(Reuters)

Nicht enden wollende Lockdowns, Hygienemaßnahmen, Kontaktbeschränkungen und Schulschließungen: Die anhaltende Corona-Pandemie kann ohne Frage als kritisches Lebensereignis im Alltag von Kindern und Jugendlichen weltweit gewertet werden.

In Deutschland haben unterschiedliche Forschungsgruppen jetzt die körperliche und psychische Gesundheit von Heranwachsenden näher untersucht, um die gravierenden Pandemie-Folgen zu identifizieren – und zugleich Lösungswege aufzuzeigen.

„Die Mehrheit der Kinder fühlt sich durch die Pandemie belastet.“

Einer Längsschnittstudie in Deutschland zufolge fühlten sich knapp drei Viertel aller Kinder und Jugendlichen in Deutschland (71 Prozent) und drei Viertel der Eltern (75 Prozent) nach der ersten Corona-Welle belasteter als zuvor und gaben eine geringere Lebensqualität an, so das Ergebnis der sogenannten COPSY-Studie vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE).

Die Studie, welche vor allem die Auswirkungen der Pandemie auf die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland untersuchte, befragte im Sommer 2020 bundesweit mehr als 1.000 Kinder und Jugendliche im Alter zwischen 11 bis 17 Jahren sowie 1.500 Eltern von Kindern zwischen 7 und 17 Jahren zu Lebensaspekten wie dem Umgang mit der Krisensituation, dem Familienumfeld, Schul- und Freundesleben und führt seitdem Folgebefragungen durch.

COPSY-Studie: Die psychische Verfassung leidet!

Demnach hat sich die Zahl von psychischen Auffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland verdoppelt. Zu den allgemeinen psychischen Auffälligkeiten, welche die Corona-Krise bei Heranwachsenden hervorruft, zählen Ängste und Sorgen sowie die Gefühle von Hilflosigkeit und bisweilen Einsamkeit. Auch Unruhe, Gereiztheit, Anhänglichkeit und Unaufmerksamkeit werden demnach von den meisten Kindern und Eltern als psychische Pandemie-Folgen genannt.

In Einzelfällen verstärken sich diese Symptome derart, dass depressive Verstimmungen oder psychosomatische Beschwerden auftreten oder das Kind auf Grund der anhaltenden Krisenumstände sogar eine Depression entwickelt.

Der neue Alltag: keine Regelmäßigkeiten

Der Hintergrund ist klar: Kontaktbeschränkungen und wiederkehrende Lockdown-Phasen sorgen seit über einem Jahr dafür, dass der Alltag von Kindern und Jugendlichen außerhalb gewohnter Lebensmuster abläuft: Statt Schule und Kindergarten gibt es höchstens Notbetreuung mit neuen Gruppeneinteilungen, teils ohne Freunde, oder sogar Distanzunterricht von zuhause.

Das soziale Netz bleibt auch im Privaten weiter eingeschränkt: Der Kindergeburtstag und die Treffen mit Freunden sind teils überhaupt nicht oder nur erschwert umsetzbar; mit bestimmten Freunden darf man mitunter gar nicht spielen.

Restriktionen und Lockdowns führen außerdem dazu, dass gewohnte Rituale wie regelmäßige Besuche bei den Großeltern bzw. Verwandten sowie Familienurlaube entfallen. Freizeitaktivitäten beschränken sich überwiegend auf das Spielen im Freien. Kommt es zu einer Infektion im Kontaktkreis, führt die erforderliche Quarantäne oft zu Angst, dem Gefühl von Isolation und bisweilen auch zur Stigmatisierung im sozialen Umfeld.

Besonders belastet: Kinder aus sozialen Brennpunkten

Darüber hinaus fanden die Forscher der COPSY-Studie heraus, dass sozial benachteiligte Kinder aus bildungsfernen Familien die körperlichen und psychischen Belastungen der Pandemie besonders stark erleben. Dies deckt sich mit den Beobachtungen deutscher Kinderärzte: „Die außerhäusliche Infrastruktur, insbesondere die Entlastung durch die Kinderbetreuung, fehlt im Moment. Die Familien leben mit mehreren Kindern auf engstem Raum und haben Angst, die Kinder nach draußen und mit Freunden spielen zu lassen“, berichtet Dr. Susanne Epplée, Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin und Ärztliche Leiterin des Sozialpädiatrischen Zentrums Hamburg-Ost, in einem von Spektrum der Wissenschaft veröffentlichten Podcast über die gegenwärtige Lage.

Epplée führt aus: „Schule bedeutet, dass ein Kind regelmäßig betreut wird, Fragen stellen kann, Motivation, Korrektur, Begleitung und bei Bedarf auch Förderunterricht erhält – all dies ist weggefallen, ganz zu schweigen von der sozialen Gemeinschaft durch Spielen auf dem Hof, Bewegung und Sportvereine.“ Die Auswirkungen hiervon seien nicht nur psychischer Natur, sondern auch gesundheitlich, so die Ärztin.

Verschlechterungen beim Gesundheitsverhalten

Ob Ernährung, Schlaf, tägliche Bewegung oder Medienkonsum: Einig sind sich Kinderärzte und Forscher darin, dass die Pandemie auch das Gesundheitsverhalten bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland allgemein verschlechtert: Gewichtszunahme aus Langeweile und Bewegungsmangel, aber auch Kopfweh, Bauchweh oder Schlafprobleme seien einige der häufig zu beobachtenden Folgen.

Zum einen habe durch Lockdowns und Quarantänen der Medienkonsum bei Kindern und Jugendlichen drastisch zugenommen, so die Autoren der COPSY-Studie. Zum anderen wirke sich die Beschränkung auf das häusliche Umfeld und die fehlenden außerhäuslichen Aktivitäten und Lebensstrukturen auch in Form von gestörtem Schlafverhalten und fehlender Regeneration aus.

„Es ist durchgängig so, dass Kinder derzeit später ins Bett gehen, oft erst um 22 oder 23 Uhr“, berichtet Fachärztin Dr. Epplée aus Hamburg: „Dadurch sind die Kinder müde, wenn sie morgens Online-Unterricht erhalten, oder schlafen lang. Der Rhythmus hat sich verschoben, der Schlaf ist unruhiger. Als Ärztin höre ich öfter als früher von Albträumen, Unruhe und Wechsel ins Elternbett.“

Familie und Eltern im Ausnahmezustand

Wenn die äußere Welt aus Kinderperspektive zusammenbricht, ist der innere Zusammenhalt im Familienkontext umso wichtiger. Doch auch hier fühlt sich für viele Kinder nichts mehr stimmig an: Eltern, die im Homeoffice nebenbei Homeschooling bewerkstelligen müssen, geraten schnell an die Grenze ihrer Belastbarkeit. Den Kindern wiederum mangelt es angesichts von Wochenplänen mit stapelweisen Aufgaben schlichtweg an Motivation oder sie sind von der Gesamtsituation überfordert. Wie die Umfragen zeigen, löst dies bei vielen Kindern gestresstes, unleidiges oder sogar verweigerndes Verhalten aus.

So kommt es, dass sich den Autoren der COPSY-Studie zufolge derzeit zwei Drittel aller Eltern Unterstützung im Umgang mit ihrem Kind wünschen. Kinder- und Jugendärztin Dr. Epplée sieht dies in ihrer täglichen Praxis bestätigt: „Ich sehe zur Zeit nur noch Eltern, die starr wie eine leere Hülle da sitzen und nicht die Kraft haben, sich Emotionen zu erlauben.“

Mental in Balance bleiben: Das können Sie tun

Um Kinder und Jugendliche sowie Familien allgemein besser zu unterstützen, sind inzwischen zahlreiche niedrigschwellige, teils auch zielgruppenspezifische Präventionsangebote in Schulen, bei Ärzten und in der Öffentlichkeit eingerichtet worden, wie beispielsweise „Corona und Du“ (https://www.corona-und-du.info), ein Infoportal zur psychischen Gesundheit für Kinder und Jugendliche, das vom LMU Klinikum München konzipiert wurde.

Das Portal gibt konkrete Empfehlungen zum Umgang mit Überforderung und Streitigkeiten sowie praktische Tipps für mehr Gelassenheit und Zuversicht, aber auch für gesunden Schlaf und gesunde Ernährung. Als Maßnahmen zur Steigerung des Wohlbefindens von Kindern und Jugendlichen im aktuellen Lockdown-Geschehen werden dort auch viele Ideen zur Bewegungsförderung geteilt.

Infoportal „Corona und Du“

Prof. Dr. Gerd Schulte-Körne, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am LMU Klinikum München, hat weitere Ratschläge bei starker psychischer Belastung von Kindern und Eltern parat: „Ein strukturierter Alltag hilft (…), Überforderung zu vermeiden. Außerdem ist das Erkennen der eigenen Grenzen hilfreich, um sich nicht selbst zu überfordern. Denn für die psychische Gesundheit der Kinder ist die psychische Gesundheit der Eltern eine wesentliche Voraussetzung.“

Gegen überhöhten Medienkonsum und damit einhergehenden Schlafmangel empfiehlt Dr. Schulte-Körne klare Regeln: „Eltern sollten sich dafür interessieren, was ihre Kinder im Netz machen bzw. erleben“, betont er und rät zu gemeinsamen Spielen oder Aktivitäten in der Familie. Insbesondere Jugendlichen solle dabei jedoch, soweit möglich, immer auch Raum für den individuellen Rückzug gegeben werden.

Quellen: