Symbolbild: US-Soldaten trainieren Peschmerga-Einheiten im Norden des Irak (Reuters)

von Ömer Özkizilcik

Die marxistisch-leninistischen Terroristen der PKK haben jüngst kurdische Peschmerga-Einheiten am Matina-Berg auf dem Gebiet der Stadt Amedi im Nordirak mit einer Lenkwaffe zur Panzerabwehr angegriffen. Fünf Peschmerga starben, vier wurden verwundet. Die kurdischen Verteidigungseinheiten reagierten mit einer Erhöhung der Truppenstärke und versuchten, die Terroristen von Versorgungslinien abzuschneiden.

Weckruf für Araber und Kurdische Regionalregierung

Der Vorfall und die Reaktion darauf illustrieren eine neue Realität in der Region: Die PKK verliert Freunde und es deutet vieles darauf hin, dass sogar ihre Rückzugsgebiete in den Bergen in Gefahr sind. In ihrer Verzweiflung greifen die Terroristen nun auch Kurden im Irak an und machen sich diese zu Feinden – immerhin haben sie deren bereits jetzt schon viele.

Das erinnert an den Anfang vom Ende der Daesh-Terrormiliz: Auch diese hatte sich irgendwann mehr Feinde gemacht als sie bewältigen konnte. Bereits Daesh hatte gezeigt, dass hemmungsloser Terror eine natürliche Opposition erzeugt, die am Ende zum Zusammenbruch der Terrororganisation selbst führt. Die PKK bekommt diese Lektion jetzt gelehrt.

In früheren Zeiten hatte die PKK ihren Terror vorwiegend auf die Türkei beschränkt. Für Araber war sie deshalb nichts, was ihnen den Schlaf geraubt hätte. Dies hat sich nun in drastischer Weise geändert: Die PKK betreibt ethnische Säuberungen gegen Araber und Turkmenen in Syrien – und bringt auf diese Weise die syrische Interimsregierung und die Syrische Nationale Armee gegen sich auf.

PKK seit 2018 in der Defensive

Dass sie jetzt auch noch Kurden im Nordirak ins Visier nimmt, überschreitet eine rote Linie, die sich für die Extremisten als Desaster erweisen könnte. Dass die PKK die wirtschaftlichen Versorgungswege der Kurdischen Regionalregierung angreift, hat auch in der Biden-Administration eine Art Weckruf bewirkt. In arabischen Stammesgebieten Syriens hat sie eine totalitäre Minderheitsregierung installiert und sich mit ihrem Vorgehen zu einem gemeinsamen Feind von Türken, Kurden und Arabern gemacht.

Das Jahr 2018 wurde zu einem Wendepunkt für die PKK. Sie erlebte nach Jahren der Billigung durch Anti-Daesh-Koalitionskräfte schwere Niederlagen. Die Antiterroroffensive der türkischen Sicherheitskräfte hat ihre Fähigkeiten, Terror auszuüben, fast auf null gebracht. Die Syrische Nationale Armee befreite unter Mithilfe der türkischen Armee Afrin, Tal Abyad und Ras al Ayn von den marxistischen Terroristen.

Iran als einziger Unterstützer geblieben

Der Irak ist zum Musterbeispiel für den Erfolg der türkischen Streitkräfte geworden. Mithilfe von Drohnen und Checkpoints und mit Unterstützung kurdischer Dorfschützer ist es gelungen, mehrere PKK-Tunnel in der nordirakischen Gebirgsregion aufzuspüren und den Zugang der Terrororganisation zur Türkei zu minimieren.

Gleichzeitig haben die Peschmerga mit der Türkei zusammengearbeitet und die Fluchtrouten der Terroristen in Richtung Süden blockiert. Die Regionalregierung in Erbil versucht, die Kampfhandlungen in ihren Gebieten zu minimieren, und deshalb will sie es verhindern, dass die PKK diese tiefer in ihr Territorium trägt.

Einzig der natürliche Schutz, den die schwer zugängliche Bergwelt ihr bietet, hat der PKK bislang noch das Überleben gesichert.

Terroristen sehen sich zunehmend eingekreist

Auf Dauer können sich die Terroristen jedoch nicht darauf verlassen. Neben der erfolgreichen Drohnen- und Checkpoint-Strategie der Türkei wird die Entfremdung zwischen den Kurden und der PKK immer tiefer. Die Berge mehr und mehr einzubüßen, ist für die Terroristen traumatisch. Im Norden rückt die türkische Armee immer weiter vor, im Süden schneiden die Peschmerga die Versorgungs- und Fluchtlinien ab. Die Angst und Unsicherheit ob dieser Zangensituation bringt die PKK zu Verzweiflungstaten wie dem jüngsten Angriff auf die Perschmerga.

Die PKK sieht sich eingekreist und ihr Operationsgebiet ist auf die Berge von Kandil, Gara, Makhmour und Sindschar eingeschränkt, ohne direkten Zugang zur Türkei. Und sogar dort wächst der Druck der türkischen Armee und es gibt immer mehr Militäroperationen, um die Terrorzellen aus der Region zu vertreiben.

Sindschar von der PKK zu befreien liegt auch im Interesse von Erbil und der irakischen Zentralregierung. Nur der Iran unterstützt die Terrorgruppe noch, um sie am Leben zu erhalten, aber selbst auf diese Unterstützung kann die PKK nicht auf Dauer zählen.

PKK/YPG regiert durch Folter und Mord

Jenseits der syrischen Grenze erheben sich arabische Stämme gegen die PKK/YPG. Diese hat jüngst sechs Stammesangehörige ermordet, aber diese Taktik ist nicht nachhaltig. In den derzeit vom PKK-Ableger gehaltenen Gebieten stellen Kurden etwa 20 Prozent der Bevölkerung, und nicht einmal sie stehen hinter den Extremisten. Wie ein jüngst veröffentlichter Bericht von Rena Netjes und Erwin van Veen zeigt, unterdrückt die PKK/YPG andere politische Parteien und ermordet, foltert oder vertreibt oppositionelle Politiker.

Trotz der US-Bemühungen hat die PKK/YPG keine Vereinbarung mit dem Kurdischen Nationalrat treffen können. Stattdessen hindern die Terroristen die aus syrischen Kurden bestehenden Roj Peschmerga an der Einreise nach Syrien und zwingen sie, im Exil zu bleiben.

Inoffizielle Anti-Terror-Koalition im Einklang mit der Türkei

Im Ergebnis bedeutet dies alles, dass Türken, Kurden und Araber gemeinsam gegen die PKK in der Türkei, im Irak und Syrien stehen. Die beste Illustration dieser natürlichen Koalition bietet die jüngste Stellungnahme der Syrischen Nationalen Koalition, der wichtigsten politischen Vertretung der syrischen Opposition, in der diese den Anschlag der PKK auf die Peschmerga vehement verurteilt. Die Syrische Nationale Koalition wählt die syrische Interimsregierung, die wiederum die Syrische Nationale Armee befehligt.

In der Syrischen Nationalen Koalition sind auch Turkmenen und Kurden vertreten, unter anderem in Form des Kurdischen Nationalrates und der „Unabhängigen Kurdischen Vereinigungspartei“. Die Roj Peschmerga sind die Milizen des Kurdischen Nationalrats. Während die Aktivitäten des Daesh eine internationale Koalition unter Führung der USA hervorgerufen hatten, sind es lokale Kräfte, die sich in einer ungenannten und inoffiziellen Koalition mit der Türkei gegen die PKK verbünden.

TRT Deutsch