Astrolabia, so wie hier von Designerin Suzi Dilara Yücel im Piri Reis Pavillon des Çanakkale Kilitbahir Museums präsentiert, sind heute noch beliebte Geschenke im diplomatischen Kontext. (AA)

von Ufuk Necat Taşçı

Die Zeit zwischen dem 8. und dem 15. Jahrhundert war in der islamischen Welt eine Zeit der Hochblüte in Kunst, Kultur und den Wissenschaften. In dieser Epoche, die sich zeitlich mit dem europäischen Mittelalter und der Renaissance überschneidet, waren muslimische Gelehrte für Entdeckungen und Entwicklungen verantwortlich, die globale Maßstäbe setzten. Dies galt vor allem für Disziplinen wie Medizin, Chemie, Physik und Astronomie.

Zu den bekannteren Namen, die auch im Westen zumindest denjenigen Personen geläufig sind, die sich damit beschäftigen, gehören unter anderem Alī al-Qūschdschī, Ulugh Beg, al-Bīrūnī oder Ibn Sina. Sie alle gehörten zu den führenden muslimischen Köpfen der Wissenschaft im Mittelalter und leisteten Pionierarbeiten, auf denen künftige Generationen aufbauen konnten.

Vor allem in der Astronomie gelang es muslimischen Gelehrten, das Ptolemäische Modell vom Universum aus dem Alexandrien der Mitte des 2. Jahrhunderts zu verfeinern und Schwächen in den Konzepten von Ptolemäus und Aristoteles aufzuzeigen.

Dabei griffen die Gelehrten auf Grundlagenarbeiten aus Griechenland, Persien und dem heutigen Indien zurück. Diese erweiterten sie um neue Modelle zur Vermessung und Berechnung der Gestirne. Zu diesem Zweck entwickelten sie auch neue oder verfeinerte Instrumente.

Ein Zusammenspiel von Religion und Wissenschaft

Die Position und die Bewegung der Gestirne zu bestimmen, war für Muslime von besonderer Bedeutung. Um die Pflicht zum fünfmaligen täglichen Gebet erfüllen zu können, mussten sie die Position der Sonne kennen, um vom jeweiligen Platz auf dem Erdball aus die Richtung zur Kaaba in Mekka in korrekter Weise bestimmen zu können.

Das Astrolabium, ein scheibenförmiges astronomisches Messgerät, anhand dessen man Sternenpositionen berechnen kann, war in diesem Zusammenhang ein sehr hilfreiches Instrument und sollte im Goldenen Zeitalter des Islam eine tragende Rolle spielen.

Die muslimische Gelehrte Mariam al-Ijliya, besser bekannt als Mariam al-Asturlabi, die auf dem Hof des Emirs von Aleppo angestellt war, hatte sich im Besonderen mit der Mechanik und Funktionsweise von Astrolabien oder Sternhöhenmessern beschäftigt. Mariam, die im 10. Jahrhundert auf dem Gebiet des heutigen Syriens geboren wurde, lernte bei ihrem Vater, Al-Ijliyy al-Asturlabi, die Grundlagen des Umgangs mit diesen Geräten. Dieser hatte seinerseits zuvor in Bagdad die Kunst der Fertigung von Astrolabien erlernt.

Der Bau von Geräten dieser Art erforderte die Fähigkeit, präzise und unter Anwendung komplexer mathematischer Kalkulationen arbeiten zu können. Mariam al-Asturlabi hat sich all dies Schritt für Schritt angeeignet und ihre Kenntnisse vertieft. Ihre Fähigkeiten fielen Sayf Al-Dawla, dem von 944 bis 967 regierenden Emir von Aleppo, auf. Dessen Herrschaftsgebiet umfasste den größten Teil des heutigen Nordsyriens und den Westen der Region Dschazira.

Eine Wissenschaftlerin mit Feinsinnigkeit

Die ersten Astrolab-Vorläufer wurden im alten Griechenland erbaut. Dort verwendete man sie, um Breitengrade zu bestimmen. Der Emir fand Gefallen an der gewissenhaften und innovativen Arbeit der Wissenschaftlerin. Sie arbeitete direkt auf dem Hof des Herrschers und entwickelte in dieser Zeit auch Geräte zur Orientierung und Zeitmessung.

Ein Astrolabium macht es möglich, Himmelskörper wie Sonne oder Sterne nutzbar zu machen, um die eigene Position hinsichtlich des Breitengrades oder die örtliche Zeit zu bestimmen. Außerdem lassen sich damit Ereignisse wie Schwankungen der Erdachse identifizieren.

Astrolabien bestehen aus einer Holz- oder Metallplatte, auf dem ein Horizont, ein Koordinatensystem, eine Gradskala und eine sogenannte Rete angebracht sind. Im Zusammenspiel der Elemente des Astrolabiums wird es möglich, die Positionen von Sonne, Mond, Sternen und Planeten festzustellen. Daraus wiederum konnten Muslime die Gebetsrichtung (Qibla), die Gebetszeiten und die Anfangstage von Ramadan und Eid bestimmen.

Astronomen konnten mithilfe des Instruments zudem die Position von Himmelskörpern, Tageszeiten, Jahreszeiten, aber auch die Höhe und den Breitengrad von Objekten eruieren. Mariam al-Asturlabi hat ein Astrolabium konstruiert, das eine exakte mathematische Positionsbestimmung der Himmelskörper ermöglicht, ohne dass sie selbst zuvor eine mathematische Schulbildung genossen hatte.

Sie hatte es jedoch verstanden, die fehlenden theoretischen Grundlagen durch besondere Kenntnisse im Handwerk und der Metallurgie zu kompensieren. Dies ermöglichte Mariam al-Asturlabi, ihre Beiträge zur modernen Astronomie und zur islamischen Religion zu leisten. In der Fachwelt wurde sie 1990 dadurch gewürdigt, dass der damals von Henry E. Holt im Observatorium von Palomar entdeckte Hauptgürtel-Asteroid „7060 Al-Ijliyye“ nach ihr benannt wurde.

In der Science-Fiction-Novelle „Binti“ von Nnedi Okorafor aus dem Jahr 2016 wurde Mariam al-Asturlabi auch literarisch geehrt. In der Geschichte geht es ebenfalls um eine junge Frau, die zu einer Expertin im Bau von Astrolabien wird. Autorin Okorafor war eigenen Angaben zufolge während einer Buchmesse in den Vereinigten Arabischen Emiraten auf die Wissenschaftlerin aus dem Mittelalter aufmerksam geworden.

TRT Deutsch