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Das Treffen in Schuscha mit dem aserbaidschanischen Präsidenten Ilham Alijew ist ebenso symbolisch wie Erdoğans Teilnahme an der aserbaidschanischen Siegesparade nach dem Bergkarabach-Krieg. Die Stadt Schuscha ist für Aserbaidschaner die wichtigste Stadt im spirituellen Sinne. Vor kurzem wurde ihr der Status der Kulturhauptstadt Aserbaidschans verliehen. Erdoğan war das erste ausländische Staatsoberhaupt, das die Stadt nach ihrer Befreiung im November 2020 besuchte, und die Türkei ist das erste Land, das ein Konsulat in Schuscha eröffnete. Es ist auch symbolisch, dass der türkische Präsident am 15. Juni, dem aserbaidschanischen Nationalfeiertag, eintraf. An diesem Tag im Jahr 1993 rettete der damalige Präsident Heydar Alijew das Land vor dem Zusammenbruch, Separatismus und einem Staatsstreich.

Erdoğan macht deutlich, dass er an vorderster Front für die territoriale Integrität Aserbaidschans eintritt, und macht den Anspruch geltend, Bakus wichtigster Verbündeter zu sein. Die Unterzeichnung der „Erklärung von Schuscha“ am 16. Juni wurde zum Ausdruck dieser Absichten. Das Dokument zeugt von einer Annäherung zwischen Baku und Ankara und der Vertiefung der bilateralen Bündnis-Beziehungen. Das Dokument enthält eine Klausel über gegenseitige Hilfe und Unterstützung einer Partei im Falle einer Aggression gegen die andere Partei. Im Wesentlichen entspricht sie Artikel fünf des Nordatlantikvertrags über die gemeinsame Verteidigung, den sogenannten Bündnisfall, nur eben auf bilateraler Ebene.

Ein weiterer wichtiger Punkt des Abkommens ist die Entschlossenheit, den Sangesur-Korridor einzurichten, der die Exklave Nachitschewan mit dem Rest Aserbaidschans verbinden und die kürzeste Route in die Türkei ermöglichen soll. Erdoğan und Alijew betonten, dass sie nicht nur beabsichtigen, eine Straße und eine Eisenbahnlinie von Aserbaidschan über Nachitschewan in die Türkei zu bauen, sondern konkrete Schritte dafür unternehmen werden. Es ist bereits die Rede vom Beginn entsprechender Bauarbeiten. Parallel zur Entminung kann Baku mit der Verlegung der Straße in die zuvor besetzte Region Zangilan beginnen. Die Türkei kann mit den Arbeiten von der Stadt Igdir aus beginnen. Diese Arbeiten können jedoch mehrere Jahre dauern.

Die nächste Etappe bei der Umsetzung des Transportkorridors ist die Verlegung einer Straße durch die armenische Region Sjunik. Die Behörden in Jerewan sind dazu jedoch noch nicht bereit. Jeder Deal mit Baku und Ankara wird als Niederlage und Demütigung seitens der armenischen Öffentlichkeit und Opposition betrachtet. Im Vorfeld der Parlamentswahlen zögert der amtierende Premierminister Armeniens, Nikol Paschinjan, neue Vereinbarungen mit Alijew und Erdoğan einzugehen. Andernfalls würden seine revanchistischen politischen Gegner ihm Verrat vorwerfen, wie sie es bereits nach dem trilateralen Memorandum mit Alijew und Putin taten.

Ein Sieg bei den Wahlen am 20. Juni würde Paschinjan mehr Legitimität geben und könnte den Weg für einen Transportkorridor freimachen. Der türkische Präsident ist bereit, ihm bei diesem Unterfangen zu helfen. Erdoğan hat dem armenischen Premierminister bereits wiederholt seine Anerkennung gezollt und sogar den Putschversuch in Armenien im Februar verurteilt. Ein zweites Mal stellte sich der türkische Staatschef hinter Paschinjan, als er bei seinem Besuch in Schuscha erklärte, er werde alles tun, um die Beziehungen zu Armenien zu normalisieren und die diplomatischen Kontakte wiederherzustellen. Sollte in Armenien die von Robert Kotscharjan angeführte "Kriegspartei" gewinnen, kann man die Wiedereröffnung der Grenzen für eine lange Zeit vergessen. Gewinnt jedoch Paschinjan, stehen die Chancen in Fragen Korridor zwar besser, gewisse Schwierigkeiten könnten aber dennoch auftreten.

Die Position Russlands wird hier entscheidend sein. Moskau ist nach wie vor Jerewans OVKS-Verbündeter (Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit) und führende Kraft im einheitlichen Wirtschaftsraum der Eurasischen Wirtschaftsunion (EAWU). Der Kreml kann jeden armenischen Regierungschef unter Druck setzen, um die Öffnung der Grenzen und die Schaffung eines Transportkorridors zu beschleunigen, wenn dies in seinem Interesse ist. Russland würde davon profitieren, da es eine neue Route für den wachsenden Handel mit der Türkei unter Umgehung des Pro-NATO-eingestellten Georgien auf dem Landweg erhalten würde. Doch damit Moskau den Anreiz verspürt, daran teilzuhaben, muss es sicherstellen, dass die regionalen Allianzen, die die Türkei aufbaut, nicht mit seinen Vorstellungen von Sicherheit in Konflikt geraten.

Bisher ist es Russland und der Türkei gelungen, ein recht heikles Gleichgewicht in der Region aufrechtzuerhalten. Moskau bevormundet Jerewan, teilt aber nicht dessen expansionistische Haltung zum Bergkarabach. Inzwischen garantieren russische Friedenstruppen die Sicherheit der Armenier in Bergkarabach. Auf der anderen Seite hat die Türkei Beobachter in Aghdam stationiert, agierte zwar als Bakus Verbündeter im Krieg, unternimmt jedoch keine Schritte, die Armeniens Sicherheit und Souveränität bedrohen würden.

Ankara nähert sich Baku an. Diese Entwicklung führt jedoch nicht zur Bildung eines vollwertigen militärischen und politischen Blocks und – was für Russland am heikelsten wäre – zur Schaffung eines türkischen (NATO-) Stützpunktes in Aserbaidschan. Am 18. Juni dementierte der russische Außenminister Sergei Lawrow Informationen über das Entstehen einer türkischen Hochburg. Die Erklärung von Schuscha bedeutet noch keine Bildung einer aserbaidschanisch-türkischen OVKS oder NATO. Aserbaidschan behält seinen neutralen Status bei, beherbergt keine ausländischen Stützpunkte und unterhält äquidistante Beziehungen sowohl zum Partner Russland als auch zum Verbündeten Türkei.

Die Zukunft aller Transportkorridore im Transkaukasus, mit Ausnahme von Georgien, wo NATO, USA und EU eine führende Rolle spielen, hängt von Russland und der Türkei ab. Im Moment herrscht ein sehr hohes Beziehungsniveau und Vertrauen zwischen Putin und Erdoğan, das durch die gemeinsamen Erfahrungen in Syrien, Libyen und Bergkarabach sowie durch wirtschaftliche Projekte wie Turkish Stream, das Atomkraftwerk Akkuyu und den Verkauf von S-400 gestützt wird. In einem Interview wies der russische Präsident auf eine Kritik Ankaras darauf hin, dass die Position der Türkei völlig im Einklang mit dem Völkerrecht stehe. Wenn dieser Trend anhält, sind die Chancen für die Umsetzung der wirtschaftlichen Klauseln der Schuscha-Erklärung und des trilateralen Memorandums vom 9. November hoch – unabhängig davon, ob die neue Regierung in Armenien pro-russischer und revanchistischer sein wird als die jetzige.

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