Robert Enke ging als ausländischer Fußballer mit der kürzesten Zeit im Fenerbahçe-Trikot in die Geschichte ein.

von Ömer Özkal

Enke, der in der Saison 2002/03 nach Barcelona wechselte, absolvierte vier offizielle Spiele mit dem spanischen Team und spielte am 13. November 2002 das letzte Europapokalspiel seiner Karriere gegen Galatasaray.

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Er löst Rüştü Reçber ab

Der von Christoph Daum auserwählte Enke wurde für 600.000 Euro ein Jahr aus Barcelona ausgeliehen. Er hatte für eine kurze Zeit zusammen mit Rüştü Reçber im spanischen Team gespielt. Am 29. Juli 2003 kam Enke nach Istanbul und unterzeichnete am 31. Juli einen Vertrag mit Fenerbahçe. Nach der Unterzeichnungszeremonie startete er sein Training mit der Mannschaft.

Am 29. Juli 2003 kam Robert Enke nach Istanbul und unterzeichnete am 31. Juli einen Vertrag mit Fenerbahçe. TRT Deutsch

Enke sagte nach der Vertragsunterzeichnung, dass er sich bewusst sei, welche Last er auf seinen Schultern trage. Denn er löste die türkische Torwart-Legende Rüştü ab.

Im Buch „Robert Enke. Ein allzu kurzes Leben“ steht, Enke habe bei Barcelona sein Selbstvertrauen verloren. Daum habe Enke danach überzeugen können, zu Fenerbahçe zu wechseln. Bei der Unterzeichnungszeremonie habe sich Fenerbahçe-Präsident Aziz Yıldırım nicht mit dem deutschen Torwart fotografieren lassen wollen.
Enkes engster Teamkollege während der Zeit bei Fenerbahçe war Pierre van Hooijdonk, mit dem er auch in Benfica Lissabon gespielt hatte.

Sein erstes Spiel war gegen Kocaelispor

Enke hatte am 2. August 2003 im Ismet-Paşa-Stadion in Izmit sein Debüt im Trikot von Fenerbahçe. Enke verletzte in der Begegnung Ismail Güldüren, der nach langer Verletzungsperiode wieder auflaufen konnte. Nach einem 0:0-Unentschieden gaben die Zeitungen Enke die höchste Punktzahl (7) im Fenerbahçe-Kader und lobten seine Leistung.

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Erster ausländischer Torwart nach Toni Schumacher

Am 10. August 2003 lief Enke das erste Mal für ein Liga-Spiel im Trikot von Fenerbahçe auf. Der Gegner im heimischen Kadıköy-Stadion hieß Istanbulspor.
Enke war nach zwölf Jahren der erste ausländische Torwart, der das Tor von Fenerbahçe hütete. Der Name vor ihm war Toni Schumacher, eine deutsche Torwart-Legende.

Im Tor von Istanbulspor stand Oğuz Dağlaroğlu, der fünf Tage zuvor von Fenerbahçe zu Istanbulspor gewechselt war. Der Trainer der Mannschaft war Ex-Fenerbahçe-Spieler Aykut Kocaman.

Der israelische Fußballer Pini Balili sorgte dafür, dass Enke sein erstes Tor bei seiner neuen Mannschaft kassierte – durch schlechtes Timing.

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Daum hatte im ersten Ligaspiel von Fenerbahçe das 4-4-2-System angewendet.
Balili, der viele Jahre in der Süper Lig spielte, fing in der zweiten Halbzeit nach einem Rückpass zu Enke den Ball ab und sorgte für Gefahr vor dem Fenerbahçe-Tor. Danach kam es zum Aufschrei auf der Tribüne.
Nach dem zweiten Tor hielten die Proteste gegen Enke an. Nach dem dritten Tor, das der deutsche Torhüter einsteckte, begann auf den Rängen ein höhnischer Applaus und das Spielfeld wurde mit Gegenständen beworfen.
Auslöser dieser Reaktionen war unter anderem die schlechte Platzierung der Mannschaft in der vergangenen Saison (sechster Platz) und der Wechsel von Rüştü zu Barcelona.

Unterstützung von Rıdvan Dilmen und Rüştü Reçber

Nach dem Spiel gab es Kritik in den türkischen und spanischen Medien. In der türkischen Presse folgten Schlagzeilen wie „Enke'Lek Kaleci" (Schlechtester Torwart), die mit journalistischer Ethik unvereinbar waren.
In seinem Buch „Immer am Limit“ schildert Daum sein Treffen mit Enke am 11. August 2003 unmittelbar nach der Begegnung zwischen Fenerbahçe und Istanbulspor. Er habe Enke in seinem Hotelzimmer besucht. Es sei seltsam gewesen, dass die Vorhänge geschlossen waren und er im dunklen Zimmer saß. Enke habe ihm dort das erste Mal erzählt, dass er an Depressionen leide.
Am 12. August 2003 schrieb Dilmen in seiner Kolumne, dass Enke nur beim ersten von drei Gegentoren ein Fehler gemacht habe, und dass der deutsche Torwart unbedingt spielen und mit dem Publikum versöhnt werden müsse.
Auch Rüştü brachte seine Unterstützung für den deutschen Torhüter zum Ausdruck.

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Nach einem 17-tägigen Istanbul-Abenteuer ging er in die Geschichte ein

Am 13. August 2003 wurde der Vertrag von Enke aufgelöst. Am 14. August verließ der deutsche Torhüter Istanbul. Enke, dessen Fenerbahçe-Abenteuer lediglich 17 Tage dauerte, wurde mit nur einem Liga-Spiel zum ausländischen Fußballer mit dem kürzesten Aufenthalt in der Geschichte von Fenerbahçe. Recep Biler, der Enke ablöste, sagte mir, dass der deutsche Torwart ein diszipliniertes Bild im Training abgegeben hatte und Präsident Yıldırım nach Enkes Abgang ein Treffen mit ihm und Volkan Demirel organisierte, um sie zu motivieren.

Er wurde in die deutsche Nationalmannschaft gewählt, aber...

In der Saison 2003/04 spielte er für Teneriffa und später in der Bundesliga bei Hannover 96. Enke, der zum Torwart des Jahres gewählt worden war, wurde von Joachim Löw in die deutsche Nationalmannschaft berufen und diente als dritter Torwart im Kader der EM 2008, wo Deutschland im Finale spielte.


Im November 2009 beging der 32-jährige Enke Selbstmord, indem er vor einen Zug sprang.
Fenerbahçe veröffentlichte nach dem Selbstmord von Enke eine Kondolenzbotschaft und hielt vor dem Training eine Schweigeminute ab. Auch Trainer Daum, der bei Fenerbahçe ein zweites Mal unter Vertrag stand, nahm an der Trauerfeier für den deutschen Torhüter Teil.
Fenerbahçe spielte sein erstes Spiel nach dem Tod von Enke an einem nebligen Istanbuler Abend gegen Beşiktaş und verlor 3:0. Dieses Ergebnis war identisch mit dem des letzten Spiels, bei dem Enke im Fenerbahçe-Trikot aufgelaufen war. Im Tor von Beşiktaş stand Rüştü.

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