Als Maßnahme im Kampf gegen die anhaltende Ausbreitung des Coronavirus sind Flüge aus dem Iran nach Deutschland ab sofort untersagt. Das gab Bundesgesundheitsminister Jens Spahn am Mittwoch bekannt. „Wir legen uns in Deutschland in der Epidemie scharfe Beschränkungen auf, da können wir Flüge aus diesem Hochrisikogebiet nicht zulassen.“

Die Anordnung erließ Spahn auf Basis des erst in der vergangenen Woche geänderten Infektionsschutzgesetzes, das dem Bund befristet mehr Kompetenzen bei der Bekämpfung der Epidemie gibt. Zur Begründung verwies er darauf, dass das Geschehen im Iran sehr intransparent sei.

Verkehrsminister Andreas Franz Scheuer hatte jedoch schon Mitte März angekündigt, Flüge aus dem Iran und China unterbinden zu wollen. Dennoch landeten weiterhin Passagierflugzeuge aus jenen Ländern auf deutschen Flughäfen. Auch Tests zur Überprüfung, ob eine Infizierung der Passagiere bestand, fanden laut „Welt“-Bericht nicht statt.

Strengere Maßnahmen zu Land

Im Kontrast dazu stehen die strengeren Maßnahmen beim Landverkehr: Wer mit dem Auto in die Nachbarländer Frankreich, Österreich, Schweiz oder Dänemark ausreisen will, der muss einen triftigen Grund vorweisen – ansonsten gelten Ausreisebeschränkungen.

Das Robert-Koch-Institut rät schon seit der Frühphase der Virusausbreitung von Reisen in den Iran ab – und stuft das gesamte Land als Risikogebiet ein. Die Reaktionszeit in Berlin auf die Krise im Iran verlief allerdings schleppend.

Iran meldete seine ersten bestätigten Fälle von SARS-CoV-2-Infektionen in der Stadt Ghom bereits am 19. Februar 2020.

Nach offiziellen Angaben gibt es im Iran inzwischen rund 48.000 Infektionen mit dem Coronavirus. Zugleich starben über 3.000 Menschen. Zum Vergleich: In der Bundesrepublik verzeichnete das Robert-Koch-Institut 73.522 Infektionen und 872 Todesfälle (Stand: 2.4.2020, 00:00 Uhr).

„Man muss Maßnahmen treffen“

Kritisiert wurden die fehlenden Maßnahmen gegenüber Iran-Reisenden auch vom stellvertretenden Vorsitzenden der Gewerkschaft der Polizei, Jörg Radek. Gegenüber dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) erklärte er im März: „Wenn wir die Grenzen an Land schließen, dann müssen wir auch den Luftverkehr einschränken“.

Er forderte, dass Flugzeuge aus bestimmten Ländern „gar nicht erst starten“ sollten. „Man muss Maßnahmen treffen, dass so etwas nicht möglich ist“, mahnte er hinsichtlich der Lage im Iran.

Mehrere Corona-Infizierte reisten ins Ausland

Immer wieder kommt es zu importierten Corona-Fällen: Am 20. Februar wurde der erste bestätigte SARS-CoV-2-Fall bei einer Frau um die 30 gemeldet, die aus dem Iran nach Kanada gereist war.

Am 23. Februar setzte Georgien als eines der ersten Länder seine Flüge von und nach Iran aus. Am selben Tag schlossen Pakistan, die Türkei, Afghanistan und Armenien die Landgrenzen. Ankara stoppte überdies alle Flüge aus seinem östlichen Nachbarland.

Ende Februar berichtete „SWR Aktuell“ von einer ersten Infizierung eines Iran-Reisenden aus Deutschland. Der Mann war demnach „Mitte Februar aus dem Iran zurück nach Kaiserslautern gekommen“. Dort habe er Kontakt mit einer „symptomatisch auffälligen Person“ gehabt. Zwei weitere Infizierte aus Hamburg hätten sich im Vorfeld ebenfalls im Iran aufgehalten.

Auch in Norwegen, Schweden und Spanien wurden ähnliche Fälle registriert.

Menschen kommen ohne Tests

„Iran ist ein Epizentrum des Coronavirus“, erinnerte die ARD-Korrespondentin im Iran, Natalie Amiri, auf Twitter. Sie kritisierte: „Trotzdem landen immer noch wöchentlich mehrere IranAir Maschinen aus Teheran in Frankfurt.“ Die Menschen kämen ohne Tests und Quarantänemaßnahmen ins Land.

„Wenn es heißt, man solle in diese Länder nicht fliegen, dann muss natürlich umgekehrt für Menschen, die von dort zurückkommen, ebenfalls gelten, dass Tests gemacht und sie in Quarantäne geschickt werden“, kommentierte der Bundestagsabgeordnete der Grünen, Omid Nouripour, gegenüber das RND über eine mögliche Ansteckung im Iran. Todeszahlen fünfmal höher Experten vermuten, dass die Dunkelziffer der Todesfälle im Iran deutlich höher ist als bekanntgeben. Dieser Meinung ist allen voran der Notfalldirektor der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Rick Brennan, der das Land eigens besuchte. Er schätzt die tatsächliche Zahl der Toten mindestens fünfmal höher ein. Das US-Thinktank „Carnegie“ fand heraus, wie ein „Spiegel“-Bericht zitiert, dass Corona-Infizierungen im Iran bereits im Februar explodierten. Weil die iranische Regierung die Wahlbeteiligung bei den Parlamentswahlen nicht drücken wollte, sei das Ausmaß der Krise kleingeredet worden. Das Ergebnis: Die Krise weitete sich im ganzen Land aus. Alle zehn Minuten ein Todesfall Unterdessen räumte der Pressesprecher des iranischen Gesundheitsministeriums, Kianusch Dschahanpur, selbst ein, dass die Lage dramatisch sei: Etwa alle zehn Minuten soll im Iran ein Mensch an den Folgen einer Coronavirus-Infektion sterben. Masoud Mardani von der Shahid-Beheshti-Universität für Medizinische Wissenschaften betonte, dass sich das Virus im Iran noch schneller ausbreite als in China. Er gab laut der Nachrichtenagentur Anadolu vergangene Woche an, dass die Behörden nur langsam auf den Ausbruch reagierten. Mardani, der auch Mitglied des iranischen Coronavirus-Wissenschaftsrats ist, informierte, dass im Iran jeden Tag zwischen 100-150 Menschen sterben. Erst Ende März beschloss das Gouverneursamt der iranischen Hauptstadt die Schließung aller Geschäfte. Ausgenommen sind Apotheken und Supermärkte. Zuvor durften sich Iraner noch mehr oder weniger frei bewegen. Viele von ihnen verließen beispielsweise wegen der Frühjahrsferien die Hauptstadt. „Sie kehren nun zurück - möglicherweise mit dem Virus im Gepäck“, konstatierte die „Tagesschau“ mit Blick auf den anhaltenden Trend steigender Fallzahlen.

TRT Deutsch