Der brutale Konflikt in Syrien hat sich am gestrigen Sonntag zum neunten Mal gejährt. Das Regime von Baschar al-Assad versucht noch immer seine Herrschaft im ganzen Land zu festigen. Doch das Land ist zerstört und die Wirtschaft ist marode. Die verbliebenen Oppositionsgebiete wurden zuletzt massiv angegriffen. Der Kampf ums Überleben ist für viele Zivilisten zum Alltag geworden.

Als die Syrer am 15. März 2011 auf die Straße gingen, konnten sie sich kaum vorstellen, dass ihre Proteste gegen das Regime zu einem komplexen Krieg führen würden, in dem Oppositionelle, Terroristen und externe Mächte verwickelt sind.

Laut der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte wurden in dem Konflikt bisher über 560.000 Menschen getötet, während mehr als elf Millionen Menschen vertrieben worden seien.

„Neun Jahre Revolution veranschaulichen das Ausmaß des Leidens, das wir zwischen Exil, Bombenanschlägen und Todesfällen erfahren", sagt Hala Ibrahim, eine Rechtsaktivistin, die heute in der Stadt Dana in der Provinz Idlib lebt. „Ich habe meine Universität verlassen, mein Haus, das bombardiert wurde", sagt die Frau, um die dreißig Jahre alt. „Wir haben alles verloren."

Die ursprünglich aus der nördlichen Stadt Aleppo stammende Ibrahim verließ das Land Ende 2016, nachdem das Regime von der Opposition gehaltene Gebiete zurückerobert hatte und er Zuflucht in Idlib suchte. Die nordwestliche Region um Idlib, Syriens letzte Oppositionshochburg, ist das jüngste Ziel des Regimes.

Dank der militärischen Unterstützung Russlands und des Irans sowie der Hisbollah hat Assad die Kontrolle über rund 70 Prozent des vom Krieg heimgesuchten Landes zurückerobert.

Anfang dieses Monats trat im Nordwesten ein bisher standhafter Waffenstillstand in Kraft. Die Türkei und Russland haben zudem vereinbart, gemeinsame Patrouillen in Idlib zu starten, um die Einhaltung der Vereinbarung zu kontrollieren.

Nach Angaben der Vereinten Nationen haben syrische Regimetruppen und russische Kampfflugzeuge die Region seit Dezember durch Bombardierungen schwer verwüstet. Fast 500 Zivilisten wurden seitdem getötet und fast eine Million Menschen zur Flucht gezwungen.

„Zerstörung und Elend"

Siham Abs und sieben ihrer Kinder leben seit zwei Monaten in einem Lager für Vertriebene aus Idlib in der Nähe von Bardaqli, unweit der türkischen Grenze. Viele von denen, die in Lagern keinen Platz finden konnten, haben auf Feldern geschlafen oder in Schulen, Moscheen und zerstörten Gebäuden Schutz gesucht.

Im Lager Bardaqli stehen Zelte aus Plastikfolie auf schlammigen Wegen. Abs sagt, sie und ihre Familie würden sich gerne waschen, wissen aber nicht wo. „Ich bin 50 Jahre alt und habe noch nie so schwierige Zeiten erlebt", sagt sie.

Der UN-Sonderbeauftragte für Syrien, Geir Pedersen, sagte am Vorabend des Jahrestages: „Das Leid des syrischen Volkes in diesem tragischen und schrecklichen Jahrzehnt widerspricht immer noch der Vernunft und dem Glauben."

Der Syrienkonflikt entstand vor neun Jahren nach regimekritischen Demonstrationen in der südlichen Stadt Daraa. Die Proteste gegen die Diktatur breiteten sich in ganz Syrien aus. Durch eine bewaffnete Rebellion und mit Unterstützung der Golfstaaten rangen sie dem Assad-Regime wichtige Bereiche ab.

In dem Chaos entstanden auch terroristische Gruppen. So auch die Terrorgruppe Daesh, die 2014 über weite Teile des Landes und den benachbarten Irak fegte.

„Ein Jahrzehnt der Kämpfe hat nichts als Zerstörung und Elend gebracht", schrieb UN-Generalsekretär Antonio Guterres diese Woche auf Twitter. „Es gibt keine militärische Lösung. Jetzt ist es an der Zeit, der Diplomatie eine Chance zu geben, zu arbeiten."

In den letzten Jahren sind solche Bemühungen jedoch gescheitert. In Syrien operieren fünf ausländische Mächte, wobei Russland und der Iran das Regime unterstützen.

Trotz eines angekündigten Abzugs der US-Streitkräfte im vergangenen Jahr sind amerikanische Truppen immer noch im Nordosten des Landes in einer halbautonomen Zone stationiert. Diese wird von Ablegern der Terrororganisation PKK in Syrien kontrolliert.

Nach dem erfolgreichen Kampf gegen Daesh hat sich Washington immer mehr dem Hauptziel der Eindämmung des iranischen Einflusses zugewandt.

„Zerstörungen in Höhe von fast 400 Milliarden US-Dollar“

Israel führt regelmäßig Luftangriffe auf Militärstellungen des Regimes, der Hisbollah und iranischer Milizen durch.

Die benachbarte Türkei hingegen unterstützt die gemäßigte Opposition. Sie unterhält dort Truppen, um ihre eigene Grenze vor Terroristen zu schützen und einen innersyrischen Rückzugsort für Flüchtlinge zu schaffen.

Die Türkei beherbergt derzeit Millionen syrischer Flüchtlinge, die seit Kriegsbeginn geflohen sind. Kein anderes Land auf der Welt trägt eine ähnlich große Flüchtlingslast.

„Die schreckliche und anhaltende Natur des Konflikts ist ein Beweis für ein kollektives Versagen der Diplomatie", sagt Pedersen.

Der Krieg hat Syriens Wirtschaft und Infrastruktur verwüstet. Die Vereinten Nationen schätzten 2018, dass der Konflikt kriegsbedingte Zerstörungen in Höhe von fast 400 Milliarden US-Dollar verursachte.

„Grundversorgung, Krankenhäuser und Schulen müssen im ganzen Land wieder aufgebaut werden", sagte das Internationale Komitee vom Roten Kreuz am Samstag. „Häuser und Grundstücke müssen von nicht explodierter Munition befreit werden. Arbeitsplätze und andere Einkommensquellen müssen geschaffen und erhalten werden.“

TRT Deutsch