„Der III. Weg“: Rechtsextreme Partei zur Wahl zugelassen (dpa)
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Viele Studien zeigen, dass die steigende Zahl von Rentnern und der damit einhergehende Rückgang der jungen Bevölkerung die sozialen Sicherungssysteme von Ländern finanziell unter Druck setzen werden. Dabei sind der Rückgang der Säuglingssterblichkeit und die Erhöhung der Lebenserwartung infolge der fortschreitenden Medizintechnik Faktoren, die den demografischen Wandel beschleunigen. Wenn die aktuelle Situation anhält, ist abzusehen, dass in den betroffenen Ländern der drohende Arbeitskräftemangel ohne Zuwanderung nicht behoben werden kann. Der Anteil der älteren Bevölkerung nimmt in Nordamerika, Russland, europäischen Ländern und sogar in China zu. Diese Situation zwingt Länder, Vorkehrungen zu treffen und ihre Migrationspolitik zu überdenken. So sehr, dass selbst Japan, das sich über viele Jahre hinweg gegen eine Zuwanderung sträubte, weil es seine Bevölkerungszusammensetzung nicht ändern wollte, erstmals in seiner Geschichte die Aufnahme von Zuwanderern erleichtern musste. Auch die von internationalen Institutionen wie Weltbank, IWF und EU veröffentlichten Berichte unterstreichen, dass die Wirtschaft der Aufnahmeländer, wenn sie denn Zuwanderer in den Wirtschaftskreislauf und das Arbeitsleben integrieren, in erheblichem Maße davon profitieren wird.

Alternde Weltbevölkerung und Sozialversicherungssystem

Eine der Herausforderungen für die Industrieländer der Welt ist die Verlangsamung des Wirtschaftswachstums. In den letzten zehn Jahren gingen die Wachstumsraten in den industrialisierten Ländern von 3,1 Prozent auf 1,2 Prozent zurück. Die Alterung der Bevölkerung und der Druck der Rentenausgaben auf die öffentlichen Haushalte sind dabei wichtige Gründe für die Verlangsamung des Wachstums.

Der demografische Wandel ist einer der Faktoren, die das Entwicklungsniveau der Länder beeinflussen. Industrie- und Entwicklungsnationen richten ihre politischen und wirtschaftlichen Pläne entsprechend ihrer zukünftigen Bevölkerungsstruktur aus. Vor allem sozioökonomisch hochentwickelte Staaten stehen aufgrund einer immer weiter alternden Bevölkerung vor ernsthaften Problemen. Dabei ist die Erhöhung der Geburtenrate die augenfälligste Lösung für das Problem einer alternden Bevölkerung, gefolgt von der Förderung der Anwerbung von Arbeitskräften aus dem Ausland. Darüber hinaus schrumpft der Arbeitsmarkt, und die Abhängigkeit der älteren Bevölkerung von den Sozialversicherungssystemen wächst. Man geht davon aus, dass die steigenden Gesundheitsausgaben und Rentenbeiträge der älteren Bevölkerung naturgemäß das Sozialversicherungssystem in Zukunft belasten werden. In diesem Sinne ist die ältere Bevölkerung von den erwerbstätigen Leistungsträgern abhängig. So ist es dann auch unvermeidlich, dass diese Abhängigkeit die wirtschaftliche Entwicklung stört, weil das Bevölkerungs- bzw. Erwerbspersonengleichgewicht in den Ländern gestört wird.

Auf globaler Ebene wird die Weltbevölkerung aufgrund des Rückgangs der Geburtenraten und insbesondere durch die steigende durchschnittliche Lebenserwartung in den kommenden Jahren ebenfalls stärker altern. Ein entsprechender UN-Bericht macht auf die alternde Bevölkerung aufmerksam und prognostiziert, dass im Jahr 2047 zum ersten Mal in der Geschichte die Zahl der älteren Menschen die Zahl der Kinder übersteigen wird. Bei der 50-Jahre-Jubiläumssitzung der UNO stand das Thema „Überalterung der Bevölkerung“ im Mittelpunkt der Tagesordnung der Mitgliedstaaten. „Da die Geburtenrate im Zuge der Globalisierung sinkt, wird die internationale Migration weiterhin eine wichtige Rolle bei der Veränderung der demografischen Struktur spielen“, kommentierte Wu Hongbo, Leiterin des UN-Sozial- und Wirtschaftsreferats.

Bevölkerungspolitik verändert sich

Die Bevölkerungspolitik hat sich in den letzten zehn Jahren stark gewandelt. Der UN-Bericht weist darauf hin, dass der Anteil der über 65-Jährigen an der Bevölkerung in Europa zwischen 2015 und 2050 von 23 Prozent auf 28 Prozent zunehmen wird. Zu den Regionen, in denen das gleiche Phänomen auftreten wird, gehört Nordamerika. Man schätzt, dass der Anteil der älteren Bevölkerung in der Region im gleichen Alterssegment von 18 auf 23 Prozent zunehmen wird. Derzeit zählen im wirtschaftlich starken Japan 25,8 Prozent, in Deutschland 21,1, in Italien 21, in Frankreich 18,3 und in den USA 14,5 Prozent zu den älteren Menschen. China, das bevölkerungsreichste Land der Welt, hatte aufgrund der Ein-Kind-Politik sein Bevölkerungswachstum über viele Jahre verlangsamt. Da jedoch die ältere Bevölkerung zunahm, musste China im Laufe der Zeit seine Ein-Kind-Politik aufgeben. Derzeit hat der Anteil der älteren Bevölkerung in China 9,6 Prozent erreicht. Russland gehört zu den Ländern, die mit der gleichen Situation konfrontiert sind, denn 13,3 Prozent der Bevölkerung sind ältere Menschen. Exemplarisch für die sogenannten asiatischen Tiger hat Südkorea in den letzten 12 Jahren 136 Milliarden Dollar ausgegeben, um Familien zu ermutigen, Kinder zu bekommen, aber dennoch fiel die Geburtenrate unter die der Kriegszeit auf 0,96 pro Frau. Lee Chul-hee, ein Wirtschaftsprofessor, der zu diesem Thema forscht, führt aus, die derzeitige Situation erschwere die Finanzierung der Renten, und das Sozialversicherungs- und Gesundheitssystem werde mit der Zeit stark unter Druck geraten. Auch die ehemalige norwegische Premierministerin Erna Solberg erklärte, eines der wichtigsten Probleme Norwegens sei der Bevölkerungsrückgang. Dementsprechend sprach sie sich für eine Steigerung der Geburtenrate auf mindestens 2 Kinder pro Frau aus. Darüber hinaus betonte sie, bei einem weiteren Rückgang der Bevölkerung würden die Steuereinnahmen des norwegischen Staates sinken, so dass es unmöglich sein werde, die aktuellen Sozialstandards aufrechtzuerhalten. Angesichts der alternden Bevölkerung in Norwegen werden derzeit 80 Prozent der benötigten Arbeitskräfte von im Ausland geborenen Personen abgedeckt. Die Europäische Kommission stellt fest, dass die Überalterung das größte Problem des 21. Jahrhunderts für die europäischen Gesellschaften sein wird. In diesem Zusammenhang wird auch davon ausgegangen, dass Deutschlands Bevölkerung von heute 81 Millionen auf 71 Millionen im Jahr 2060 sinken wird. Wolfgang Kaschuba, Forschungsdirektor für Integration und Migration in Berlin, stellt dazu fest, Deutschland brauche jedes Jahr eine halbe Million Einwanderer, um sein Wirtschaftswachstum aufrechtzuerhalten. So wird die Überalterung der Bevölkerung zunehmend zu einem größeren Problem, und die Aufrechterhaltung einer dynamischen Bevölkerungsstruktur wird unumgänglich. Dabei zwingen die mit einer älter werdenden Bevölkerung einhergehenden sozialen und wirtschaftlichen Herausforderungen die Industrieländer, Vorkehrungen zu treffen. Da die Zahl der in den Arbeitsmarkt eintretenden jungen Menschen von Jahr zu Jahr sinkt, wird es immer schwieriger, Mitarbeiter für offene Stellen zu finden. Daher haben Zuwanderer das Potenzial, diesem Arbeitsmarkt Dynamik zu verleihen.

Auf der Suche nach einer Politik zwischen Rationalismus und Populismus

Die Geburtenraten sinken mit der sozioökonomischen Entwicklung in der Welt, und die durchschnittliche Lebenserwartung steigt mit der sich entwickelnden Technologie. Obwohl viele Länder wichtige Anreize für die Erhöhung der Geburtenrate geschaffen haben, konnten sie noch nicht den gewünschten Erfolg erzielen. Aus diesem Grund müssen sich die Länder der Realität einer alternden Bevölkerung stellen. Forscher bestätigen, dass eine junge Bevölkerung für Länder notwendig ist, um Wirtschaftswachstum und Entwicklung aufrechtzuerhalten. Staaten, die dies nicht gewährleisten können, sehen die Notwendigkeit einer geordneten Zuwanderung. Sowohl der Aufstieg rechtsextremer Parteien als auch wiederkehrende Wirtschaftskrisen machen ausgerechnet diese benötigten Zuwanderer zu Sündenböcken. Dennoch wollen an den dargelegten Fakten orientierte Politiker ihre Zuwanderungspolitik ausweiten. Denn der Anteil der älteren Bevölkerung liegt in vielen Ländern bereits bei knapp 20 Prozent. Wenn die aktuellen Geburtenraten anhalten, wird es schwierig, die bestehenden Sozialversicherungssysteme aufrechtzuerhalten und die steigenden Rentenausgaben ohne Zuwanderung zu bestreiten, es sei denn, man nimmt eine zunehmende Belastung der öffentlichen Finanzen in Kauf.

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