Gravur von Mehmed Ali Pascha (Gemeinfrei)
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von Emre Bölükbaşı Ein Großteil der Generäle des Osmanische Reiches fällt durch unterschiedlichste Lebensgeschichten auf. Ibrahim Pascha aus Parga, der es als Sohn eines griechischen Fischers zum Amt des Großwesirs von Süleyman den Prächtigen schaffte, ist nur ein populäres Beispiel aus der mehr als 600-jährigen Geschichte des Reiches. Eine Persönlichkeit, der bisher weitaus weniger Beachtung geschenkt wird, ist Mehmed Ali Pascha.

Dabei ist die Lebensgeschichte Ludwig Carl Friedrich Detroits, wie er nach seiner Geburt hieß, nicht weniger interessant. Der gebürtige Magdeburger avancierte infolge glücklicher Zufälle und dank seines zielstrebigen Charakters nach seiner Flucht aus einem Waisenhaus zu einem bedeutenden Pascha der Hohen Pforte.

Vom preußischen Schiffsjungen zum osmanischen Pascha Detroit, der hugenottischer Abstammung war, kam 1827 als Kind eines preußischen Kammermusikers und einer Bürgerstochter in Magdeburg zur Welt. Nach dem Tod seiner Eltern wurde er in einem Waisenhaus untergebracht. Im Alter von zwölf Jahren traf er eine abenteuerliche Entscheidung, die sein Leben verändern sollte: Er entfloh seiner kaufmännischen Lehre und dem Waisenhaus, weil er Schiffsjunge auf einer mecklenburgischen Brigg werden wollte.

Doch auch das Leben auf dem Schiff währte nicht lange. Als sich die Brigg dem Hafen der Hauptstadt des Osmanischen Reiches nährte, unternahm er einen Fluchtversuch. Laut manchen Überlieferungen verfiel er durch den Anblick des Leanderturms (Kız Kulesi) in Istanbul einer Euphorie, die ihm zum Sprung in den kalten Bosporus verleitete.

Die Flucht des 16-jährigen Schiffsjungen wurde prompt zu einem bilateralen Streitpunkt: Preußische Behörden verlangten vom Osmanischen Reich dessen Rückführung. Ein Zufall änderte jedoch sein Leben: Er wurde von Mehmed Ali Emin Pascha entdeckt, dem späteren Großwesir des Reiches.

Weil Detroit weder auf das Schiff noch in seine preußische Heimat zurückkehren wollte, kümmerte sich nun der Pascha um ihn. Fortan wurde er der Gönner des preußischen Jungen und ermöglichte ihm ab 1846 eine Ausbildung an einer osmanischen Kadettenschule. Auch hier protestierte die preußische Gesandtschaft vergeblich. Detroit konvertierte zum Islam und nahm den Namen seines Gönners an: Der Preuße Ludwig Carl Friedrich Detroit wurde zum Osmanen Mehmed Ali.

Militärische Laufbahn auf dem Balkan Nach Abschluss seiner Ausbildung trat Mehmed Ali der osmanischen Armee bei und nahm am Krimkrieg teil, der von 1853 bis 1856 dauerte. Bis zum Ende des Krieges konnte er sich zum Rang des Majors hocharbeiten. Durch seine Leistungen im Krimkrieg wurde er Ordonanzoffizier des Feldmarschalls Ömer Lütfi Pascha und fungierte als sein Gehilfe.

In dieser Rolle beteiligte er sich an mehreren Kriegen auf dem Balkan und erweiterte seine Erfahrungen auf dem Schlachtfeld. 1877 folgte schließlich seine Ernennung zum Marschall (osmanisch: Muschir). Im Russisch-Osmanischen Krieg (1877-1878), der schwerwiegende Konsequenzen für das Osmanische Reich haben sollte, hatte er das Oberbefehl über die Armee in Bulgarien.

Das Gemälde von Anton von Werner zum Berliner Kongress von 1878, auf dem Mehmed Ali Pascha ganz rechts zu sehen ist (Gemeinfrei)

Berliner Kongress In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts galt der Balkan als Krisenherd, da Aufständische gewaltsame Rebellionen gegen die Osmanen starteten. Das Russische Kaiserreich nutzte diesen Umstand, um sich in den Konflikt auf dem Balkan einzumischen und das Osmanische Reich zu schwächen. Nach dem Sieg im Russisch-Osmanischen Krieg versuchten die Russen, ihre Pläne für den Balkan den Osmanen aufzuzwingen.

Das aggressive Vorgehen des Russischen Kaiserreichs verunsicherte zunehmend die Großmächte Österreich-Ungarn und Großbritannien. Um die Neuordnung des Balkan gemeinsam zu beraten, kamen neben diesen beiden Großmächten auch die Vertreter des Osmanischen Reiches, Russlands, des Deutschen Reiches, Frankreichs und Italiens auf Einladung Otto von Bismarcks am 13. Juni 1878 in Berlin zusammen. Auch aus Griechenland, Rumänien und Serbien waren Vertreter anwesend.

Einer der osmanischen Repräsentanten auf dem Berliner Kongress war Mehmed Ali Pascha. Im Gegensatz zu den anderen Diplomaten und Staatsmännern stach er durch seine preußische Herkunft hervor – und erregte den Unmut Bismarcks. Die Entsendung eines Paschas, der ursprünglich aus Preußen kam, war aus Sicht der Hohen Pforte in Istanbul eine nette Geste, doch Bismarck empfand das als Unverschämtheit. Auf dem berühmten Gemälde Anton von Werners zum Berliner Kongress ist dieses Zusammentreffen festgehalten worden.

Nachwirken: Von Mehmed Ali Pascha zu Nazım Hikmet Nach dem Berliner Kongress machte sich Mehmed Ali Pascha erneut auf den Weg in die Region, die er am besten kannte: Er wurde damit beauftragt, auf dem Balkan im Grenzgebiet zwischen Albanien und Montenegro einen Aufstand zu beenden. Doch er verlor er am 7. September 1878 im Alter von 51 Jahren sein Leben, als er von einer Gruppe albanischer Aufständischer angegriffen wurde.

Der preußische Schiffsjunge, der im Osmanischen Reich zu einem bedeutenden Marschall und Staatsmann aufstieg, war nicht nur ein begnadeter Stratege, sondern auch künstlerisch begabt. So verfasste er zahlreiche Gedichte. Sein Talent sprang auch auf die Nachkommenschaft über: Nazım Hikmet, dessen Bekanntheitsgrad als Dichter weit über die Grenzen der Türkei reichte, war ein Urenkel des Paschas.

Mehmed Ali war zugleich der Großvater des Generals Ali Fuat Cebesoy, der als einer der Helden des Türkischen Befreiungskriegs gilt. Nach seiner militärischen Karriere bekleidete Cebesoy mehrere politische Ämter, unter anderem war er mehrere Jahre lang Minister.

TRT Deutsch