Das kanadische McKenzie-Institut sagt: „existenzielle Kriegsführung ist kein Krieg um Status, Macht, Territorium oder Reichtum, sondern ein Krieg um die Existenz eines Volkes, einer Nation oder eines Individuums."

Zunächst ist es wichtig zu wissen, dass Aserbaidschan die Existenz der armenischen Gemeinde Berg-Karabachs anerkennt und ihr die gleichen Rechte wie der aserbaidschanische zuschreibt. Seit vielen Jahren bietet die aserbaidschanische Regierung den Armeniern in Berg-Karabach den höchsten Autonomiestatus an.

Armenier und Aserbaidschaner in den drei Nachbarländern – Iran, Georgien und Russland – leben friedlich zusammen. In diesen Ländern gibt es keinen Konflikt und auch keine ethnische Konfrontation zwischen den beiden Volksgruppen.

Indem die armenische Seite die Ereignisse als existenziellen Krieg darstellt, versucht sie in Wirklichkeit, den komplexen Konflikt zu vereinfachen und eine spezifische Erzählung über den Konflikt im Westen zu verbreiten.

Die armenische Seite schafft einen Narrativ über einen vermeintlichen Völkermord, bei dem angeblich das erste christliche Volk der Welt durch „radikale“ und „barbarische“ Muslime ermordet wurde. Damit spricht man sowohl progressive Linke als auch rechtsextreme Kräfte an.

Insbesondere spricht aber Nikol Paschinjan die rechtsextremen Kräfte an, um den aktuellen Konflikt als einen „Kampf der Zivilisationen“ darzustellen. „Clash of Civilizations“ ist ein Konzept, das vielmals entlarvt und widerlegt worden ist. Es wird von pseudo-intellektuellen, rassistischen und jetzt auch größtenteils rechtsextremen Kräften in Anspruch genommen.

Armenische Diaspora-Organisationen versuchen, den Konflikt als Kampf zwischen der Dunkelheit und dem Licht, dem radikalem Islam und dem Westen und der Rückständigkeit gegen die Moderne darzustellen. Diese Position wird im Westen, insbesondere in Europa, von rechtsextremen Gruppen verteidigt. Die größten Lobby-Aktivitäten im Sinne der Anerkennung der sogenannten armenischen Republik Arzach in Berg-Karabach werden in Deutschland durch die rechtspopulistischen AfD eingeleitet und geführt. Unter diesem Aspekt ist auch der Besuch von AfD-Mitgliedern in Berg-Karabach am 18. Oktober zu betrachten.

Im Allgemeinen ist der Versuch der armenischen Seite, den Berg-Karabach-Konflikt im historischen Kontext darzustellen und nicht aus der völkerrechtlichen Perspektive zu beurteilen, von Grund auf falsch und hat eine Beilegung bis jetzt enorm verhindert. Das Argument, dass die Armenier seit Jahrtausenden in der Region leben, darf nicht zu einer Änderung bestehender Grenzen oder einer Verletzung des Völkerrechts führen.

Gerüchte über eine angebliche Beteiligung der Türkei

Aserbaidschan importiert Waffen aus der Türkei, unterhält aber auch enge Partnerschaften mit Israel und Russland. Dies bedeutet nicht, dass diese Staaten direkt am Krieg beteiligt sind. Andersrum bedeutet die Tatsache, dass Russland der Garant für die Sicherheit Armeniens ist, nicht, dass Moskau direkt in den Berg-Karabach-Krieg verwickelt ist oder werden sollte.

Militärübungen unter Beteiligung der Türkei haben in Aserbaidschan eine lange Tradition und finden jedes Jahr statt. Der diesjährige Übungsplan wurde seit letztem Jahr vereinbart. Daher ist die Anwesenheit bestimmter Teile der türkischen Streitkräfte in Aserbaidschan nichts Ungewöhnliches. Dies bedeutet nicht, dass diese Einheiten an den Kampfhandlungen beteiligt sind.

Obwohl nicht direkt an militärischen Operationen beteiligt, gibt es ernsthafte Gründe für die große Besorgnis der Türkei über die Prozesse im Südkaukasus. Denn die armenische Regierung droht regelmäßig, Pipelines und Transportwege von internationaler Bedeutung wie Baku-Tiflis-Ceyhan (BTC), Baku-Tiflis-Kars (BTK) oder Baku-Tiflis-Erzurum (BTE), an denen die Türkei eng beteiligt ist, mit Raketen zu treffen. Diese Projekte sind für die Energiesicherheit der Türkei von großer Bedeutung. Daher ist es unvermeidlich, dass die türkische Seite daran interessiert sein wird, Sicherheitsmaßnahmen gegen solche Provokationen zu ergreifen.

Die Regierung von Paschinjan hat wiederholt provokative Rhetorik gegen die Türkei verwendet: In den letzten Monaten wurde das Sevres-Abkommen in hohen armenischen Kreisen erwähnt, wovon dann territoriale Ansprüche gegen die Türkei abgeleitet wurden. Natürlich wirken sich solche Provokationen auf die Haltung der Türkei gegenüber Armenien aus. Die türkische Regierung versuchte, die Beziehungen zu Armenien unter Ex-Präsident Serzh Sargsyan zu normalisieren. Dies zeigt, dass die Regierung unter Präsident Recep Tayyip Erdoğan keine anti-armenische Politik verfolgt - Pschinjans irrationale Rhetorik jedoch die Türkei provoziert.

In der Türkei leben etwa 150.000 Menschen armenischer Herkunft und weitere 100.000 armenische Staatsbürger als Gastarbeiter. Zudem gibt es auch armenischstämmige Abgeordneten im türkischen Parlament. Dies zeigt, dass Armenier nicht politisch benachteiligt werden.

Die Beziehungen zwischen der Republik Aserbaidschan und der Türkei blicken auf eine lange Vergangenheit zurück. In dieser Zeit entwickelten sich die Beziehungen zwischen Baku und Ankara etwas anders als das für Moskau typische Verhältnis zu den postsowjetischen Ländern, bei dem Russland als „großer Bruder“ in Erscheinung tritt.

So konnte Aserbaidschan die Möglichkeit der unabhängigen Entscheidungsfindung bewahren und sogar zu einem der größten Investoren in der Türkei werden.

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