In Frankreich zeichnet sich nach mehr als sechs Wochen Dauerstreiks ein Ende der massiven Behinderungen im Pariser Nahverkehr ab. Die Bahnen sollen auf einem Großteil der Linien wieder normal fahren, kündigte die Nahverkehrsgesellschaft RATP an.

Eine bedeutende Lokführer-Gewerkschaft hatte sich zuvor für eine Streikpause ausgesprochen. Die Streiks und Proteste gegen die Rentenreform lähmen das Land bereits seit Anfang Dezember. Auch am Wochenende gab es wieder Proteste gegen das geplante Projekt - Frankreichs Präsident Emmanuel Macron bekam die Wut höchstpersönlich zu spüren. Die Situation im Pariser Nahverkehr und im Bahnverkehr hatte sich bereits in der vergangenen Woche spürbar verbessert. Die Metros zahlreicher Linien fuhren auch wieder tagsüber - allerdings weiterhin größtenteils in geringerer Taktung als normal. Die bei den Pariser Verkehrsbetrieben bedeutende Gewerkschaft Unsa hatte am Freitagabend bei einer Versammlung beschlossen, die Streiks auszusetzen, hieß es in einer Mitteilung von Unsa-RATP, die mehreren französischen Medien vorlag. Man wolle sich auf andere Aktionsformen konzentrieren und sei weiter entschlossen, gegen die Rentenreform zu kämpfen. Viele Mitarbeiter müssten jetzt aber erstmal „ihre Batterien aufladen“ und eine „Verschnaufpause“ einlegen, sagte Gewerkschaftsfunktionär Laurent Djebali der Zeitung „Le Parisien“. Streiken auf Spendenbasis

Viele Gewerkschaften haben keine Streikkassen. Wer die Arbeit niederlegt, ist auf Spenden angewiesen - ein großer Teil des Gehaltes geht oftmals verloren. Die Gewerkschaft rief ihre Anhänger aber auf, sich dem nächsten Massenprotest am 24. Januar anzuschließen. Frankreichs Regierung hatte zuletzt erneut ein deutliches Zugeständnis an die Gewerkschaften gemacht - seitdem bröckelt die Einheitsfront. Die Unzufriedenheit bei vielen im Land ist allerdings weiterhin groß. Tausende „Gelbwesten“ demonstrierten am Wochenende in der Hauptstadt. Die Bewegung geht seit mehr als einem Jahr gegen die Politik Macrons auf die Straße. Ihr Ärger richtet sich mittlerweile auch gegen die Rentenreform. Zuletzt waren auch immer wieder Gewerkschaften und „Gelbwesten“ gemeinsam auf der Straße.

Sturm auf das Theater

Bei der Großdemo in Paris ging die Polizei wieder mit Härte gegen die Demonstranten vor. Es gab Dutzende Festnahmen. Zudem sorgte erneut ein Video, das die Polizeigewalt dokumentierte, in sozialen Netzwerken für Aufruhr. Es soll während der Demonstration am Samstag aufgenommen worden sein und zeigt einen Polizisten, der einen verletzten Demonstranten schlägt.

Für Aufsehen sorgte außerdem ein Vorfall, der sich am Freitagabend im Norden von Paris an einem Theater ereignet hat. Dutzende Demonstranten versuchten, in den Saal zu gelangen - dort sah sich Präsident Macron gerade eine Vorstellung an. Er musste den Theatersaal für kurze Zeit verlassen, konnte sich die Vorstellung dann aber zu Ende anschauen. Zuvor hatte ein Aktivist auf Twitter verbreitet, dass sich Macron in dem Theater aufhalte.

Gesetzreform zur künstlichen Befruchtung streitig

Tausende Menschen haben in Paris gegen eine geplante Reform des Gesetzes zur künstlichen Befruchtung demonstriert. Das Kollektiv „Marchons Enfants!“ hatte zu dem Protest durch die Pariser Innenstadt aufgerufen. Das Bündnis demonstriert gegen eine Gesetzesnovelle, durch die auch lesbischen Paaren und unverheirateten Frauen eine künstliche Befruchtung in Frankreich erlaubt werden würde.

Die Gegner argumentieren unter anderem, eine solche Regelung würde die Kinder des Vaters berauben. „Kinder sind kein Recht“, skandierten die Demonstranten, die sich unter anderem auf dem Platz vor dem Louvre versammelten, wie auf Videos zu sehen war. Die Organisatoren hatten etliche Busse gechartert, um Demonstranten aus den Regionen nach Paris zu bringen. Hunderte Befürworter der Reform versammelten sich zu einer Gegendemo, wie der Sender Franceinfo berichtete.

Im Herbst hatte die Nationalversammlung das Gesetz in erster Lesung gebilligt, diese Woche wird es im Senat debattiert. Katholische Verbände und Politiker aus dem rechten Spektrum kritisieren die Reform. Bereits im Oktober hatten Zehntausende protestiert. Bisher ist die künstliche Befruchtung in Frankreich nur heterosexuellen Paaren erlaubt, die keine Kinder zeugen können. Sie müssen verheiratet sein oder mindestens zwei Jahre zusammenleben. Die Reform war ein Wahlversprechen von Frankreichs Präsident Macron.

DPA