Figuren aus einer Ausstellung anlässlich des 200. Todestages des früheren französischen Kaisers und Feldherren Napoleon Bonaparte. (AFP)

Am Mittwoch hat sich der Todestag des ehemaligen französischen Kaisers und Feldherrn Napoleon Bonaparte zum 200. Mal gejährt. Nach Jahren der inneren Zerrissenheit und der jakobinischen Gräueltaten im Zuge der Französischen Revolution gelang es Napoleon, Frankreich wieder zu einen – indem er versuchte, dessen selbstgesetzten zivilisatorischen Auftrag in ganz Europa umzusetzen.

In Frankreich selbst stritten sich Präsident Emmanuel Macron und seine rechte Gegenspielerin Marine Le Pen über die korrekte Würdigung seines historischen Erbes. Macron sprach von einer „widersprüchlichen Persönlichkeit“ und meinte, Napoleon habe den „Geist der Aufklärung verraten“, als er 1802 die Sklaverei in den Kolonien wieder autorisierte. Le Pen hingegen wollte kein kritisches Wort über die „unsterblich gewordene französische Legende“ über die Lippen bringen.

In Deutschland sprach der für die AfD ins Europaparlament gewählte MdEP Maximilian Krah mit Blick auf Frankreich von einer „Verehrung für den großen Feldherrn und Kaiser“, der „die Selbstzweifel einer zerrissenen Nation“ überstrahle. Ohne den Widerstand gegen seine Eroberungszüge hätte „kein Nationalstaat der Deutschen - im Guten wie im Schlechten“ entstehen können, so Krah.

Mamluken gegen den Willen der Bevölkerung abgesetzt

Ein deutlich unvorteilhafteres Bild von den Taten des französischen Kaisers hat man hingegen in der arabischen Welt. Vor allem in Ägypten und im palästinensischen Gaza wird der Feldzug Napoleons, der im Jahr 1798 mit 300 Schiffen in muslimische Territorien eingefallen war, als Anfang des modernen europäischen Kolonialismus in der Region betrachtet.

Historiker Al-Hussein Hassan Hammad von der berühmten al-Azhar-Universität in Kairo bestreitet zwar nicht, dass die 160 Wissenschaftler, die Napoleon auf seinen Feldzug mitgenommen hatte, auch Impulse im Bereich der Archäologie und Verwaltung gesetzt hätten. Wie seine Truppen seien auch diese jedoch in imperialer Mission in Ägypten unterwegs gewesen – „um der französischen Präsenz zu dienen (…) und den Reichtum des Landes auszubeuten“.

Als Napoleon mit seinen Truppen in Alexandria eintraf, ließ er seine Soldaten auf Wände plakatieren, dass die bereits in der Bevölkerung die Runde machende Erwartung, er sei gekommen, um ihre Religion zu zerstören, eine „Lüge“ sei.

Tatsächlich setzten die französischen Invasoren jedoch schon im Juli 1798 die alteingesessene Dynastie der Mamluken ab. Revolten gegen die Fremdherrscher wurden mit großer Brutalität niedergeschlagen, Tausende wurden getötet. Die Franzosen bombardierten sogar die al-Azhar-Moschee, eine der ehrwürdigsten Gottesdienststätten für sunnitische Muslime weltweit.

Wissenschaft als Legitimation für Besetzung

Der französisch-ägyptische Historiker Robert Sole betont, dass heute noch viele Ägypter den Feldzug Napoleons als „erste imperialistische Aggression der Moderne gegen den muslimischen Orient“ betrachten.

Ähnlich sieht man dies im benachbarten Gaza, wo Napoleon 1799 nach seinem Vormarsch durch die Sinai-Wüste und der Flucht von Admiral Horatio Nelson unter Zerstörung der eigenen Flotte die alte Hafenstadt einnahm.

„Ein kleiner Mann, der großes Chaos in der Region angerichtet hat“, so charakterisiert Ghassan Wisha den Eroberer. Wisha ist Leiter der historischen Abteilung an der Islamischen Universität von Gaza. Napoleon habe neben Soldaten auch Wissenschaftler und Spezialisten für Landwirtschaft im Schlepptau gehabt. Auf diese Weise habe er versucht, wissenschaftlichen Fortschritt als Rechtfertigung für die Besetzung zu verkaufen. „Er hat gelogen“, so Wishas Fazit.

Auch in der weiter nördlich gelegenen Hafenstadt Jaffa richteten die französischen Truppen ein Massaker an, dem 3000 Menschen zum Opfer fielen. Heute gibt es kaum noch Spuren in der Region, die an die napoleonische Ära erinnern. Der „Qasr al-Basha“-Palast steht noch inmitten der Häuserschluchten des heutigen Gaza. Dort soll Napoleon genächtigt haben, als er die Gegend besuchte.

Gaza: „Dunkles, negatives Bild“

Die heute in dem Küstenstreifen regierende Hamas hat allerdings den Namen des Gebäudes verändert und ein Museum daraus gemacht. Im ehemaligen Schlafgemach des Herrschers befinden sich heute byzantinische Artefakte.

In der damaligen Zeit war die Stadt „ein Zentrum für Honig, Öl und Landwirtschaft, und ein strategischer Punkt zwischen Asien und Europa“, sagt Rashad al-Madani, ein pensionierter Dozent in Gaza. Von den „Wäldern aus Olivenbäumen“, die Napoleon an Languedoc in Südfrankreich erinnert haben sollen, ist jedoch nicht mehr viel übrig.

Insgesamt habe die Bevölkerung in Gaza heute, so Wisha, „ein dunkles, negatives Bild von allen militärischen Feldzügen“, die das Gebiet in seiner Geschichte heimgesucht hatten, „auch jener von Napoleon“.

Dabei, so gibt Madani zu bedenken, war auch Napoleons Gegenspieler Ahmad al-Jazzar, der dessen Truppen bei Akkon zwei Monate lang standgehalten habe, kein zimperlicher Mensch. Der Name des Feldherrn, der in arabischen Schulbüchern heute als Held dargestellt werde, stehe für „der Schlächter“. Es sei jedoch unpopulär, gegenüber Studenten in der Region auf diesen Umstand hinzuweisen.

Enzyklopädie und Entzifferung der Hieroglyphenschrift

Der ägyptische Schriftsteller Mohamed Salmawy hat ein etwas versöhnlicheres Bild des früheren französischen Kaisers. Er verweist darauf, dass Napoleon mit seinen Wissenschaftlern den Grundstein zu einer Enzyklopädie von Gesellschaft, Geschichte, Flora und Fauna gelegt habe – auch wenn das nicht die Gräueltaten wieder gut mache.

Zudem hätten französische Truppen immerhin auch den Rosettastein freigelegt, der sich heute in Britischen Museum in London befindet und geholfen habe, die Hieroglyphenschrift zu entziffern. Dies habe bedeutsame Impulse zur modernen Ägyptologie beigesteuert. Nach dem Stein ist heute auch eine bekannte Online-Sprachschule benannt.

AFP