Archivbild – 08.11.2014, Berlin: Der frühere sowjetische Staatspräsident Michail Gorbatschow am Pariser Platz, im Hintergrund das Brandenburger Tor.

Sein Name steht wie kein anderer für den Fall des Eisernen Vorhangs und der Annäherung zwischen Ost und West - seinen 90. Geburtstag am kommenden Dienstag aber wird Michail Gorbatschow unter den Vorzeichen der schwersten Krise in den russisch-europäischen Beziehungen seit dem Ende des Kalten Krieges feiern. Die Spaltung manifestiert sich nicht zuletzt im Blick auf Gorbatschow selbst: Im Westen als großer Staatsmann und Wegbereiter der deutschen Einheit verehrt, lasten ihm noch heute viele Russen den Zusammenbruch der Sowjetunion und das Chaos nach dem Ende des Kommunismus an.

Dass ausgerechnet Gorbatschows Reformgedanken Weltgeschichte schreiben würden, schien lange kaum absehbar. Am 2. März 1931 in einer bäuerlichen Familie im südrussischen Stawropol geboren, beginnt Gorbatschow seine politische Karriere als kommunistischer Apparatschik. Auf eine Karriere als Parteifunktionär in seiner Heimatregion folgt der Sprung nach Moskau. In den 1970er Jahren tritt er ins Zentralkomitee der Kommunistischen Partei ein, als Schützling von KGB-Chef Juri Andropow wird er 1985 zur neuen Nummer eins in der Sowjetunion.

Im Vergleich zu den Hardlinern im Politbüro gilt Gorbatschow schnell als Reformer. Auch im Ausland sehen viele in dem neuen Mann an der Spitze der UdSSR einen erfrischenden Gesprächspartner. „Er ist von seiner Art relativ offen und intelligent. Er ist umgänglich und hat einigen Charme und Humor“, schreibt die konservative britische Premierministerin Margaret Thatcher vier Monate vor Gorbatschows Ernennung zum Generalsekretär des Politbüros an den damaligen US-Präsidenten Ronald Reagan.

Für Eindruck bei Gorbatschows Reisen in den Westen sorgt auch die Eleganz seiner Frau Raissa. Als die einstige First Lady der Sowjetunion im Jahr 1999 stirbt, trauert Russland mit seinem umstrittenen Nationalhelden.

Umstrittene Figur in Russland

Anders als im Westen stehen bei der politischen Bewertung Gorbatschows in Russland nicht dessen Abrüstungspolitik und ehrgeizige Reformansätze im Vordergrund – sondern deren Scheitern. Zunächst lässt die Politik von Glasnost und Perestroika – Offenheit und Umgestaltung - Millionen Menschen in der Sowjetunion in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre auf ein besseres Leben hoffen. Doch bei vielen Russen herrscht heute die Erinnerung an den ungezügelten Kapitalismus und die zahlreichen Privatisierungen vor, die nach dem Ende des Kommunismus über das Land hereinbrachen und von denen vor allem einige Oligarchen profitierten.

Auch Gorbatschow selbst machte aus seinen Versäumnissen keinen Hehl. „Natürlich bedauere ich manches. Es wurden Fehler gemacht, und wir haben es nicht geschafft, die Perestroika erfolgreich zu beenden“, sagte er rückblickend über sein Kernprojekt.

Die andere Seite der Gorbatschow-Regierung

Überschattet wird Gorbatschows Regierungszeit auch von anderen Entscheidungen. Zwar verzichtet er beim Zerfall des Warschauer Paktes wie auch bei den Ereignissen rund um den Berliner Mauerfall auf den Einsatz von Gewalt – die Teilung Deutschlands beschreibt er später als „Zeitbombe“.

In der damaligen Sowjetunion ordnet Gorbatschow aber durchaus Militäreinsätze an und schickt sowjetische Panzer in die sich abspaltenden Republiken Litauen, Aserbaidschan und Georgien. Auch die tagelange Vertuschung der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl, die zur Verseuchung Hunderttausender mit radioaktiver Strahlung führte, fällt unter Gorbatschows Verantwortung.

Außenpolitisch wird Gorbatschow derweil zum Helden. Gemeinsam mit dem damaligen US-Präsidenten George Bush verkündet er am 2. Dezember 1989 bei einem Gipfeltreffen vor der Küste Maltas das Ende des Kalten Krieges. Das Ende der Sowjetunion besiegelt der inzwischen mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnete Gorbatschow am 25. Dezember 1991 mit seinem Rücktritt und der Übergabe des Atomkoffers an den neuen russischen Präsidenten Boris Jelzin.

Den Untergang der Sowjetunion wird Gorbatschow später in seiner Autobiographie bedauern – ebenso wie den gescheiterten Umbau der Kommunistischen Partei zu einer demokratischen. „Ich bedauere noch immer, dass es mir nicht gelungen ist, das Boot, an dessen Steuer ich stand, in einen guten Hafen zu fahren.“

AFP