Bei der Pariser Staatsoper redet man von Einbußen zwischen 15 und 16 Millionen Euro, in der Theaterszene von katastrophalen Zahlen. Nach mehr als sechswöchigem Streik gegen die Rentenreform des französischen Präsidenten Emmanuel Macron macht die Kulturszene des Landes Kassensturz. Die Bilanz sieht vor allem bei der Staatsoper düster aus mit ihren beiden Schauspielhäusern Bastille und Garnier.

Mehr als 70 Aufführungen wurden in den vergangenen Wochen abgesagt. Eine historische Krise nannte Opern-Direktor Stéphane Lissner die Lage und kündigte „drastische Sparmaßnahmen“ an.

Die Rechnung tue weh, erklärte auch Jean-Pierre Clamadieu, Vorsitzender des Verwaltungsrates der Pariser Oper. Die Zahlen, die er dem Fernsehsender „BFM Business“ nannte, sind eindrücklich: Auf 15 bis 16 Millionen Euro sollen sich die Einbußen belaufen, die der Oper in Folge des Streiks eines Teils des Personals gegen das geplante Rentensystem entstanden sind.

Mit der Rentenreform sollen die derzeitigen 42 Sonderregelungen ersetzt werden, darunter auch die für die Oper.

Neben Annullierungen sorgten die Streikenden mit Protestaktionen für Aufsehen. An Weihnachten tanzte das Ballett auf dem Vorplatz des Palais Garnier mehrere Szenen von Tschaikowskys „Schwanensee“. Mitte Januar gaben Musiker und Sänger der Oper auf den Stufen des Vorplatzes ein Mini-Konzert.

Die Pariser Oper gehört zusammen mit der bekannten Comédie-Française zu den Einrichtungen, die innerhalb des komplexen Rentensystems eine Sonderstellung genießen: Ihre Tänzer können aufgrund ihrer körperlichen Belastung zwischen 40 und 42 Jahre in Rente gehen, Chorsänger und bestimmte Techniker zwischen 50 und 57 Jahren und Musiker ab 60 Jahren.

Die Sonderregelungen, die zu den ältesten der Welt zählen, gehen auf den französischen „Sonnenkönig“ Ludwig XIV. (1638-1715) zurück, der tanzbegeistert war.
Ursprünglich sah die Reform vor, dass Rentner künftig erst ab der Altersgrenze von 64 Jahren die vollen Bezüge erhalten. Davon rückte die Regierung mittlerweile ab. Doch zu einer Einigung sind Gewerkschaftsverbände und Regierung bislang nicht gekommen. Nach mehr als sechswöchigem Streik, der auch Frankreichs Nah- und Fernverkehr lahmgelegt hatte, ist erstmals eine Verschnaufpause angesagt - auch bei der Oper, doch von einem Ende ist noch keine Rede.

Um die wirtschaftliche Integrität der Oper zu wahren, habe man beschlossen, eine Pause einzulegen, hieß es. Aber man sei mit dem Fortgang der Verhandlungen nicht zufrieden.

Die berühmte Comédie-Française unterliegt einem Sondersystem aus dem Jahr 1914. Seit der Streikbewegung fielen in dem Haus, das 1680 gegründet wurde, mehr als 30 Vorstellungen aus. Techniker und Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes, die vor 1980 geboren wurden, können dort ihre Rechte mit 57 Jahren ausüben. Die Schauspieler wiederum haben ihr eigenes System.

Niemand ahne, welche dramatischen Folgen diese gesamte soziale Bewegung für die Kulturwirtschaft haben wird, beklagte Thierry Suc, Chef der Produktionsfirma TS3 für Konzerte und Shows. Das Broadway-Musical „War Horse“ in der 2017 eröffneten Seine Musicale, einem riesigen bootförmigen Konzert-und Veranstaltungshaus auf der Seine-Insel Ile Séguin, sei „gekillt“ worden. Hier streikte nicht das Personal - der beeindruckende Komplex liegt an der Metro-Linie 9, die in den vergangenen Wochen aufgrund des Protest fast dauerhaft gesperrt war.

Paris, Zentrum der Streikbewegung, besitzt über 100 öffentliche und private Theaterhäuser. Viele hatten ohne Metro und S-Bahn in den vergangenen Wochen ganz auf die Öffnung ihrer Türen verzichtet. Nach den Pariser Attentaten 2015 habe man wieder Oberwasser bekommen, erklärte Isabelle Gentilhomme, Generaldelegierte der Gewerkschaft der Privattheater mit rund 60 Einrichtungen, in der Wirtschaftszeitung „Les Echos“. Dann sei das Jahresende 2018 mit den Gelbwesten-Protesten gekommen, und nun die Streiks.

DPA