Tiny House: Wohnen auf kleinem Raum. 

Aktuelle Umfragen* zeigen: Tiny Houses erfreuen sich als neue Form des Wohnens zunehmender Beliebtheit. Ob als ausgebautes Wohnmobil, als Design-Modulhaus zum Zusammenstellen oder als individualistisches Do-it-yourself-Projekt mit Bau- oder Zirkuswagen; ob schwimmend auf dem Wasser, auf Rädern oder auf festem Grund; im Wald, Kleingarten oder in der Großstadt: im Mini-Haus können individuelle Wohn-Ideen leichter und vor allem preiswerter umgesetzt werden als auf dem konventionellen Immobilienmarkt.

Die Idee dahinter: Wohnen auf kleinem Raum

Laut einschlägigen Ratgebern definiert sich ein Tiny House über drei zentrale Aspekte. Erstens: die effektive und funktionale Ausnutzung von Raum. Zweitens: ein gutes Design, das die Bedürfnisse der darin wohnenden Menschen berücksichtigt. Drittens: es erfüllt die Funktion, ein Medium, wenn nicht sogar ein Fahrzeug, für einen ganz bestimmten Lifestyle zu sein.

Während sich das traditionelle Haus durch seine Größe auszeichnet sowie dadurch, dass möglichst viele Dinge darin Platz finden, besticht das Tiny House gerade durch seine Kleinheit: Alles, was zum Leben benötigt wird, findet darin Platz – nicht weniger, aber auch nicht mehr. Das macht das Leben im Mini-Haus gerade aus ökonomischer, aber auch aus nachhaltiger Perspektive interessant.

Die Gestaltungswünsche können auch bei kleinstem Budget auf der beschränkten Fläche frei ausgelebt werden: ob Lichteinfall, die Wahl der Materialien oder die Aufteilung der Wohnbereiche – dem Design und den Funktionalitäten im Mini-Zuhause sind gegenüber dem konventionellen Hausbau (fast) keine Grenzen gesetzt. Die maßgefertigten Möbel und Einbauten sind zumeist multifunktional – das Bett etwa kann zugleich Schrank oder Kommode sein, der Esstisch wird nach Bedarf einfach zur Sofaecke umgebaut.

Die Versorgung mit Wasser und Strom erfolgt zumeist auf einem nachhaltigen und vergleichsweise autarken Selbstversorger-Prinzip, beispielsweise mittels Solarpaneelen oder Windkrafträdern auf dem Dach, die Strom generieren, sowie mit Hilfe eines Wasserkreislaufs nebst Filteranlage. Für die Beheizung im Tiny House kann neben konventionellem Gas auch ein Holzofen zum Einsatz kommen.

Was hinter der Tiny-House-Philosophie steht

Doch wer die „Tiny-House-Bewegung“ nur als einen neuen Architekturtrend einstuft, dem entgeht, dass hinter dem Wohnkonzept eine komplette Lebensphilosophie steht, die sich von der Konsumwirtschaft und dem Traum, „groß zu leben“ abwendet. Viel Besitz und Fläche machen nicht glücklicher, so die Erkenntnis. Denn sie verlangen dem Einzelnen ab, mehr Arbeit, Stress und Verlust von Lebenszeit in Kauf zu nehmen, um das „große Leben“ finanzieren zu können.

Minimalismus und Anti-Konsum-Lifestyle

An die Stelle von Überkonsum und Anhäufung von Besitz treten beim Tiny-House-Mindset Werte wie mehr Lebenszeit, Lebensglück und bedeutungsvolles Tun. Nicht selten gehen Tiny-House-Besitzer neuen Karrierewegen nach oder widmen ihren Familien und Interessen mehr Zeit, als sie es zuvor konnten. So erfordert das Leben im Mini-Haus ein Umdenken in der Zeit-Geld-Beziehung und es erlaubt, sich mental aber auch buchstäblich in praktischer Hinsicht von dem zu befreien, was dem eigenen Glücksstreben im Weg stand: materiellen Gegenständen, Gütern, Zwängen und Pflichten.

„Was ist für mein Leben wirklich wichtig und essentiell und wie kann sich dies in meinem Lebensraum wiederspiegeln?“, ist die Frage, die jeden zukünftigen Tiny-House-Bauer im Vorfeld sowie während der Planung und Umsetzung beschäftigt.

Eigenbau oder Modulhaus?

Wer in Eigenregie planen und bauen möchte, kann sich in Workshops, die erfahrene Mini-Haus-Bauer und Tiny-House-Projekte regelmäßig deutschlandweit anbieten, das für ihn passende Konzept erarbeiten. Der deutsche Architektur Van Bo Le-Mentzel, der mit seinem Modellhaus „Tiny100“ im urbanen Kontext eine Gegenansage zur Gentrifizierung der Berliner Stadtviertel gemacht hat, bietet beispielsweise von Zeit zu Zeit Workshops und Stammtische für Tiny-House-Planer an. Auch das „Tiny House Village“ in Bayern lädt zu regelmäßigen Seminaren ein, in denen es darum geht, wie das Konzept für das eigene Tiny House erarbeitet wird und welche Voraussetzungen und Schritte für die Planung und Umsetzung nötig sind.

Doch auch wer den Bau lieber einem spezialisierten Unternehmen überlässt, von denen es hierzulande inzwischen eine ganze Reihe gibt, kann an der Individualisierung des eigenen Tiny Homes kreativ mitwirken. Speditionsdienste bringen das eigene Tiny House übrigens per Tieflader zum gewünschten Grundstück.

Wohin mit dem Tiny House?

Die Standortfrage ist in Deutschland weiterhin der problematischste Aspekt bei der Erbauung eines Tiny House. Wenn das Mini-Haus nicht auf dem eigenen Grundstück oder dem Grundstück der Eltern Platz findet, sind Campingplätze oder Gewerbegebiete oft die einzige Alternative im stadtnahen Raum.

Dabei spielt die Nutzungsabsicht eine entscheidende Rolle. Wird das Tiny House nur als Wochenendhaus oder für die Feriennutzung gebaut, ist der Bau möglicherweise genehmigungsfrei – zum Beispiel auf Campingplätzen.

Für das dauerhafte Wohnen im Tiny House braucht es nämlich eine Stellplatz-, wenn nicht sogar reguläre Baugenehmigung. Denn es gilt, das hiesige Baurecht zu beachten – anders als in den USA. Das gilt auch, wenn das Tiny House auf Rädern, etwa in Form eines Wohnmobils oder ausgebauten Campers, mobil konzipiert ist.

Wer also bereits weiß, dass er das Tiny House dauerhaft bewohnen will oder vorgegebene Maße überschreitet, sollte sich umfassend informieren. Maßgeblich für die Bewilligung eines Bauantrags ist zum Beispiel, ob das Grundstück zum Wohnen zugelassen und für die öffentliche Anbindung und Versorgung erschlossen ist. Nicht zuletzt deshalb entscheiden sich derzeit viele Tiny-House-Bauer noch für den Bau in einer bereits bestehenden Mini-Haus-Siedlung.

Deutschlands erste Tiny-House-Siedlung

Die erste in Deutschland gebaute Mini-Haus-Siedlung befindet sich übrigens im bayrischen Mehlmeisel – initiiert von jungen Architekturstudenten. Interessierte können sich hier für den Bau eines Mini-Hauses bewerben. Auch im süddeutschen Albgau und Ursberg, im „Eco Village“ bei Hannover sowie im norddeutschen Bad Stuer und bei „Lilleby“ im Raum Hamburg gibt es inzwischen vergleichbare Siedlungsprojekte. Die Nähe zur Natur ist für die meisten Hausbauer eines der wichtigen Entscheidungskriterien für solche Standorte.

Und auch für den Tourismus wird das Wohnen auf kleinem Raum zunehmend interessant: so laden die Bewohner des fränkischen „Tiny House Village“ Interessierte zum Probewohnen in ausgewählten Tiny Homes ein.

Vormerken für 2021: New Housing Messe in Deutschland

Mit dem„New Housing - Tiny House Festival“ findet vom 2. bis 4. Juli 2021 eines der europaweit größten Events der Branche in der Messe Karlsruhe statt. Pandemie-bedingt verschoben soll es in der kommenden Sommersaison möglichst viele Interessierte in Vorträgen und Workshops zum Tiny-House-Bau informieren und einen Überblick und Einblick in unterschiedliche Mini-Haus-Typen geben.


*Bezugsstudien:
- Studie „Wohnen heute und morgen“, durchgeführt von YouGov i.A. von Wagner und „Schöner Wohnen Farbe“ (2019)
-Umfrage zum Thema Bauen und Wohnen, durchgeführt von Statista i.A. von Interhyp (2019)