Das rund 9.000 Bewohner zählende wilde Flüchtlingslager, der sogenannte Dschungel von Calais, im September 2016. Kurze Zeit später wurde es geräumt. (DPA)

Französische Sicherheitskräfte schikanieren nach einem Bericht von Human Rights Watch nahezu täglich Migranten in der Hafenstadt Calais. „Menschen täglich Schikanen und Demütigungen auszusetzen, ist unter keinen Umständen zu rechtfertigen“, erklärte die Frankreich-Chefin der Menschenrechtsorganisation, Bénédicte Jeannerod, laut einem am Donnerstag veröffentlichten Bericht. Fünf Jahre nach der Auflösung eines großen Flüchtlingslagers halten sich etwa 1000 Migranten rund um Calais auf. Zeltlager werden alle zwei Tage geräumt Nach dem Bericht von Human Rights Watch räumt die Polizei etwa alle zwei Tage die kleineren Zeltlager, in denen die Migranten hausen. Dabei zerstöre sie regelmäßig Zelte und Schlafsäcke, die die Menschen in der Eile nicht mitnehmen können. „Wenn die Polizei kommt, haben wir fünf Minuten, bevor sie alles zerstören“, zitiert der Bericht eine Migrantin. „In fünf Minuten kann sich eine fünfköpfige Familie mit kleinen Kindern in einem Zelt nicht mal anziehen“, fügte sie hinzu. Im vergangenen Jahr habe die Polizei insgesamt 950 Zeltlager geräumt und dabei etwa 5000 Zelte konfisziert, berichtet die Organisation Human Rights Observers, die regelmäßig bei den Räumungen anwesend ist. Die Polizei erschwere es den Migranten außerdem, Lebensmittel und Wasser zu bekommen, kritisierte Human Rights Watch. So sei die Verteilung von Hilfsgütern in Calais verboten. Es gebe auch keine eigenen Toiletten für Frauen. Appell an französische Behörden Die Organisation appellierte an die französischen Behörden, die systematischen Räumungen einzustellen und sich besser um unbegleitete Minderjährige zu kümmern. „Wenn das Ziel darin besteht, Migranten davon abzuhalten, nach Nordfrankreich zu kommen, dann ist die Politik nicht nur gescheitert, sondern hat auch erheblichen Schaden verursacht“, sagte Jeannerod. Calais ist seit Jahren ein Brennpunkt der Flüchtlingskrise in Europa. Von der Region am Ärmelkanal aus wollen zahlreiche Flüchtlinge nach Großbritannien gelangen, wo sie sich Chancen auf ein besseres Leben erhoffen. Seit Ende 2018 hat die Zahl der Migranten, welche die Überfahrt per Boot unternehmen, deutlich zugenommen. Ein Grund dafür sind die verschärften Sicherheitsvorkehrungen beim Güterverkehr. In den Jahren zuvor hatten Migranten eher versucht, sich auf Lastwagen zu verstecken.

AFP