Armenische Freischärler in Ostanatolien. (AA)

von Ali Özkök

Jedes Jahr aufs Neue bedrängt Armenien die Türkei mit Unterstellungen, die den Nachfolgerstaat des Osmanischen Reiches zur Anerkennung eines vermeintlichen „Völkermords“ an den Armeniern zwingen soll.

„Die Anerkennung des Völkermords an den Armeniern durch die Türkei und die Beseitigung seiner Folgen“ wäre angeblich „eine Frage der Sicherheit für Armenien, die armenische Nation und die Region“. Mit diesen provokanten Worten begann Armeniens Präsident Armen Sarkissian am Donnerstag seine Ansprache an die Nation.

Die Türkei wehrt sich gegen die „einseitige Darstellung dieser Tragödie als Völkermord einer Gruppe gegen eine andere“, kommentierte das türkische Außenministerium den Sachverhalt. Nach Ansicht der Türkei wird die Armenier-Frage für einseitigen politischen Druck zynisch instrumentalisiert.

Anders als Armenien, das mit seiner Kampagne die Weltgemeinschaft vor vollendete Tatsachen stellen möchte und dabei kritische Fragen untersagt, will die Türkei im Sinne der Wahrheitsfindung das letzte Wort den Historikern und nicht den Politikern überlassen.

Ankara hat wiederholt den Einsatz einer gemeinsamen Kommission von Historikern aus der Türkei und Armenien sowie internationalen Experten zur Untersuchung der Frage vorgeschlagen.

Dabei gehe es der Türkei nicht um eine „Leugnung“, wie am Freitag Armeniens Außenminister Zohrab Mnatsakanian scharfzüngig unterstellte. „Die letzten Jahre des Osmanischen Reiches waren eine tragische Zeit für die Menschen, die das Reich bildeten. Türken, Armenier und viele andere haben unermesslich gelitten“, bezieht das Außenamt der Türkischen Republik Stellung.

Am Freitag sprach Präsident Recep Tayyip Erdoğan dem Patriarchen der armenischen Gemeinschaft der Türkei, Sahak Maşalyan, angesichts der Ereignisse von 1915 sein Beileid aus. Er betonte: „Wir haben niemals zugelassen, dass auch nur ein einziger Bürger wegen seines Glaubens oder seiner Identität anderweitig behandelt oder diskriminiert wird.“

Im Dienste Russlands: Armenier starten Guerillakrieg in Ostanatolien Die Türkei vertritt über die Ereignisse von 1915 den Standpunkt, dass Armenier in Ostanatolien ums Leben kamen, als sich einige auf die Seite der einfallenden Russen stellten und in Form einer Rebellion revoltierten. Eine spätere Umsiedlung von Armeniern führte zu weiteren Opfern. Dabei verweist die Türkei auf verfügbare Archivdokumente und akademische Forschung - mit dem Hinweis auf die Dynamik der Großmachtrivalitäten in Europa Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts. Im Widerspruch zum gängigen Narrativ einer angeblich wehrlos dahingemetzelten unschuldigen Zivilbevölkerung, zeichnen Frontberichte ein gänzlich divergierendes Bild von der Realität. Tatsächlich organisierten sich armenische Milizen und Freischärler in einer Allianz mit der russischen Zarenarmee während des Ersten Weltkrieges gegen das Osmanische Reich. Diese Allianz sollte durch einen Feldzug weite Landstriche Ostanatoliens militärisch unter ihren Einfluss bringen.

Um die osmanische Rückfront zu zersetzen, während russische Truppen zeitgleich vorrückten, griffen armenische Freischärler regelmäßig türkische Dörfer in Ostanatolien an. Einer dieser Milizionäre, der von Armenien als Held verklärt wurde, war Murad Khrimian, auch als Murad Hagopian bekannt. Mit Hit-and-Run-Angriffen spielte Hagopian bereits eine Führungsrolle bei gewaltsamen Aufständen im Jahr 1904 in Sason, heute in der türkischen Provinz Batman. 1915 während des Weltkrieges verschanzte sich Hagopian zunächst in der osmanischen Provinz Sivas, von wo er aus mit seiner Truppe immer wieder Angriffe startete. Lokale armenische Bewohner reagierten. Sie sollen im weiteren Verlauf die osmanischen Autoritäten über die Unterkunft von Hagopian informiert haben. 1916 floh er ins russische Lager nach Batumi und führte schließlich erneut Kampfverbände in Erzincan in den Krieg – bis er schließlich 1918 bei Kämpfen in Baku starb. Solche und zahlrieche weitere Operationen von armenischen Freischärlern, die von Russland, dem Kriegsfeind des Osmanischen Reiches, unterstützt wurden, bildeten das Hauptmotiv für eine Umsiedlung von Teilen der armenischen Bevölkerung. Verbotenes Buch: Selbstkritik eines armenischen Ministerpräsidenten 1923 räumte Howhannes Katschasnuni, der erste Ministerpräsident der im Mai 1918 gegründeten Demokratischen Republik Armenien, hinsichtlich der Beziehung zum Osmanischen Reich eigene Fehler ein. In seinem „Bericht zur Parteikonferenz 1923“ soll Katschasnuni berichtet haben: „Im Herbst 1914 organisierten sich armenische Freiwilligenverbände und kämpften gegen die Türken. [...] Wir hatten keinen Zweifel daran, dass der Krieg mit dem vollständigen Sieg der Alliierten enden würde; die Türkei würde besiegt und zerstückelt werden.“ In der aus dem Armenischen übersetzten russischen Publikation des Buches „Für die Daschnakzutjun gibt es nichts mehr zu tun“ soll Katschasnuni demnach geschrieben haben: „Als an unseren Grenzen Militäroperationen begannen, boten die Türken an, sich mit uns zu treffen, um Verhandlungen aufzunehmen. Wir haben ihren Vorschlag abgelehnt.“ Stattdessen: „Zu Beginn des Herbstes 1914, als die Türkei noch nicht in den Krieg eingetreten war, [...] begannen sich in Transkaukasien mit großer Begeisterung und vor allem mit viel Aufruhr armenische revolutionäre Einheiten zu bilden.“

„[...] Der Beweis ist jedoch - und das ist wesentlich - dass der Kampf, gegen den die türkische Regierung die Deportation veranlasste, vor Jahrzehnten begann [...]“, fügte Katschasnuni selbstkritisch hinzu.

Bemerkenswert ist: Seit April 1923 soll der Bericht in Armenien unter Verschluss gehalten werden. Die Veröffentlichung der literarisierten Version des Berichts sei in Armenien ebenso verboten – schließlich widerspricht das Werk dem gewünschten Narrativ. Katschasnuni fiel Stalins „Großem Terror“ zum Opfer und wurde 1938 getötet.

Die Vertreibung und Ermordung von Armeniern während dieser Kriegszeit dürfe nach Ansicht türkischer Historiker nicht auf eine Minderheit reduziert werden. Millionen von osmanischen Muslimen kamen im Kaukasus und auf dem Balkan von 1865 bis 1922 ums Leben.

Nichtsdestotrotz unterstrich Präsident Erdoğan: „Ich erinnere mich mit Respekt an die osmanischen Armenier, die unter den schwierigen Bedingungen des Ersten Weltkriegs ihr Leben verloren haben, der den Menschen auf der Welt unermessliches Leid gebracht hat."

TRT Deutsch