Die Wiener Helden Recep Tayyip Gültekin (rechts) und Mikail Özen (links). 

Der „Welt“-Korrespondent Deniz Yücel hat einen Kommentar zu den Wiener Helden verfasst. Darin würdigt er zunächst die beiden türkischstämmigen Männer für ihren „Mut“ und ihre „Anteilnahme“, die sie in der Terrornacht bewiesen hätten. Doch die Würdigung bleibt auf halber Strecke stehen. Die offenbare Heldentat wird mit vermeintlichen Belegen in einen Raum der Fragwürdigkeit verbannt. Die Engel sollen fallen.

Spulen wir aber erstmal zurück: Recep Tayyip Gültekin und Mikail Özen, zwei Österreicher mit Migrationsgeschichte, haben beim Terroranschlag in Wien inmitten eines Kugelhagels einem niedergeschossenen Polizisten und einer verletzten Passantin das Leben gerettet – und dabei ihr eigenes Leben aufs Spiel gesetzt.

In seinem Artikel benennt Deniz Yücel das Heroische an der Sache, klingt dabei aber etwas misstrauisch – so, als traue er den beiden Jungs den rasanten Aufstieg auf die Spitze des Heldenbergs nicht so ganz zu. Denn: Sie entsprechen als Erdoğan-Sympathisanten mit ihrer divergierenden politischen Einstellung nicht so ganz seinem Idealbild eines Helden. Ob auch deswegen Missgunst mitschwingt? Wir wollen nichts unterstellen. Man kommt zumindest beim Lesen nicht umhin zu denken, Yücel strebe mit seinem Text die Degradierung dieses Heldentums an. Ganz nach dem Motto: „Ja, Helden sind sie schon, aber nicht so tolle Helden, wie ihr alle denkt.“

Hier und da ehrt Yücel zwar die unanfechtbare Heldentat der Jungs, skizziert aber ganz bewusst ein umstrittenes Porträt der beiden – um die Größe ihrer unfassbaren Zivilcourage zu minimieren. Der „Welt“-Korrespondent versucht, die Makel der beiden Männer zu beleuchten, womöglich in der Hoffnung, die beiden Superhelden etwas verwundbar zu machen und menschlicher erscheinen zu lassen. Es ist die vermeintliche Suche Deniz Yücels nach einer Achillesferse bei einem österreichischen Recep Tayyip.

Ähnlichkeiten zum Fall Özil

Recep Tayyip und Mikail werden in Yücels Artikel indirekt aufgefordert, das Utopische zu vollbringen: nämlich Engel ohne Meinung und Persönlichkeit zu sein. Wenn sie schon nicht links und Erdoğanhasser sind, dann wenigstens das.

Da die beiden jungen Männer aber nunmal aus Fleisch und Blut bestehen und sich dummerweise laut Yücel „als glühende türkische Nationalisten“ entpuppt haben, sollen sie sich nun trotz ihrer Heldentaten für das Haben einer politischen Meinung rechtfertigen. Yücel geht in seinem Artikel von einer „Perfektion“ und Übermenschlichkeit der Helden aus, die er ihnen im Grunde nach seinem Maßstab selbst zuschreibt und dann wieder angeblich entlarvt. Es ist ein kleines psychologisches Spiel.

Dabei sind und waren Özen und Gültekin von vornherein Menschen mit Vorstellungen, Wünschen und Ideen. Sie hatten und haben, wie jeder andere Mensch auch, das Recht auf ein eigenes Welt- und Selbstverständnis. Eine bestimmte politische Meinung zu haben, auch wenn diese nicht allen gefällt, und diese nicht verstecken zu müssen, gehört dazu.

Ähnlich wie bei der Causa Özil, ist man im Begriff, den beiden Wienern nach ihrem Gespräch mit dem türkischen Präsidenten die Autorität und Legitimation zu entziehen, eine nationale Ikone zu sein. Obwohl die beiden jungen Männer die Sehnsucht nach einem von fast allen akzeptierten Helden vorzüglich gestillt haben, will Deniz Yücel ihre Heldentat entzaubern.

Migrantenjungen bitte immer apolitisch

Im Grunde ist es aber ein strukturelles Problem: Während selbst „Wutbürger“ in Europa von dem Recht auf Rede- und Meinungsfreiheit Gebrauch machen dürfen – und das ist gut so –, wird dieses fundamentale demokratische Recht den postmigrantisch geprägten Jugendlichen in Europa nicht auf dieselbe Weise gewährt. Vor allem sind junge Männer betroffen, weil sie unter Generalverdacht stehen.

Diese „südländisch aussehenden“ Männer mit Migrationsirgendwas sollten am besten auf allen Plattformen verstummen und unsichtbar sein. Und wenn sie doch reden möchten, um etwa ihr Selbstverständnis, ihre Meinung und ihre Identität zum Ausdruck zu bringen, dann bitte nach vorgeschriebenen Normen und mit ganz bestimmten Staatsmännern.

Zudem haben sie sich immer und in jeder Lebensphase superhumanistisch zu verhalten. Sie sollen nachts von Mandela träumen und abends Knigge lesen. Erst wenn sie mit ihren jungen Jahren noch gar keine Patzer hatten oder bei jeder Diskriminierungserfahrung die andere Wange anbieten konnten, dürfen sie eventuell und vielleicht als vollwertige Helden in die jüngere Geschichte Europas eingehen. Eine Forderung, entweder ein Alpen-Gandhi zu sein oder alles Heldenhafte gleich aufzugeben. Es ist eine Art Bevormundung.

Eine menschliche Zone, in der man als Individuum selbstbestimmt handeln und denken darf, in der persönlicher Wandel, politisches Selbstverständnis und sozialer Selbstentwurf möglich sind und ermöglicht werden, bleibt ihnen verwehrt.

Dass das Recht auf diese Zone jungen Männern mit Migrationsgeschichte wohl sehr oft entzogen wird, sieht man allein an der Tatsache, dass Mikail Özen direkt nach der Rettungsaktion das Bedürfnis verspürt, ein Zeugenvideo zu drehen. Die eindrucksvolle Aufnahme zeigt: Es ist der Schrei nach dem Recht auf Selbsterklärung und Eigenperspektive.

Widerstand à la Hannah Arendt

Anstatt die gesamtgesellschaftliche Situation in Österreich und die Verantwortung aller österreichischen Bürgerinnen und Bürger zu hinterfragen, bevorzugt es Yücel wie viele andere auch, den beiden jungen Männern aus Wien unterschwellig vorzuschreiben, wie sie sich in der Debatte ihres Landes über Rassismus zu verorten haben.

Gültekin und Özen leben aber in einer zum Teil dysfunktionalen Gesellschaft, in der sie aufgrund ihrer Herkunft, ihrer Religion oder ihres Aussehens immer wieder Alltagsrassismus und Diskriminierungen ausgesetzt sind – und mit genau diesen Elementen sich nun zur Wehr setzen wollen. Sie betonen in ihren Videos ihre türkischen Wurzeln und ihre religiöse Zugehörigkeit. Das erinnert bisschen an Hannah Arendt, die sich als Jüdin zu verteidigen wusste.

Die Suche nach einem sozialen Raum, um Kulturpraktiken nachgehen zu können und mit einer selbstentworfenen Identität Beziehungsmuster herstellen zu können, ist ein Bedürfnis, das sich bei Minderheiten in Falle einer Ausgrenzung – die zurzeit in Österreich leider in bedrohlicher Form vorliegt – verstärken kann. Denn nur als Menschen mit einer bestimmten Identität haben Angehörige einer Minderheit überhaupt die Chance, dem Anderen in ihrem Viertel zu begegnen. Dass hierbei die Liebe zum Heimatland der Eltern oder die Rückberufung auf die Tradition der Großeltern stärker zum Vorschein kommt, scheint jedoch viele zu stören. Sie werden als „Ultranationalisten“ oder „Rechtsextremisten“ abgestempelt und sind mit asymmetrischen Toleranzgrenzen und Erwartungsmechanismen konfrontiert, die aber als fair suggeriert werden.

Wäre es stattdessen in einer pluralistisch-demokratischen Gesellschaftsordnung nicht wünschenswert, dass auch religiöse Menschen, die sich aufgrund ihrer Migrationsgeschichte zu zwei Heimatländern bekennen, Helden sind und als solche auch gefeiert werden?

Die türkischstämmigen muslimischen Männer aus Wien haben nach der Maxime Kants gehandelt – ihr Akt der Selbstaufopferung kann von allen Menschen befürwortet werden. In diesem Sinne sind sie, was den philosophischen Ansatz des Königsbergers angeht, viel europäischer und aufgeklärter als so mancher Europäer, der mit Vornamen Horst, Phillip oder Friedrich heißt.

Migrantenjungen retten Polizisten – trotz Racial Profiling

Man muss sich das mal auf der Zunge zergehen lassen: Diese Jungs der postmigrantischen Generation, als Muslime und Türken von der Mehrheitsgesellschaft unter Generalverdacht gestellt, haben einen österreichischen Polizisten aus einem Kugelhagel einer Terrorgruppe gerettet und dabei ihr eigenes Leben riskiert. Und das alles, obwohl sie in dem Moment nicht mal an die Möglichkeit gedacht haben, dass derselbe Polizist hätte eventuell die beiden „südländlich aussehenden“ Männer am nächsten Tag auf der Straße mit rassistischen Motiven kontrollieren können. Racial Profiling nennt sich das in der Fachsprache.

Wenn in Zeiten des grassierenden Terrorismus das Gebot der Stunde „Leben und leben lassen“ lautet, so muss man Recep Tayyip und Mikail eins lassen: Sie haben nicht einfach mal einer älteren Dame beim Tragen ihres Einkaufs geholfen. Sie haben mit ihrer Selbstlosigkeit und Zivilcourage in einer sehr riskanten Lage das Leben von fremden Menschen gerettet, obwohl sie das nicht tun mussten – inmitten eines Gefechts, das sogar für Rettungskräfte nicht zumutbar war.

Wenn man nun zudem bedenkt, dass die beiden jungen Männer, egal wie sie sich selbst definieren, während der Rettungsaktion keinen einzigen Gedanken an die Identität der Opfer verschwendet haben, sondern in dem entscheidenden Moment einfach nur Menschen helfen wollten – als ihre Mitmenschen, dann muss doch gesagt werden: Das, verehrte Damen und Herren, ist Heldentum! In allen Sprachen und Ländern. Ohne Achillesferse.

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