Gonca Türkeli-Dehnert Geschäftsführerin der Deutschlandstiftung Integration (Others)

von Ali Özkök Gonca Türkeli-Dehnert ist Geschäftsführerin der Deutschlandstiftung Integration und war nach verschiedenen Stationen in Wirtschaft auch im Arbeitsstab der Integrationsbeauftragten der Bundesregierung im Bundeskanzleramt tätig.

TRT Deutsch hat mit Türkeli-Dehnert über die Bedeutung und die Herausforderungen für Menschen mit Migrationshintergrund in der Gründerszene gesprochen.

In der jüngst vorgestellten Startup-Studie ist die Rede von einem Gründerboom unter Menschen aus Einwanderercommunitys und davon, dass sich darunter auch immer mehr Unternehmen von Akademikern befinden. Haben Unternehmen aus der Mehrheitsgesellschaft das Potenzial dieser Menschen übersehen?

Ich bin mir nicht sicher, ob wir über Gründer sprechen, die in einem Unternehmen nicht genommen wurden, oder ob wir über junge Menschen sprechen, die ihre eigenen innovativen Ideen mit einer eigenen Existenzgründung umsetzen wollen. Möglicherweise übersehen aber Investorinnen und Investoren, das Potenzial von Gründerinnen und Gründern mit Migrationshintergrund. Unsere Erfahrung aus dem Stiftungsprogramm GEH DEINEN WEG zeigt, dass es in Deutschland vielfach nicht ausreichend ist, einen akademischen Abschluss zu haben, um erfolgreich zu sein.

Es fehlen selbst in der zweiten und dritten Generation der Gastarbeiter Netzwerke und Zugänge zu Startkapital und staatlicher Förderung. Dieser Wettbewerbsnachteil zeigt sich im Migrant Founders Monitor besonders deutlich bei den Finanzierungslücken der nicht in Deutschland geborenen Gründerinnen und Gründer.

Deshalb braucht es Mentoringprogramme wie 2hearts, wo erfolgreiche Gründer und Manager Gründungswillige unterstützen und jede Gründung zu einem Erfolg machen wollen. Denn das richtige Gespräch mit der richtigen Person, ein wichtiger Hinweis und Ratschlag bei einer beruflichen Weichenstellung können über Erfolg und Misserfolg entscheiden.

Die Autoren der Studie bescheinigen Gründern aus Einwandererfamilien ein „ausgeprägtes Startup-Mindset” und klare unternehmerische Strategien. Was unterscheidet die Communitys diesbezüglich von der Mehrheitsgesellschaft?

Wenn man mit den Machern der Studie und Investorinnen und Investoren spricht, heißt es, dass Gründer mit Migrationsbiografien risikobereiter seien als die autochthone Bevölkerung. Ich denke, dass das viele Gründe hat. Menschen mit Migrationsbiografien sind es gewohnt, sich in einem fremden Land, in dem sie die Sprache vielleicht nicht verstehen, eine neue Existenz aufzubauen. Vielfach gibt es in den Familien Angehörige, die bereits Handel betreiben. Familien helfen auch beim Aufbau eines Unternehmens mit. Auch wenn man keine akademische Ausbildung hat, kann man es durch Selbstständigkeit in wohlhabende Verhältnisse schaffen.

Inwieweit ist das Unternehmertum eine Alternativstrategie für Einwanderer in Anbetracht immer noch verbreiteter Praktiken, Bewerber mit ausländisch klingenden Namen auszusortieren?

Im Oktober feiert das deutsch-türkische Anwerbeabkommen vom 30. Oktober 1961 sein 60-jähriges Jubiläum. Mit diesem und weiteren ähnlichen Abkommen wurden die Arbeitsmigration nach Deutschland in den 1950er und 1960er Jahren reglementiert und das deutsche Wirtschaftswunder befördert. Mit der Rezession und der Ölkrise änderte sich der Arbeitsmarkt, wiederholte Arbeitslosigkeit wurde für viele ausländische Arbeitskräfte zum traurigen Alltag.

Um ihren Aufenthaltsstatus mangels Lebensunterhaltssicherung nicht zu verlieren, machten sie sich selbstständig: hauptsächlich im Bereich Handel, Verkehr und Dienstleistungen, wo keine hohen Formalanforderungen an die Ausbildung gestellt wurden. Der Schritt in die Selbständigkeit war für sie eine Reaktion auf die erlebte Arbeitslosigkeit und die unsicheren aufenthaltsrechtlichen Verhältnisse.

Existenzgründungen von Migranten waren demnach in der Vergangenheit oft Notgründungen. Heute sind Existenzgründungen aber in der Regel Chancengründungen, und sie kommen überwiegend von Menschen mit einem akademischen Abschluss! Dass neun vom zehn Gründern der erster Generation Akademiker sind, zeigt, dass Gründungen dieser Gruppe nicht aus Alternativlosigkeit, sondern aus Überzeugung erfolgen.

Damit sie ihre Ideen und Innovationskraft in Deutschland besser einbringen können, unterstützen wir sie zusammen mit GründerInnen, ManagerInnen und InvestorInnen mit Migrationsbiografie im Rahmen des Mentoringprogramms 2hearts.

Trotzdem gibt es auch diejenigen, die es auf dem Arbeitsmarkt nicht schaffen. Studien belegen, dass man sich mit einem ausländisch klingenden Namen dreimal so häufig bewerben muss, um zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen zu werden.

Behandelt das staatliche Bildungssystem Fragen wie Wirtschaft, Finanzen und Unternehmertum zu stiefmütterlich? Immerhin hätte das Gründer-Knowhow, das sich Unternehmer mit Migrationshintergrund erworben haben, ja auch Nutzen für das Gemeinwesen insgesamt.

Ein Viertel der Menschen in Deutschland hat eine Migrationsbiografie, gleichzeitig rangiert Deutschland weltweit auf Platz fünf der ältesten Bevölkerungen. Nicht nur deshalb können wir es uns nicht leisten, junge Talente nicht zu fördern.

Die Deutschlandstiftung ist eine Talentschmiede für junge Menschen mit Migrationsbiografien. Mit dem Stipendienprogramm GEH DEINEN WEG hat sie bereits über 1000 junge Menschen auf ihrem beruflichen Weg begleitet. Das Bildungssystem ist grundsätzlich - unabhängig davon, ob eine Schülerin oder ein Schüler Migrationsbiografie hat oder nicht - nicht auf auf Vermittlung von Gründungsschancen oder Vermittlung von nützlichem Alltagswissen ausgerichtet.

Schüler lernen in der Schule nicht, welche Versicherungen sie irgendwann in ihrem Leben brauchen werden, oder dass man sich rechtzeitig um eine zusätzliche Altersversorgung kümmern muss. Ich weiß aus Gesprächen mit meinen Stipendiatinnen und Stipendiaten, dass ihre Familien sehr oft nicht die „Befürworter“ einer Gründungskarriere sind.

Wenn ihre Kinder das Abitur geschafft und ihr Studium absolviert haben, ist der sehnlichste Wunsch der Eltern, dass sie eine feste Stelle bei einem möglichst namhaften Unternehmen annehmen. Denn: Gründen ist ein Risiko. Ein unbefristeter Arbeitsvertrag hingegen Sicherheit.

Trotz des Risikos sind Gründerkarrieren eine Chance für die Gesellschaft, da neue innovative Ideen dadurch vielen Menschen zugänglich gemacht werden. Ein Beispiel hierfür sind die Gründer von BionTech Özlem Türeci und Ugur Sahin.

Während sich Demografie und Wirtschaft verändern, haben viele Einwanderer, die schon länger hier leben, den Eindruck, die Integrationsdebatten seien immer noch dieselben geblieben. Wie ist diesbezüglich Ihre Einschätzung?

Ich glaube, es wäre fatal, wenn sich nichts verändert hätte. Ich denke, dass es viele positive Entwicklungen gibt, auf die ich gerne hinweisen möchte. Wir diskutieren in Deutschland nicht mehr über DIE Ausländer oder die Gastarbeiter. Wir diskutieren mit unseren Mitbürgerinnen und Mitbürgern und zwar auf Augenhöhe. Das ist ein Fortschritt, auch wenn wir Debatten von vor 20 Jahren teilweise erneut führen, insbesondere dann, wenn es um Neuzuwanderer geht.

Trotzdem haben wir aus Fehlern bei der Integration der ersten Gastarbeiter gelernt. Die Integrationskurse für neu nach Deutschland kommende Ausländer sind ein gutes Beispiel für dieses Learning. Gleichwohl gibt es auch Bereiche, wo wir besser werden können und müssen. Zum Beispiel, wenn es um die Repräsentanz von Menschen mit Migrationsbiografien in Parlamenten geht.

Im aktuellen Bundestag haben lediglich acht Prozent der Abgeordneten ihre familiären Wurzeln nicht in Deutschland. Das ist zu wenig. Auch die Repräsentanz im öffentlichen Dienst ist zu gering. Lediglich 12 Prozent der Beschäftigten im öffentlichen Dienst des Bundes haben eine Migrationsbiografie.

Dass sich hier etwas ändern muss, ist nicht nur Auffassung der Betroffenen selbst, sondern auch der Verwaltung, der Politik und der Wirtschaft. So gesehen hat sich einiges zum Positiven geändert.

Bedingt durch die Einwanderung haben sich in Deutschland zahlreiche neue Wirtschaftsbereiche ergeben, die zuvor unbekannt waren – von privaten Bildungseinrichtungen von und für Migranten bis hin zur Halal-Logistik. Welche Potenziale werden sich aus Ihrer Sicht künftig noch herausbilden?

Menschen, die viele unterschiedliche Eindrücke in sich vereinen und aus verschiedenen Kulturen kommen, bringen genau diese Vielfalt in ihre Arbeit ein. Sie können Bedarfe von bestimmten Gruppen schneller identifizieren und Lösungen für sie anbieten. Das ist unternehmerisches Schaffen. Je vielfältiger wir als Gesellschaft werden, umso vielfältiger werden die Angebote für Produkte und Dienstleistungen. Davon profitieren wir am Ende alle zusammen.

Vielen Dank für das Gespräch!



TRT Deutsch