Gastarbeiter aus der Türkei an einem Bahnhof in Deutschland

Anwerbeabkommen und Arbeitsmigration

Es kamen Menschen mit eigenen Kulturen, Sozialstrukturen und Familien. Heute bilden diese Menschen die größte ethnische Minderheit in Deutschland. In ihrer Heimat werden sie noch oft als „almancı“ („Deutschländer“) oder „gurbetçi“ („Gastarbeiter“/„Auslandstürken“) bezeichnet. Die entscheidende Wende der türkischen Einwanderung nach Deutschland vollzog sich 1961 mit Unterzeichnung des Anwerbeabkommens zwischen Deutschland und der Türkei, das die Arbeitsmigration regelte. Zuvor wurden schon Arbeiter aus Italien, Spanien und Griechenland angeworben. Weitere Abkommen mit Portugal, den Maghrebstaaten sowie dem ehemaligen Jugoslawien folgten. Dass gerade das Jahr 1961 für das deutsch-türkische Anwerbeabkommen gewählt wurde, war nicht ohne Grund.

Pull-Faktoren: Deutsche Motive für die Arbeitsmigration in die BRD

Ein Hauptmotiv für die Unterzeichnung des Dokuments war z.B., dass sich Deutschland in dieser Zeit in der Phase des „Wirtschaftswunders“ befand, in der die florierende Wirtschaft junge und gesunde Arbeitskräfte benötigte. Großkapital und Industrie waren wegen der expandierenden Ökonomie und der damit verbundenen steigenden Nachfrage nach Industriearbeitern auf Hilfe von außen angewiesen. Darüber hinaus wurde 1961 die Berliner Mauer gebaut, wodurch der Übersiedlerstrom aus den östlichen Gebieten und der DDR sehr stark abnahm. Dieses Potential sollte nun durch Menschen aus den Mittelmeer- und Balkanstaaten ersetzt werden. Auch der Aufbau der Bundeswehr ab 1955 spielte eine Rolle bei der Abnahme des männlichen Arbeitskräfteangebots in Deutschland. Daneben gab es noch andere Faktoren, welche die Forderung vor allem der Großunternehmer nach ausländischen Arbeitskräften begünstigten: Die Unternehmen mussten durch die Verlängerung der Ausbildungszeiten länger als vorher auf den Eintritt ihrer Lehrlinge in das volle Erwerbsleben verzichten. Die Arbeitszeitverkürzung auf 45 Wochenarbeitsstunden in Deutschland eröffnete neue Ressourcen. Außerdem führte der Eintritt der geburtenschwachen Kriegsjahrgänge in das Erwerbsleben dazu, dass das inländische Arbeitskräfteangebot stetig abnahm. So betrug die Zahl der offenen Arbeitsstellen in Deutschland 500 000. Zudem hatte die hohe Nachfrage nach inländischen Arbeitskräften die Lohnkosten nach oben getrieben, was den Unternehmen Sorgen bereitete. Die Arbeitnehmer und deren Interessenvertreter in der Politik, insbesondere das Wirtschaftsministerium, zeigten sich offen für den „Import“ von Arbeitskräften aus strukturschwachen Regionen. Die Bundesregierung unterstützte nach anfänglichem Zögern dieses Vorhaben. Dies sind alles Faktoren und Indikatoren („Pull-Faktoren“), die nicht nur einer türkischen Arbeitsmigration nach Deutschland den Weg bereiteten.

Push-Faktoren: Türkische Motive für die Arbeitsmigration in die BRD

Neben den Faktoren, die den deutschen Zielvorstellungen und den Interessen der deutschen Unternehmen dienten, gab es natürlich auch türkische Motive für die Arbeitsmigration. Das Hauptproblem der Türkei war damals, vor allem in den peripheren Landstrichen Anatoliens, eine industrielle Unterentwicklung, gepaart mit einer hohen Arbeitslosigkeit. Das agrarisch geprägte Land durchlief schwere wirtschaftliche Zeiten. Außerdem ließ der im Vergleich mit Europa niedrige Verdienst weite Teile der anatolischen Bauern nahe am oder sogar unter dem Existenzminimum leben. So kam es den meisten aus dieser finanzschwachen Schicht, die von den großen Sparmöglichkeiten in Deutschland gehört hatten, gerade recht, in einem anderen Land Geld zu verdienen, zu sparen und es dann an Familie und Verwandtschaft in der Heimat zu schicken. Vor allem die mittellose Landbevölkerung wanderte aus, um in der Ferne Geld zu verdienen. Die Türken aus höheren sozialen Milieus blieben in der Türkei. Daher muss differenziert werden, dass die türkischen Arbeitsmigranten hauptsächlich aus finanziellen Gründen auswanderten, um z.B. ihren Viehbestand aufzufüllen oder eine Landmaschine in der Heimat zu erwerben. Auch wenn diese Motive banal oder naiv klingen mögen, wollte sich die erste Einwanderergeneration zweifellos diese für sie sehr bedeutenden Wünsche erfüllen. Eine Phase des Wirtschaftswunders wie in der Ära der AK Partei (Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung) unter Präsident Erdoğan gab es in der Türkei damals nicht. Wenn es so gewesen wäre, hätte das Land selbst Arbeitskräfte benötigt, und es wären weitaus weniger oder kaum Menschen ausgewandert.

Ein Teil Deutschlands geworden

Heute sind diese Menschen an einem Punkt angelangt, wo aus ehemaligen Arbeitnehmern Arbeitgeber geworden sind. Nicht nur in traditionellen Bereichen wie z.B. in der Lebensmittelbranche oder Gastronomie, sondern in über 50 verschiedenen Sektoren wie Dienstleistung, Handwerk, Bau, produzierendes Gewerbe, Medizin und Technologie bereichern türkische Anbieter den deutschen Markt. So beträgt die Zahl türkischer Selbstständiger in Deutschland schon über 100.000. Sie beschäftigen über eine halbe Million Menschen im Land und steuern mit einem Gesamtjahresumsatz von 50 Milliarden Euro einen bedeutenden Beitrag für das Bruttoinlandsprodukt Deutschlands bei. Die Situation der türkischen Arbeitsmigranten der ersten Generation, die hauptsächlich in der Schwer- und Montanindustrie sowie im produzierenden Gewerbe tätig waren, ist nicht zu vergleichen mit der ihrer Arbeitskollegen aus anderen Sektoren und Berufsfeldern. Der Anfang, als die DDR 1961 die Mauer baute, die deutsche Wirtschaft händeringend Arbeitskräfte suchte, deutsche Ärzte türkischen Arbeitsmigranten das Gebiss untersuchten und die in Deutschland Angekommenen mit Chemie-Duschen „desinfiziert“ wurden, war nicht einfach. 60 Jahre ist das nun her. Das ist eine lange Zeit. Viele aus der ersten Einwanderergeneration, wie auch mein 1957 geborener Vater Mehmet Baş, der 1972 mit 15 Jahren nach Deutschland kam, haben seit dem ersten Tag hier gearbeitet. Sie hatten keine Zeit, ihre Kindheit und Jugend zu leben. Und viele sind hier noch während ihres Arbeitslebens verstorben. So wie auch mein Vater am 3. März 2021, als er sich auf der Arbeit kurz vor Feierabend für immer von uns verabschiedete. Dieser Text sei ihm gewidmet.

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