Titelbild des Buches “Memoiren von Goltz Pascha”. (İz Yayıncılık)

Der preußische Generalstabsoffizier Colmar Freiherr von der Goltz stand seit 1883 im Dienst der osmanischen Armee, um im Rahmen der deutschen Militärmission, die Goltz seit 1885 leitete, die Streitkräfte zu modernisieren. Nach seiner Ernennung zum Müşir (Marschall) trug Goltz den Titel Pascha und kehrte 1896 nach Deutschland zurück, ohne seine freundschaftlichen Verbindungen zu osmanischen Militärs und dem Sultan je aufzugeben.

Erstes Treffen mit Sultan Abdul Hamid II.

In einem Brief an seine Frau Therese beschrieb Goltz seine erste Begegnung mit dem Padischah: Abdul Hamid II. kam mir bis an die Tür entgegen und gab mir die Hand. Der Sultan ist von schmächtiger Gestalt, seine Gesichtszüge sind ziemlich grob. Die Hautfarbe ist sehr dunkel, die gebogene Nase allzu stark. Die Augen sind auffallend groß und haben einen lebendigen, lauernden Ausdruck. Man gewinnt sehr schnell das Gefühl, einer hochintelligenten Persönlichkeit gegenüberzustehen. Äußerlich unterschied sich der Sultan in keiner Weise von den Herren seiner Umgebung. Alle trugen einen langen, schwarzen Rock mit ebensolcher Weste, dazu roten Fez, aber keinerlei Orden oder andere Abzeichen ihrer Würden. Man setzte sich in dem kleinen Raum in Kreise, der Sultan mitten zwischen uns. Der ganze Eindruck, den er machte, war von einer wohltuenden Einfachheit und Schlichtheit. Seine Worte wurden mir übersetzt. Ich antwortete auf Französisch, das der Sultan verstand, denn er erwiderte seinerseits, ohne erst Testas Übersetzung abzuwarten.“

Goltz Pascha und die Osmanen

Der vielseitig interessierte, gebildete von der Goltz galt als Intellektueller unter den deutschen Offizieren. Er verfasste diverse Bücher zu militärischen sowie militärhistorischen Themen und schrieb unter anderem für die „Kölnische Zeitung“, die zeitweilig als inoffizielles Sprachrohr der deutschen Regierung galt. Seine Artikel behandelten die politisch-militärische Situation im Osmanischen Reich. Nicht zuletzt von der Goltz war es, der Sultan Abdul Hamid II. davon überzeugte, osmanische Offiziere zur weiteren Ausbildung nach Preußen zu entsenden. Dieser militärische Austausch „fresh from the Exerzierplätze of Berlin“, wie der britische Militärattaché in Deutschland damals süffisant bemerkte, förderte die Bildung einer prodeutschen Haltung in Teilen der osmanischen Armee, die auch nach dem Umsturz von 1909 bei den jungtürkischen Militärs und noch darüber hinaus erhalten blieb.

Besuch beim Sultan

Von seinem Besuch Abdul Hamids II. im Juni 1908, unmittelbar vor dem Ausbruch der ersten jungtürkischen Revolution, berichtete von der Goltz in einem Zeitungsartikel: „Mit der ungezwungenen Liebenswürdigkeit, welche dem Sultan in so hohem Maße eigen ist, wurden wir empfangen. Eine Audienz bei Sultan Abdul Hamid II. hat nichts Steifes und Feierliches, wie man es im Hinblick auf die Schilderung von Sultan-Empfängen alter Zeit anzunehmen geneigt ist. Obwohl ein souveränes Bewußtsein auch in seiner freundlichen Art bestimmt zum Ausdruck kommt, weiß er doch sofort jedes Gefühl von Fremdsein zu bannen. Große Einfachheit ist der Stempel seines Verkehrs mit Gästen. Selbst bei der Überreichung der Auszeichnungen, die er diesen so gern spendet, versteht er es vortrefflich, es für einen jeden in besonders verbindlicher Art zu tun. Ich hatte dabei stets eine Empfindung, als befände ich mich bei einem befreundeten Grandseigneur auf seinem Landsitze, der mir Aufnahme gewährt habe.“

In welch guter Erinnerung der Reformer der osmanischen Streitkräfte auch nach 1896 geblieben war, bezeugt die Tatsache, dass er auf Wunsch des Sultans bei seinen Besuchen im Yıldız-Palast wohnen sollte. Von der Goltz bat allerdings darum, eine Suite im vornehmen ›Pera Palace Hotel‹ zur Verfügung gestellt zu bekommen, denn dort, im europäisch-modernen Stadtteil Konstantinopels zu wohnen – fernab des höfischen Zeremoniells und der unmittelbaren Kontrolle des Sultans –, war viel unkomplizierter.

Goltz Pascha als Heerführer in Mesopotamien

Im Juli 1909 war Freiherr von der Goltz als Reichskanzler im Gespräch. Darüber, welche Auswirkungen diese Kanzlerschaft auf die deutsch-osmanischen Beziehungen nach dem Sturz Sultan Abdul Hamids II. gehabt hätte, lässt sich nur spekulieren. Kaiser Wilhelm II. wollte Goltz Pascha in dieser Situation jedoch als auch von den Jungtürken geschätzten Berater der osmanischen Armee und Vertreter deutscher Interessen gegenüber der neuen Führung nicht verlieren. Im Dezember 1914 wurde Goltz zunächst als Militärberater Sultan Mohammeds V. (Mehmed Reşad) nach Konstantinopel entsandt. Nicht nur Freiherr von Wangenheim, der dortige deutsche Botschafter, erwartete, dass Goltz Pascha als bekanntermaßen politischer Soldat den Wangenheim unliebsamen, strikt militärisch agierenden General Otto Liman von Sanders als Leiter der deutschen Militärmission ablösen könnte. Diesen Plänen widersetzte sich die osmanische Führung ausdrücklich. Von der Goltz übernahm vorübergehend den Oberbefehl über die 1. Armee in Konstantinopel und im Oktober 1915 dann die Führung der 6. osmanischen Armee in Mesopotamien. Der Pascha traf im Dezember in seinem Hauptquartier in Bagdad ein und legte mit seinen Offizieren den Grundstein für den bedeutenden Sieg über die in Kut al Amara eingeschlossenen britischen Truppen. Im April 1916 infizierte sich Goltz bei einem Lazarettbesuch mit Flecktyphus und verstarb wenig später im Alter von 73 Jahren in Bagdad. Der Feldmarschall wurde zunächst in einer am Ufer des Tigris liegenden Bastion beigesetzt. Sein Sarg wurde im Juni 1916 an den Bosporus überführt, wo von der Goltz im Garten der Sommerresidenz der deutschen Botschafter in Therapia (Tarabya) beigesetzt wurde. Im Oktober 1917 besuchte Kaiser Wilhelm II. dann die bis heute erhaltene Grabstätte des Paschas, um dort einen Kranz niederzulegen.