Symnbolbild: Eine Frau mit Kopftuch während einer Konferenzveranstaltung

TRT Deutsch hat mit der Ethnologin Dr. Simone Pfeifer gesprochen. Ihre Forschungsschwerpunkte sind visuelle Anthropologie und Medienethnologie. Derzeit arbeitet sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Ethnologie und Afrikastudien der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Im zweiten Teil des Interviews spricht sie über rassistische Strukturen und Ausgrenzungsprozesse - hier geht es zum ersten Teil des Interviews.

Von 2018 bis zum Lockdown im März 2020 nahmen sie an Frauentreffen in sechs Moscheegemeinden unterschiedlicher Ausrichtung teil. Dabei haben Sie festgestellt, dass die betroffenen Musliminnen eine Auseinandersetzung mit Extremismus und Terrorismus oft als aufgezwungen wahrnehmen. Welche Rolle spielen in diesem Prozess die mediale Berichterstattung und die Politik?

Zahlreiche Studien und wissenschaftliche Arbeiten haben sich bereits mit dem Zusammenhang von Medienberichterstattungen und der Wahrnehmung von Muslim*innen innerhalb der Gesellschaft beschäftigt. Häufig wird durch die Auswahl von Bildern und Bezeichnungen eine Nähe zwischen Islam/Muslim*innen und einer Bedrohung der Sicherheit der Gesellschaft oder ganz direkt Terrorismus hergestellt. Das hat so gut wie nie mit dem Alltag und den Lebensrealitäten von Muslim*innen in Deutschland zu tun. Die Aufforderung und Erwartung, sich doch immer wieder von Terrorismus abzugrenzen, nur weil man als Muslim*in gelesen wird, beinhaltet immer auch die Haltung, dass man die als vermeintlich „deutsch“ beschriebenen Werte nicht teilt und „fremd“ ist. Von Christ*innen oder christlichen Institutionen wird nie abverlangt, dass sie sich von explizit christlich-religiös motivierten Attentaten, wie beispielsweise den Ermordungen durch Anders Breivik, distanzieren.

Inwiefern liegt in diesem Zusammenhang ein Imageproblem bzw. eine falsche Wahrnehmung der islamischen Gemeinden in der Gesellschaft vor?

Es liegt sicher nicht an einem falschen Bild oder einem Imageproblem der Moscheegemeinden, dass immer von ihnen erwartet wird, sich von Terror und Extremismus zu distanzieren. Wir sehen hier vielmehr, dass komplexe rassistische Strukturen und gesellschaftliche Machtdynamiken greifen. Diesen ist viel schwieriger zu begegnen, da sie alle Teile der Gesellschaft betreffen, zu denen selbstverständlich auch die Moscheegemeinden gehören. Gerade hier könnte man ansetzen, um als Gemeinde gemeinsam mit anderen zivilgesellschaftlichen Akteuren Reflexionsprozesse anzustoßen.

Ist über Aufklärungsarbeit eine gewisse Entzerrung des Islam-Bildes möglich, um gesellschaftliche Vorurteile abzubauen? Welche Verantwortung tragen dabei die Gemeinden selbst und welche die involvierten Behörden?

Aus unserer Forschung heraus sehen wir, dass es sich um ein sehr vielschichtiges Problem handelt, bei dem alle gesellschaftlichen Akteure an einer möglichen Lösung mitarbeiten müssen. Beispielsweise gibt es mittlerweile journalistische Initiativen, die auf Sprache bei der Berichterstattung über muslimische Themen hinweisen, Teile von Sicherheitsbehörden, die mit muslimischen Mitarbeiter*innen und Akteur*innen zusammenarbeiten. Es geht aber auch darum, rassistische Strukturen beispielsweise innerhalb der Polizei zu verändern. In diesen vielschichtigen Prozessen können Moscheegemeinden genauso mitwirken, immer wieder in Gesprächen auf sprachliche Differenzierungen hinweisen, Jugend- und Frauenarbeit innerhalb der Gemeinde sichtbar machen, oder auch nachbarschaftliche Einbindung fördern. Es geht hier also weniger darum, wie Sie es in der Frage formuliert haben, an einer Entzerrung des Islam-Bildes zu arbeiten, sondern vielmehr darum, Zuschreibungs- und Ausgrenzungsprozesse zu dekonstruieren.

Gerne behaupten Kritiker, dass der Islam im Konflikt mit der westlichen Welt stünde. Wie sehen Ihre Beobachtungen aus?

Diese Form der Kritik basiert auf einer sehr vereinfachten und undifferenzierten Abgrenzungsrhetorik – da sowohl in Bezug auf „den Islam“ als auch auf „den Westen“ sehr heterogene und teilweise widersprüchliche historische, kulturelle, religiöse und politische Prozesse zusammengefasst werden. Es ist wichtig, die vielfältigen Kategorien und Ausgestaltungen muslimischen Alltags in Deutschland, auch in ihrer historischen Tiefe, als Teil der Gesellschaft zu betrachten und auch den Begriff der „westlichen“ Kulturen differenziert zu reflektieren und kritisch zu befragen.

In der Gesellschaft werden kopftuchtragende Frauen oft als fremdes Element wahrgenommen. Wie identifizierten sich die befragten Frauen mit Deutschland und den damit assoziierten Werten?

Häufig wird auf die Behauptung, das, was mit dem Kopftuch assoziiert wird, sei fremd, eine Bekräftigung der eigenen Identifikation mit Deutschland erwartet oder auch mit undefinierten generellen „deutschen“ Werten – was von anderen Gruppen nicht verlangt wird. Schon diese Erwartungshaltung spielt der Ausgrenzungspolitik in die Hände: Denn von „anderen Deutschen“ wird dies nicht erwartet, die genauso wie die Frauen, mit denen wir gesprochen haben, in Deutschland aufgewachsen und zur Schule gegangen sind, oder mit ihren Familien „schon immer“ oder seit mehreren Generationen in Deutschland leben.

Die Frage, wie man sich mit „Deutschland“ identifiziert oder für welche Werte das steht, stellte sich für viele der Frauen, mit denen wir gesprochen haben, in der Form gar nicht, da das Leben und der Alltag in Deutschland eine Selbstverständlichkeit sind. Unterschiedliche Akteur*innen innerhalb der Gesellschaft unter anderem in der Politik und den Medien sprechen diesem muslimischen Alltag in Deutschland diese Selbstverständlichkeit ab. Hier gilt es, genau darauf zu schauen und zu verhindern, dass diese Form der Trennung in „Wir“ und „die Anderen“ für eine Spaltung innerhalb der Gesellschaft sorgt. Diese Differenzierung sollte hinterfragt und dekonstruiert werden.


Vielen Dank für das Gespräch!

TRT Deutsch