Die französische Fahne (Symbolbild) (AA)

Ein französischer Geheimdienst soll einen türkeistämmigen Oberschüler verhört haben, weil dieser im Geschichtsunterrichts Behauptungen eines französischen Lehrers über Ereignisse im Osmanischen Reich der Jahre 1915 und 1916 infrage gestellt hatte. Der Schüler mit dem Vornamen Altay aus der Region Bourgogne-Franche-Comté sei einem Verhör in Bezug auf seine muslimische Identität und den angeblichen Verdacht einer „Radikalisierung“ unterzogen worden, berichtete die Nachrichtenagentur Anadolu am Mittwoch.

Während einer Unterrichtsstunde am 2. Juni soll der türkeistämmige Schüler die Thesen seines Lehrers über einen angeblichen „Völkermord“ an Armeniern im Osmanischen Reich in Zweifel gezogen haben. Daraufhin drohte die Schulleitung dem Jugendlichen mit Gefängnis.

Geheimdienst wollte Passwörter zu Social-Media-Konten

Gegenüber Anadolu schilderte Altay, der seinen Nachnamen nicht bekannt geben wollte, dass er seinen Lehrer während des Unterrichts lediglich mit der kritischen Frage konfrontierte: „Gibt es irgendwelche Beweise?“ Erzürnt soll der Lehrer schließlich geäußert haben, der angebliche „Völkermord“ sei „nicht zu leugnen“. Zwei Tage später erhielten die Eltern des Schülers einen Anruf der Schulleitung mit der Drohung, dem Jugendlichen könnte eine einjährige Haftstrafe drohen.

Am 9. Juni eskalierte die Situation schließlich: Ein französischer Geheimdienst lud den Schüler Altay wegen dessen Zweifeln am „Genozid“-Narrativ zum Verhör vor. Tatsächlich wurde er bezüglich seiner muslimischen Identität und im Kontext einer vermeintlichen Radikalisierung befragt. Er sollte Fragen zu seiner Familie sowie zu seiner Religion beantworten. Zudem sollen die Geheimdienstler die Passwörter zu den Social-Media-Konten des Türkeistämmigen eingefordert haben.

Psychische Schäden und unverhältnismäßiger Angriff auf die Redefreiheit

Nach Altays eigenen Angaben hinterließ die Befragung bei ihm psychische Schäden. „Ich will nicht mehr sprechen oder meine Hand heben, um Fragen während des Unterrichts zu beantworten und ich habe gezögert, zur Schule zu gehen, weil jeder weiß, was passiert ist“, zitierte Anadolu den Schüler.

Im Jahr 2017 entschied der französische Verfassungsrat, dass die Kriminalisierung der Leugnung des angeblichen armenischen „Völkermordes“ ein „unnötiger und unverhältnismäßiger Angriff auf die Meinungsfreiheit“ sei.

Die Türkei bezeichnet die Ereignisse von 1915/16 im Osmanischen Reich als Tragödie. Sie leugnet nicht das Leid der Armenier. Allerdings bestreitet Ankara ein staatlich organisiertes Handeln als deren Ursache und weist zudem auf Massaker hin, die armenische Freischärler, die mit Russland kollaborierten, im Osten Anatoliens an muslimischen Bevölkerungsteilen verübten.

Ankara hat wiederholt die Schaffung einer gemeinsamen Kommission mit Historikern aus der Türkei und Armenien vorgeschlagen, um zusammen mit internationalen Experten die Vorfälle aufzuarbeiten. Armenien versucht hingegen seinen „Völkermord“-Vorwurf mit der Brechstange international durchzusetzen, um eine Grundlage zu schaffen, von der Türkei Entschädigungen einzufordern.

TRT Deutsch