Symbolbild: Notizbuch von Charles Darwin in der Bibliothek von Cambridge (AFP)

von Till C. Waldauer

Eine unabhängige Historikergruppe in London hat im Auftrag des Imperial College dessen historische Verbindungen zum Britischen Empire und dabei insbesondere dessen Kolonialpolitik unter die Lupe genommen. Dabei hat auch der Beitrag der Einrichtung zur Pflege rassistischer Vorstellungen eine Rolle gespielt, mittels derer auch Unterdrückungsmaßnahmen und Verbrechen gegenüber autochthonen Bevölkerungsgruppen in den Kolonialgebieten gerechtfertigt wurden.

Studie rät zur Entfernung von Ehrungen für Rassisten und Eugeniker

Die Untersuchung sollte dazu beitragen, durch rassistische Stereotypen begünstigte Ungleichheiten zu beseitigen und die Inklusivität an den 24 Universitäten des Exzellenzverbandes Russell Group zu verbessern, dem auch das Imperial College angehört. In den Empfehlungen, die von den Forschern ausgesprochen wurden, wird der Universität unter anderem geraten, Gebäude und Hörsäle umzubenennen, die Wissenschaftler ehren, deren Arbeit Eugenik und Rassismus befürwortete.

Die Historikergruppe empfahl neben der Umbenennung eines Gebäudes auch die Entfernung einer Statue, die den englischen Biologen und Anthropologen Thomas Henry Huxley ehrt. Dieser galt als Entdecker einer Abstammungslinie, die von prähistorischen Dinosauriern zu heutigen Vogelarten führte, und war ein vehementer Förderer seines Forscherkollegen Charles Darwin.

„Times“: Bald fällt auch Darwins Denkmal

Huxley vertrat jedoch auch, so die Historiker, in seinen anthropologischen Forschungen eine „rassistische Hierarchie der Intelligenz, ein Glaubenssystem des ‚wissenschaftlichen Rassismus‘, das die gefährliche und falsche Ideologie der Eugenik nährte, deren Nachwirkungen bis heute zu spüren sind“.

Deshalb sollte, so die Kommission, nicht nur ein nach ihm benanntes Gebäude an der Universität umbenannt werden, sondern auch eine Büste, die ihn als ersten Dekan des Royal College of Science in der Zeit von 1881 bis 1885 ehrt, „entfernt und in den Archiven der Hochschule untergebracht werden“.

Die „Times“ geht nun davon aus, dass nicht nur Huxley selbst von der Aufarbeitung der rassistischen Züge wissenschaftlicher Forschung im Europa des späteren 19. Jahrhunderts betroffen sein würde, sondern der Fokus früher oder später auch auf seinen Protegé Charles Darwin fiele.

Mensch auf animalische Komponenten reduziert

Bereits im Frühjahr 2021 wurden anlässlich des 150. Jahrestages der Veröffentlichung des Darwin-Werkes über die „Abstammung des Menschen“ Stimmen laut, die auf zweifelhafte Überzeugungen des Naturforschers hinwiesen, welche später von rassistischen und totalitären Ideologen zur Rechtfertigung von Gräueltaten in von Europäern beherrschten Kolonien und auch in Europa selbst herangezogen wurden.

Darwin war unter anderem Begründer der Evolutionstheorie, die den Menschen von seinen körperlichen Anlagen her als „höheres Tier“ betrachtete und die These einer historischen Entwicklung des heutigen Homo Sapiens aus mittlerweile ausgestorbenen Affenarten verfocht.

Materialistische Ideologen sahen sich durch den darin zum Ausdruck kommenden Widerspruch zu einer wörtlichen Auslegung des Schöpfungsberichts der Genesis in ihren Auffassungen bestätigt. Sie führten Darwin, der selbst eigenen Aussagen zufolge kein Atheist war, als Kronzeugen für die eigene antireligiöse Weltsicht an, die in Westeuropa seit dem Zeitalter der sogenannten Aufklärung an Rückhalt gewann.

Darwins Vorstellung des „Survival of the Fittest“, nach seiner Konzeption das Überleben der am besten an ihre Umgebung angepassten Spezies, wurde von totalitären Ideologen als „Überleben des Stärkeren“ im „Kampf ums Dasein“ gedeutet - und diente unter anderem den Nationalsozialisten als Legitimation für ihre Politik der Ausrottung „minderwertigen“ oder „lebensunwerten“ Lebens.

Wie viel Darwin steckt im Sozialdarwinismus?

Bis heute wird die Frage kontrovers diskutiert, inwieweit Darwins wissenschaftlichen Publikationen eine Mitverantwortung für Völkermorde und Verbrechen gegen die Menschlichkeit zukommt, die von europäischen Kolonialmächten und Diktaturen begangen wurden, die sich auf seine Lehren beriefen.

Eine direkte Verantwortung des 1882 verstorbenen Forschers für die Weiterentwicklung seiner Thesen beispielsweise hin zum Sozialdarwinismus oder zur Eugenik wird überwiegend bezweifelt. Dennoch wurde im Kontext mit dem 150-Jahr-Jubiläum seiner Schrift über die „Abstammung des Menschen“ von mehreren Seiten auch auf eigene rassistische sowie frauenfeindliche Thesen verwiesen, die Darwin auch persönlich im Rahmen seiner Forschung vertreten hatte.

„Die harte Wahrheit lautet: Darwin war ein Rassist“

Obwohl Darwin die Sklaverei ablehnte, war er der Überzeugung, dass es „höhere“ und „niedere“ Rassen sowie „zivilisierte Völker“ und „Barbaren“ gäbe. Aus dieser Vorstellung leitete er eine Rechtfertigung des Kolonialismus her, der es den weißen Europäern ermögliche, auf paternalistische Weise die „weniger begünstigten Nationen“ gleichsam zu „erziehen“ - wie dies etwa auch Philosophen der „Aufklärung“ wie Immanuel Kant vorgeschwebt hatte. Darüber hinaus war er der Auffassung, dass in allen kognitiven Bereichen „der Mann zu einer größeren Höhe in allem, was er nur immer anfängt, gelangt, als zu welcher sich die Frau erheben kann“.

In einem Interview mit dem „ORF“ fiel die Einschätzung des Anthropologen Agustin Fuentes von der Princeton University unmissverständlich aus:

„Die harte Wahrheit lautet: Darwin war ein Rassist. Er war der Ansicht, dass die Menschen aus Afrika, Australien, Südamerika und Europa alle von gemeinsamen Vorfahren abstammen. Aber er war auch der Ansicht, dass ihre Fähigkeiten in eine Rangfolge zu stellen sind. Er sah die Europäer als fähiger und sogar als menschlicher an als die anderen Gruppen. Und die afrikanischen Populationen reihte er ganz am Ende ein. Dem liegt eine Ideologie zugrunde, die von einer reduzierten Intelligenz und Überlebensfähigkeit der Nichteuropäer ausgeht.“

TRT Deutsch