Symbolbild: Die Ruinen von Babylon im heutigen Irak (AP)

Von Ufuk Necat Taşçı

Der im Jahr 836 in Harran in der türkischen Provinz Şanlıurfa geborene Abu al-Hasan Thabit ibn Qurra al-Harrani al-Sabi, später als Thabit Ibn Qurra bekannt, war ein wegweisender Wissenschaftler des neunten Jahrhunderts, dessen Beiträge die moderne Mathematik, Astronomie, Mechanik, Physik und mehr geprägt haben.

In der Zeit zwischen 892 und 901 war er ein angesehener Wissenschaftler und Arzt in Bagdad, der hauptsächlich in der Zeit des Abbasiden-Kalifs al-Mu’tadid praktizierte. Dort studierte ibn Qurra auch Philosophie und übersetzte die Werke griechischer Mathematiker ins Arabische. Der Gelehrte schrieb zudem Bücher über Mathematik und Astronomie, darüber hinaus engagierte er sich für die Weiterentwicklung der Medizin.

Werke griechischer Mathematik übersetzt und korrigiert

Thabit überarbeitete auch Werke, die vor seiner Zeit erschienen und übersetzt worden waren. Die meisten seiner Arbeiten erschienen in arabischer Sprache, einige aber auch auf Altsyrisch. Thabits bedeutsamste Beiträge finden sich auf den Feldern der Philosophie, Mathematik, Astronomie, Medizin und Naturwissenschaften. Quellen zufolge soll der Wissenschaftler in diesen Bereichen etwa 150 Werke veröffentlicht haben. Damit gilt er neben Hunayn ibn Ishaq al-Ibad als einer der größten Übersetzer in der islamischen Geschichte.

Die Beiträge Qurras zur Mathematik lassen sich in drei Phasen unterteilen. Die erste umfasst die Übersetzung der Werke bedeutender griechischer Mathematiker ins Arabische und die Überarbeitung vorhergehender Übersetzungen. Unter anderem übersetzte Thabit alle Werke der Mathematik von Archimedes von Syrakus ins Arabische. Da die Originale verlorengegangen waren, leisteten Thabits Übersetzungen einen wertvollen Beitrag, um diese zu rekonstruieren.

Qurra übersetzte oder übertrug – teils vollständig, teils in Auszügen – die griechischen Werke von Euklid, Archimedes, Apollonius, Theodosius und Menelaus. Er verfasste zudem Kommentare zu Euklids „Elementen“ und zum „Almagest“ von Ptolemäus.

Die zweite Phase besteht in den Beiträgen, die der Gelehrte mittels Übersetzungen und Korrekturen zum mathematischen Facharabisch leistete. Das Arabische fand auf diese Weise zu passenden eigenen Begriffen für griechische oder altsyrische Bezeichnungen.

Menelaus-Problem gelöst

Einige der Entdeckungen, die Thabit ibn Qurra machen konnte, wurden von späteren muslimischen Mathematikern überarbeitet oder ersetzt, einige blieben hingegen bis heute in Verwendung. In seiner dritten Schaffensphase publizierte er eigene Werke in den mathematischen Bereichen Arithmetik (Zahlentheorie), Algebra, Geometrie, Kegelschnitte und Trigonometrie.

Von bleibender Bedeutung waren dabei insbesondere seine Arbeiten zur Integralberechnung, einige Theoreme zur sphärischen Trigonometrie, zur analytischen Geometrie und zur nichteuklidischen Geometrie, vor allem im Bereich der Erweiterung des Konzepts der Zahlen auf die Inklusion positiver realer Zahlen.

Einer der wichtigsten Beiträge Thabits zur Zahlentheorie war seine Übersetzung der „Einführung in die Arithmetik“ des griechischen Mathematikers Nikomachos. Später generalisierte Euler die Formel, die Thabit für „befreundete Zahlen“ entwickelt hatte, auf der Grundlage der Möglichkeiten, wie sie die modernen Formen der westlichen Mathematik ermöglichten.

Darüber hinaus gibt es belastbare Hinweise darauf, dass Thabit der Erste gewesen sein könnte, dem es gelang, das Menelaus-Problem zu lösen. Dieses bezog sich auf Verhältnisse zwischen den Verbindungen von Punkten, die sich dadurch ergeben, dass eine Gerade ein Dreieck schneidet. Die Umkehrung des Theorems hat sich ebenfalls als zutreffend erwiesen und bildete einen Meilenstein beim Beweis der These des Menelaus zu den kollinearen Punkten.

Urvater der Integralrechnung

Ptolemäus griff später ebenfalls auf das komplette sphärische quadrilaterale Menelaus-Theorem zurück, um Probleme der sphärischen Astronomie zu lösen. Thabit unterzog dieses Theorem in seinen eigenen Arbeiten später einem umfassenden Stresstest und konnte es auf ganzer Linie beweisen.

Im Zuge seiner Berechnungen verwendete Thabit eine Rechentechnik, die starke Ähnlichkeiten mit der modernen Integralrechnung aufweist. Deshalb stellte David E. Smith ihn in seiner „Geschichte der Mathematik“ auch als einen der Urväter der Integralrechnung vor.
Ibn Qurra unternahm auch die ersten Versuche zur Korrektur des Ptolemäischen Systems in der Geschichte der Astronomie und trieb die Bewegungslehre von Körpern (Kinematik) voran.

Er gilt als Begründer der Statik in der Wissenschaft der Mechanik, befasste sich mit dem Problem von Masse und Gewichten, formulierte das dynamische Prinzip des Aristoteles um und studierte das Problem des Äquilibriums.

Theorie der Trepidation noch für Kopernikus relevant

In der Astronomie verfasste Thabit mehrere Abhandlungen über die Bewegung von Sonne und Mond, die Mechanik von Sonnenuhren, die Sichtbarkeit des Neumondes und die Himmelssphären. Lediglich in lateinischer Sprache ist eines seiner Hauptwerke überliefert – „De motu octave sphere“.

Darin fügte er der Sphärentheorie der Himmelskörper des Ptolemäus, die von Sonne, Mond und fünf Planeten ausging, eine achte Sphäre hinzu und analysierte mithilfe der Theorie von der „Trepidation“ den Fortgang der Tag- und Nachtgleichen. Er war der erste Astronom, der diese Theorie, die auch Kopernikus noch anwenden sollte, in die islamische Astronomie einführte.

Über diese Arbeiten hinaus publizierte Thabit noch in den Bereichen der Allgemeinmedizin, Erforschung von Krankheiten, Embryologie, Blutzirkulation, Anatomie der Vögel und Veterinärmedizin. Am 19. Februar 901 verstarb Thabit ibn Qurra in Bagdad.

TRT Deutsch