Marine Le Pen und Emmanuel Macron (AFP)
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In Frankreich wird es erneut ein Duell zwischen dem linksliberalen Präsidenten Emmanuel Macron und der Rechten Marine Le Pen um das höchste Staatsamt geben. Wie die Sender France 2 und TF1 am Sonntagabend nach Schließung der Wahllokale berichteten, stehen sich der amtierende Staatschef und seine Konkurrentin vom Rassemblement National am 24. April in der Stichwahl gegenüber. Macron schnitt besser als erwartet ab. Laut TF1 und France 2 lag er mit 27,6 bis 28,3 Prozent deutlich vor Le Pen mit 23,0 bis 23,3 Prozent. Beide verbesserten ihre Ergebnisse von 2017 damit merklich.

Auch wenn viele Franzosen unzufrieden mit Macrons erster Amtszeit waren und er im Wahlkampf nicht begeisterte, profitierte der 44-Jährige von der Schwäche anderer Kandidaten. Wünsche in der Bevölkerung nach Stabilität und einer gemäßigten Politik infolge des Kriegs in der Ukraine kamen ihm ebenfalls zu Gute. Zudem hat er klare Erfolge am Arbeitsmarkt sowie einen robusten Durchstart der französischen Wirtschaft nach der Corona-Krise vorzuweisen.

Knapperer Ausgang als 2017 für die Stichwahl erwartet
Die 53-jährige Populistin Le Pen versuchte dagegen, mit gemäßigteren Tönen als früher zu punkten. Sie inszenierte sich zugleich als Anwältin derjenigen, die unter der Inflation und den steigenden Preisen für Strom, Sprit und Lebensmittel leiden. Anders als Macron machte sie schon seit Monaten auf zahlreichen Marktplätzen und in Hallen vor Ort Wahlkampf. Die anderen Kandidaten spielten im Wahlkampf eine deutlich geringere Rolle.
Macron und Le Pen treten nun am 24. April gegeneinander an - eine Wiederauflage des Stichwahl-Duells von 2017, in dem Le Pen gegen Macron letztlich klar unterlag. Umfragen sagten für dieses Mal aber einen deutlich knapperen Ausgang vorher. Immer wieder mal gewann in der Stichwahl auch ein Kandidat, der in der ersten Runde auf Platz zwei gelandet war.
„Was am 24. April auf dem Spiel steht, ist keine Wahl der Umstände, sondern eine Entscheidung für die Gesellschaft, eine Entscheidung für die Zivilisation“, sagte Le Pen am Sonntagabend. Zwei entgegengesetzte Visionen für die Zukunft hätten sich durchgesetzt. Macron besorgt über Zustimmung für Rechtsextreme
Macron trat knapp zwei Stunden nach den ersten Prognosen zu seiner Dankesrede an. „Euer Vertrauen ehrt mich, verpflichtet mich und bindet mich“, sagte der Präsident in Paris vor Massen jubelnder Anhänger. „Sie können alle auf mich zählen, um dieses Fortschritt- und Öffnungsvorhaben umzusetzen.“ Macron räumte aber auch ein: „Wenn die Rechtsextreme in all ihren Formen so viel Rückhalt im Land hat, kann man nicht davon sprechen, dass die Dinge gut laufen.“
Macron warnte vor der Stichwahl gegen Le Pen: „Vertun wir uns nicht, nichts ist entschieden.“ Eine Umfrage des renommierten Instituts Ipsos-Sopra Steria vom späten Sonntagabend zufolge könnte Macron aus der Stichwahl mit 54 Prozent der Stimmen als Sieger hervorgehen.
Ein Sieg Le Pens wäre für Deutschland und Europa ein Schock mit bedeutungsschweren Folgen. Le Pen stellt die seit Jahrzehnten enge Zusammenarbeit mit Berlin in Frage und strebt eher nach Kooperation mit anderen Euroskeptikern wie den Regierungen in Budapest oder Warschau. In der Europäischen Union könnte Frankreich unter ihr vom Treiber zum Bremser werden, ganz anders als unter dem proeuropäisch engagierten Macron. In der aktuell eskalierenden Krise zwischen dem Westen und Russland befürchten Europa und die USA mit Le Pen ein Bröckeln der festen Pro-Ukraine-Front. Historische Niederlage für Sozialisten und Republikaner
Für die einstigen Volksparteien wie die Republikaner und Sozialisten ist die Wahl eine Niederlage historischen Ausmaßes. Bereits im Wahlkampf spielten sie kaum eine Rolle, nun fuhren sie so schlechte Ergebnisse ein wie noch nie.
Der Linksextreme Jean-Luc Mélenchon erreichte laut den Sendern mit 20 bis 22,2 Prozent Platz drei. Der Rechtsextreme Éric Zemmour zog mit circa sieben Prozent an der Konservativen Valérie Pécresse mit etwa fünf Prozent vorbei. Die sozialistische Kandidatin Anne Hidalgo lag abgeschlagen bei rund zwei Prozent. Der Grüne Yannick Jadot kam auf etwa 4,5 Prozent.
Die Unterstützungsaufrufe der unterlegenen Kandidatinnen und Kandidaten setzten schon kurz nach den ersten Hochrechnungen ein. Während die Bewerber der Grünen, Sozialisten und Republikaner ihre Anhänger klar dazu aufriefen, in der Stichwahl für Macron zu votieren, rief der Linke und Drittplatzierte Mélenchon lediglich eindringlich dazu auf, keine Stimme an Le Pen zu geben. Das bedeutet, für Macron zu stimmen, einen leeren oder ungültigen Stimmzettel abzugeben oder der Wahl fernzubleiben. Die Formierung einer erneuten „Mauer“ gegen die Rechte scheint folglich bereits im Gange. Le Pen vor schwieriger Aufgabe
Auch wenn Umfragen dieses Mal einen weitaus knapperen Ausgang voraussagten, müsste Le Pen erheblich gegen Macron mobilisieren, um zu gewinnen. Zwar kann sie auf Unterstützer von Zemmour, der bereits zu ihrer Wahl aufrief, und Stimmen einiger rechter Konservativer setzen, jedoch kaum aus dem Mitte-Links-Lager. Hier würde es ihr vor allem helfen, wenn von Macron frustrierte Linke der Wahl einfach fernblieben und so ihre Prozente in die Höhe trieben.
Le Pen, die bereits zum dritten Mal antritt, hatte sich im Wahlkampf um ein gemäßigteres Auftreten bemüht. Die langjährige Politikerin, die ihren Vater in der Parteiführung des Rassemblement National (früher: Front National) beerbte, setzt sich dennoch etwa dafür ein, Einwanderung und Sozialleistungen für Ausländer einzuschränken.
Der 44-jährige Macron war im Wahlkampf kaum sichtbar. Macron, der im Wahlkampf auf wirtschaftlichen Fortschritt setzte, hatte 2017 mit seiner Bewegung La République en Marche den Einzug in den Élyséepalast geschafft. Bevor er Präsident wurde, arbeitete er als Investmentbanker, beriet den sozialistischen Präsidenten François Hollande und war unter diesem von 2014 bis 2016 Wirtschaftsminister.
Der französische Staatschef hat weitreichende Machtbefugnisse und amtiert fünf Jahre. Etwa 48,7 Millionen Französinnen und Franzosen waren zur Wahl eingeschrieben. Die Wahlbeteiligung lag laut einer Schätzung des Umfrageinstituts Ipsos kurz nach Schließung der Wahllokale bei 74,0 Prozent.

DPA