19.03.2021, Myanmar, Yangon: Polizisten patrouillieren schwer bewaffnet auf der Straße. (DPA)

Wochenlang hat sie für eine bessere Zukunft gekämpft und zusammen mit anderen jungen Leuten in der Küstenstadt Myeik gegen die neue Junta protestiert. Die 23-jährige Philosophiestudentin aus Myanmar möchte anonym bleiben, sie ist von Angst gezeichnet - verständlicherweise. In der vergangenen Woche hatte das Militär die junge Frau zusammen mit 45 Mitstreitern vorübergehend festgenommen und nach eigenen Angaben auf dem örtlichen Luftstützpunkt gefoltert. Bilder, die sich in sozialen Netzwerken verbreiteten, zeigten ein tiefes Loch in ihrem schwer verletzten Nacken.
„Soldaten sind in ein Haus eingedrungen, in dem wir uns versteckt hatten. Einer hat aus weniger als einem Meter Entfernung auf mich geschossen“, sagte sie der Deutschen Presse-Agentur. „Ein Gummigeschoss hat mich am Nacken getroffen und ich bin auf den Boden gefallen.“ Den Schmerz habe sie zunächst kaum gespürt, so groß sei die Furcht vor einer Vergewaltigung gewesen. „Ich hatte keine Angst zu sterben, aber vor sexuellem Missbrauch der Soldaten schon. Ich verabscheue sie.“
Viele der festgenommenen Demonstranten - darunter auch Frauen - seien geschlagen und geprügelt und teilweise mit schweren Armeestiefeln gegen den Kopf getreten worden, erzählt die Studentin. Sie wurde zusammen mit einigen Demonstranten nach wenigen Stunden freigelassen, aber viele weitere sitzen noch immer in Haft. Was viele dort erleiden müssen, gleicht Szenen aus einem Horrorkabinett.
Eineinhalb Monate nach dem Putsch mehren sich Berichte über die Grausamkeit von Polizei und Militär, über Einschüchterung, Folter und Tötungen. Die Taktiken sind nicht neu. Die für ihre Brutalität berüchtigte Armee im früheren Birma hat sie schon während ihrer fast 50 Jahre dauernden Diktatur regelmäßig erprobt, die erst vor zehn Jahren zaghaften demokratischen Reformen gewichen war. Ziel sei es, die Menschen abzuschrecken und den Widerstand zu brechen, sagte eine frühere Geheimdienstmitarbeiterin, die anonym bleiben wollte, der dpa. Die Botschaft: „Das ist die Behandlung, die jeder erfährt, der sich uns widersetzt.“
Amnesty International erklärte zuletzt, die Vorgehensweise des Militärs sei zwar schon bekannt, jedoch sei die Brutalität nie zuvor vor den Augen der Weltöffentlichkeit live übertragen worden. „Dies sind nicht die Aktionen von überforderten, einzelnen Offizieren, die schlechte Entscheidungen treffen. Das sind skrupellose Kommandanten, die bereits in Verbrechen gegen die Menschlichkeit verwickelt sind und ihre Truppen und mörderischen Methoden in aller Öffentlichkeit einsetzen“, sagte Joanne Mariner, Leiterin der Krisenreaktion bei der Organisation.
200 Tote

Schätzungen der Gefangenenhilfsorganisation AAPP zufolge wurden seit dem Umsturz Anfang Februar schon mehr als 200 Menschen getötet, rund 2000 wurden inhaftiert - und nur wenige seither wieder freigelassen.
Einem 27-Jährigen, der ebenfalls vom Militär in Myeik festgehalten wurde, wurde befohlen, den Dreifingergruß zu zeigen - das Symbol des Widerstands in dem buddhistisch geprägten Land. Dann hätten Soldaten und Polizisten ihn immer wieder geschlagen, mit Gürteln, Holzstöcken, Rohren, Ketten. „Ich konnte mich nach meiner Freilassung zwei Tage lang nicht bewegen“, sagt er. Immerhin, er lebt.
So mancher, der nachts von zu Hause abgeführt wird, ist am Morgen tot. „In der Nacht nehmen sie die Leute fest, am nächsten Tag geben sie die Leichen zurück“, erzählt Wai Phyo Maung aus dem Viertel Pabedan in der ehemaligen Hauptstadt Yangon (früher: Rangun). So sei es etwa einem Mitglied der Partei Nationale Liga für Demokratie (NLD) der entmachteten Regierungschefin Aung San Suu Kyi ergangen, der in Pabedan lebte. Der 58-Jährige wurde Anfang März offenbar gefoltert und dann ermordet.
Entsetzen rief auch der Tod eines anderen NLD-Parteimitglieds hervor. Zaw Myat Lin, Leiter einer örtlichen Ausbildungsstätte und Familienvater, war am 8. März in Yangon festgenommen worden. Am 9. März war er tot. Schockierende Bilder seiner Leiche, die in sozialen Netzwerken gepostet wurden, zeigten Anzeichen von furchtbarer Folter. Das Gesicht des 46-Jährigen war geschwollen, die Zähne fehlten, seine Zunge war deformiert, die Haut wirkte verbrannt, der Bauch wies eine riesige Wunde auf. Das Militär erklärte, er habe die Tür seines Hauses zwecks «Sicherheitskontrollen» nicht öffnen wollen und habe dann versucht zu fliehen.
Viele der dokumentierten Tötungen kämen außergerichtlichen Hinrichtungen gleich, warnte Amnesty International. Filmmaterial zeige, dass das Militär – auch bekannt als Tatmadaw – zunehmend Waffen einsetze, „die für militärische Einsätze in kriegerischen Konflikten und nicht für die Polizei bestimmt sind“.
Sanktionen, wie sie etwa die USA und die EU angekündigt haben, lassen die Generäle bisher offenbar unbeeindruckt. „Es ist wichtig, dass der UN-Sicherheitsrat, die Nachbarländer von Myanmar und alle Regierungen auf der ganzen Welt die Appelle der Menschen in Myanmar hören und die Gefahr weiterer Verbrechen gegen die Menschlichkeit angehen“, forderte am Donnerstag Nadira Kourt vom Globalen Zentrum für Schutzverantwortung, einer gemeinsamen Einrichtung internationaler humanitärer Organisationen. „Nur entschlossenes, kollektives, diplomatisches Handeln kann weitere Tote in Myanmar verhindern.“
Trotz der Gewalteskalation dauern die täglichen Proteste in vielen Landesteilen an. Die Frage ist, was letztlich beim Volk überwiegt - die Angst vor einer neuen Ära der Diktatur oder die Angst vor Tod und Folter.

DPA