Nina Magdalena Böhmer, Krankenpflegerin in Berlin, klagt das mangelhafte Gesundheitssystem in Deutschland an. In einem Bericht des „Tagesspiegels“ von Samstagmittag erläutert sie die düstere Lage in der aktuellen medizinischen Versorgung. Auch wenn der Applaus aus den Balkonen als Symbol für Solidarität mit dem Gesundheitspersonal eine „nette Geste“ sei, verändere das „absolut nichts“, betont sie. Vor einigen Tagen nahm die Krankenpflegerin auf Facebook kein Blatt vor den Mund: „Euren Applaus könnt ihr euch sonstwohin stecken“, schrieb sie dort.

Den Namen der Berliner Klinik, in der sie arbeitet, will sie nicht nennen, „weil mein Arbeitgeber nichts für unser Gesundheitssystem kann.“ Eigentlich hätte Nina (28) ab nächster Woche Urlaub gehabt, aber sie habe sich freiwillig gemeldet, um weiterzuarbeiten, sagte sie dem „Tagesspiegel“.

„Wir haben doch keine Superkräfte“

In dem Bericht kritisiert die Krankenpflegerin die Heroisierung des Pflegepersonals vehement: „Anfang der Woche habe ich gelesen, dass das Robert-Koch-Institut empfiehlt, die Quarantäneregelungen für medizinisches Personal zu lockern. Dass wir also arbeiten sollen, auch wenn wir Kontakt zu einem Infizierten hatten. Wir sollen jetzt die Helden sein und werden so behandelt?“

Die Vorstellung, das Gesundheitspersonal müsse trotz Infektionsgefahr stets einsatzbereit sein, münde in Fahrlässigkeit. „Das macht mich so wütend! Wir sind doch keine andere Gattung von Mensch, wir haben doch keine Superkräfte. Und wir können so viele andere anstecken.“ Es sei gefährlich, von ihr und ihren Kollegen zu erwarten, sie seien quasi gegen Infektion immun: „Wie soll ich anderthalb Meter Abstand halten, wenn ich eine Person wasche oder ihr Blut abnehme? Das finde ich fahrlässig.“

Pflegenotstand seit Jahren bekannt

Nina Magdalena unterstreicht, dass sie ihren Beruf eigentlich gerne ausführt, weil sie daran mitwirke, dass es Menschen besser geht. Den Umgang mit dem Pflegepersonal prangert sie dennoch an: „Vor ein paar Wochen hat Jens Spahn entschieden, wegen Corona die Personaluntergrenzen für bestimmte Stationen aufzuheben. Natürlich ist das jetzt eine Ausnahmesituation, aber es war doch vorher schon kaum zu schaffen. Wir sind keine Maschinen! Der Pflegenotstand ist ja seit Jahren bekannt.“

Sie habe nicht viel Hoffnung, dass sich durch die Coronakrise für ihre Berufsgruppe „langfristig“ etwas ändern werde. Oft mangele es an Personal, sodass einfachste Tätigkeiten zu Herausforderungen werden: „Ich möchte nicht warten müssen, um einen übergewichtigen Mann umlagern zu können. Ich hätte gern Hilfe, wenn ich jemanden vom Bett in den Rollstuhl hebe. Ich wünsche mir, dass die Versorgung an erster Stelle steht und nicht die Fallpauschale.“ Derzeit bereite sich die Krankenpflegerin auf „einen Ansturm“ von Patienten vor.

Fast alleine für 40 Patienten verantwortlich

Die Privatisierung des Gesundheitswesens führe laut der Krankenpflegerin zu unüberwindbaren Problemen. „Ich finde es absurd, dass Stationen mehr Patienten aufnehmen, als sie eigentlich Kapazität haben, weil sie sonst kein Geld verdienen.“

Es komme manchmal vor, dass sie sich alleine mit einem Pflegeschüler um 40 Patienten kümmern muss. Das Bürokratische erschwere die Lage: „Und der Druck, alles zu dokumentieren, ist auch gewachsen.“ Ideal wäre für sie, „nur zehn oder sogar fünf Patienten“ zu haben. Der Kontrast zur Realität ist immens.

Schlimmer sehe es in der Altenpflege aus: „Freunde von mir sind als Altenpfleger manchmal mit 80 Patienten alleine.“ Trotz der auferlegten großen Verantwortung werde gegen den Pflegenotstand nichts unternommen.

Zwei Wochen lang ein Mundschutz

Inzwischen seien in ihrer Klinik wieder Mundschutz und auch Desinfektionsmittel vorhanden. „Aber die letzten zwei Wochen musste ich häufig einen Mundschutz und Schutzkittel für mehrere Patienten benutzen.“ Die Konditionen seien derzeit für niemanden „besonders hygienisch“.

Aufgrund der Coronavirus-Hysterie sei auch an ihrem Arbeitsort medizinisches Schutzmaterial gestohlen worden. „FFP-2-Filtermasken gab es sowieso nur für die Rettungssanitäter“, fügt Nina hinzu.

Die Lage sei dramatisch: Einige Krankenhäuser hätten der Krankenpflegerin zufolge damit begonnen, „selbst Mundschutz zu nähen“. In anderen Krankenhäusern gebe es keine Handschuhe mehr.

Helden ohne Geld

„Wir wollen auch mal reisen, uns etwas ansparen“, sagte die Krankenpflegerin dem „Tagesspiegel“ und macht damit ebenso auf die Unterbezahlung von Pflegekräften aufmerksam, obwohl diese zu den systemrelevanten Berufen gehören. Um die verdiente Anerkennung – auch im finanziellen Sinne – zu erhalten, müssten laut Nina Magdalena eigentlich „jetzt alle Pflegekräfte kündigen“. Dann gäbe es ein wahres Echo mit Folgen. „Aber natürlich bauen alle darauf, dass wir sowieso nicht streiken, weil es bei unseren Patienten um Leben und Tod geht.“

Die Klatscherei sei nett, aber eine wirkliche Hilfe sei es erst, sich aktiv für die Verbesserung der Umstände zu engagieren. „Wenn ihr uns helfen wollt, dann klatscht nicht, singt nicht, unterschreibt lieber eine Online-Petitionen und wählt Parteien, die sich für uns einsetzen. Ich verrate nur so viel: Jens Spahn ist es nicht.“

TRT Deutsch