Der selbsternannte „Q-Schamane“ Jake Angeli war einer der Rädelsführer beim Sturm auf das Kapitol in Washington, D. C. am 6. Januar 2021. Analysten zufolge haben Desinformations-Agenten aus Ländern wie China oder Russland den Verschwörungskult für sich entdeckt.

Einer Analyse des US-amerikanischen Think Tanks „Soufan Center“ zufolge nutzen mittlerweile auch staatliche ausländische Akteure den verschwörungsideologischen „QAnon“- oder „Q“-Kult, um in westlichen Ländern innere Spannungen zu schüren. Vor allem China engagiere sich zunehmend in der Verbreitung von radikalen Inhalten dieser Art in sozialen Medien. Ein weiterer ausländischer Player, der dabei eine Rolle spiele, sei die Russische Föderation. Der Iran und sogar Saudi-Arabien haben sich dem Think-Tank nach aber ebenfalls in diesem Sinne betätigt.

„Im Jahr 2021 ist China zum primären ausländischen Akteur geworden, der QAnon-Narrative online verbreitet“, heißt es in der Studie. Damit habe das Regime in Peking den Kreml abgelöst, der im Vorjahr diesbezüglich noch knapp die Nase vorn hatte. „Im Jahr 2020 kamen 44 Prozent der Beiträge von Administratoren in Russland, 42 Prozent von chinesischen, 13 Prozent aus dem Iran und ein Prozent aus Saudi-Arabien.“

Soziale Medien auf chinesische Desinformationskampagnen schlecht vorbereitet

Mittlerweile kämen 58 Prozent der Beiträge, die auf Facebook zum Zwecke der Verbreitung von QAnon-Narrativen gepostet werden, von chinesischen Administratoren. Chinas Desinformationskapazitäten seien „seit 2019 reifer geworden und das Land verlässt sich in exponentiellem Maße häufiger auf asymmetrische Taktiken“, so das Fazit. Ein Grund dafür sei das Bestreben, die Narrative hinsichtlich der Herkunft des Coronavirus und der Unterdrückung der Uiguren zu kontrollieren.

„Chinas augenfällige Bedeutung im QAnon-Bereich deutet auch darauf hin, dass die Social-Media-Plattformen auf die Identifikation chinesischer Desinformationskampagnen weniger gut eingerichtet sind als bei den russischen“, heißt es in dem Bericht weiter. Da China den eigenen Informationsraum kontrolliere, fürchte man auch keine Gegenmaßnahmen westlicher Staaten auf gleicher Ebene.

Das Soufan Center attestiert der QAnon-Verschwörungstheorie einen „ähnlichen Radikalisierungsprozess, wie man ihn auch bei anderen Formen des Extremismus beobachten konnte, inklusive des Salafi-Dschihadismus“. Umfrageergebnissen zufolge würden bis zu 20 Prozent der US-Amerikaner QAnon-Thesen über Wahlbetrug, Covid-19 oder elitären Kindesmissbrauch ganz oder zumindest zum Teil für plausibel erachten. Dies schaffe Anfälligkeit für eine Manipulation durch extremistische Gruppen oder Rekrutierer.

Türkischer Desinformant als mögliches Vorbild

Im Mai 2019 wurden Verschwörungstheorien, die auch für Rechtextreme oder Befürworter einer „Weißen Vorherrschaft“ anschlussfähig seien, vom FBI erstmals als potenzielle Quelle für einheimischen Terrorismus genannt.

Der „Q“-Kult entstand wenige Monate nach der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten. Ähnlich wie der angebliche Whistleblower „Fuat Avni“, der Mitte der 2010er Jahre vermeintliche Insider-Informationen aus dem Umfeld der türkischen Regierung zu verbreiten vorgab, gab sich auch „Q“ als Vertrauter Donald Trumps aus. Türkische Sicherheitsdienste gehen davon aus, dass Akteure des in der Türkei als „Fethullahistische Terrororganisation“ (FETÖ) bezeichneten Netzwerks des Predigers Fethullah Gülen hinter „Fuat Avni“ gestanden hatten.

Der Gegenwind, den Trump aus Medien und zum Teil auch aus dem Inneren des Staatsapparates erfuhr, ließ das „Q“-Narrativ für viele seiner Anhänger als plausibel erscheinen. Dieses bestand im Kern darin, dass Trump als eine Art Erlöserfigur den Kampf gegen einen „tiefen Staat“ aufgenommen habe, der von pädophilen und satanistischen Eliten aus Staat, Wirtschaft und Gesellschaft beherrscht werde. Dabei griffen die „Q“-Protagonisten unter anderem auch auf antisemitische Verschwörungstheorien zurück.

„Q“-Aktivistin initiierte Sturm auf die Reichstagstreppe

Als sich mehrere Vorhersagen über angeblich bevorstehende Säuberungsaktionen oder Verhaftungen prominenter Politiker und andere Prognosen als unzutreffend erwiesen hatten, verlor der Kult an Breitenwirkung. Seine überzeugten Anhänger glaubten jedoch nach wie vor an das Narrativ und verbreiteten es über soziale Medien.

Im Zusammenhang mit der Corona-Krise schaffte der QAnon-Kult auch den Sprung nach Deutschland. Damals streuten Q-affine Akteure die Behauptung, die Lockdown-Maßnahmen im Frühjahr 2020 hätten den Zweck, die Bevölkerung abzuschirmen. Währenddessen würden bis Ostern des Jahres Soldaten, die an der Nato-Übung „Defender 2020“ teilnehmen sollten, im Auftrag von Donald Trump europäische Regierungen absetzen, tausende Kinder aus angeblichen geheimen Folterlagern befreien und dem alliierten SHAEF-Kommando, das zwischen 1943 und 1945 existierte, die Regierungsgeschäfte übertragen.

Monate später, im August 2020, war es eine bekannte Aktivistin der Gruppe „Qlobal Change“, die am Rande von Demonstrationen gegen die Corona-Beschränkungen in Berlin mit der Behauptung, Donald Trump sei auf dem Weg dorthin, zur Erstürmung des Reichstags aufrief. Im Januar 2021 waren es ebenfalls „Q“-Anhänger, die sich illegal Zutritt zum Kapitol in Washington verschafften, um so den angeblichen Wahlbetrug zu ahnden, der dem Kult zufolge dazu geführt hätte, dass Donald Trump im Vorjahr die Präsidentschaftswahl verlor.

Überschneidungen zwischen QAnon und „Querdenken“

Berichten von Medien wie „ABC News“ zufolge waren es ursprünglich zwei Geschäftsleute und Betreiber des „8chan“-Boards gewesen, die von den Philippinen aus die Verbreitung der angeblichen „Insiderinformationen“ von „Q“ zumindest überblickt hatten. Ob sie auch die ursprünglichen Urheber des Kults sind, ist unklar. Die beiden Unternehmer hatten sich Mitte 2020 jedoch überworfen.

Spätestens seit dieser Zeit gehen Nachrichtendienste nicht mehr von einer zentralen Steuerung des QAnon-Kults aus. Vielmehr seien es jetzt „freie Agenten“, die als Einzelpersonen versuchten, den Verschwörungsnarrativ am Leben zu erhalten – oder eben ausländische Mächte, die von innenpolitischer Radikalisierung im Westen profitieren. In Deutschland sehen Verfassungsschützer Überschneidungen insbesondere zwischen QAnon und der sogenannten „Querdenker“-Bewegung.

TRT Deutsch