wo sie ihrem Unmut Luft verschafften. „Freiheit, Freiheit“, riefen sie.
Doch der Machthaber Baschar al-Assad reagierte, wie es typisch für die Herrschaft seiner Familie ist: Er schickte seine Truppen, die auf die Demonstranten schossen, erst mit Tränengas, dann mit echter Munition.
Zehn Jahre später sind keine Anzeichen für eine politische Lösung des Konflikts zu erkennen. Zwar ist die Gewalt zuletzt zurückgegangen, doch alle Gespräche über eine politische Lösung stehen still. Manche Beobachter sehen Assad und seine Anhänger mittlerweile als Gewinner, weil sie wieder rund zwei Drittel des Landes kontrollierten. De facto ist Syrien allerdings dreigeteilt: in Gebiete unter Kontrolle der Regierung, der Opposition und der Terrororganisation PKK/YPG.
Das Land ist von einer massiven wirtschaftlichen Not geplagt, unter der ein Großteil der Bevölkerung leidet. Vor dem zehnten Jahrestag des Konflikts schicken Hilfsorganisationen täglich Schreckensmeldungen über die humanitäre Not in Syrien, weiter verschärft durch die schwere Wirtschaftskrise im benachbarten Libanon und die Corona-Pandemie, der das Gesundheitssystem nicht gewachsen ist. Hunger grassiert in Syrien

11.03.2021, Syrien, Idlib: Ein syrisches Kind hockt vor einem Zelt im Flüchtlingslager Batenta für Binnenflüchtlinge, etwas westlich der Stadt Idlib. (DPA)

Während das syrische Pfund abstürzt, steigen die Preise immer weiter. Es mangelt an Treibstoff, Medikamenten und vor allem an Nahrung. Der Hunger grassiert in Syrien schon seit langem. Rund zwölf Millionen Menschen in dem Bürgerkriegsland hätten nicht genug zu essen, warnt das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP). Fausi Schahadat, 42 Jahre alt und Vater von fünf Kindern, hat sich die Mütze an diesem Tag Ende Februar weit über die Stirn gezogen, um sich gegen die Winterkälte zu schützen, während er auf dem Boden eines Zeltes in einem Flüchtlingslager hockt. Er spricht mit Wut, dann auf einmal klingt seine Stimme fast verzweifelt: „Wir leiden hier alle unter Hunger“, sagt er. „Wir leiden hier alle unter Armut.“ Auch Schahadat gehörte 2011 zu den Demonstranten in Daraa, seit rund zwei Jahren aber lebt er als Vertriebener im Oppositionsgebiet um die Stadt Idlib im Nordwesten Syriens. Er schimpft auf Assad und dessen „Verbrecherregime“, das sogar Schulen bombardiere und Kinder töte. „Ist das vorstellbar? Es gibt ein Regime, das die Kinder umbringt.“ Auch wenn Schahadat jetzt ein einfaches Haus in einem Lager mieten konnte, ist sein Leben in einer Sackgasse gelandet, wie das Millionen anderer Syrer. Er läuft mit seinem Handy, über das er das Interview führt, nach draußen, um die Umgebung zu zeigen: brauner Boden auf einer Anhöhe, felsig und trocken. Am Horizont sind weiße Zelte von Vertriebenen zu erkennen: „Seht ihr“, sagt er. „Überall Lager.“ Diktator Assad und seine Anhänger machen nach zehn Jahren Bürgerkrieg nicht den Anschein, als seien sie zu Kompromissen bereit. Der Machthaber kündigte vielmehr mehrfach an, Syrien „bis zum letzten Fleck befreien“ zu wollen. Auf der Seite seiner Gegner wiederum ist immer wieder zu hören, dass der Aufstand zwar nicht erfolgreich gewesen, aber lange noch nicht vorbei sei. „Diese Revolution ist größer als die iranische oder die französische“, sagt Scheich Al-Sajasna, der heute in Katar lebt.

DPA