Rezession und hohe Inflation für 2023 erwartet (Symbolbild) (dpa)
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Die Inflationsrate erreichte im August in der Eurozone einen Rekordwert von 9,1 Prozent. Einerseits steigen die Preise, andererseits sorgt der energie- und inflationsbedingte Produktionsrückgang dafür, dass auf vielen Plattformen die Rezessionsgefahr in Deutschland laut ausgesprochen wird. Die jährliche Inflation in Deutschland, die im Juli bei 7,5 Prozent lag, stieg mit dem jüngsten Anstieg der Energie- und Lebensmittelpreise im August auf 7,9 Prozent und erreichte damit den höchsten Stand seit 1974.

Viele Länder der Welt mussten während und nach der Pandemie monetäre Expansionen vornehmen, was zu einem Anstieg der globalen Inflation führte und gleichzeitig das Ausmaß der Rezession verringerte. Der Preisanstieg der Energie und Vorleistungen nach dem Russland-Ukraine-Krieg treibt die Kosten noch weiter in die Höhe. Infolgedessen haben die Alarmglocken der Inflation zu läuten begonnen, und eine restriktive Geldpolitik wurde als eine Lösung angesehen. Als Folge der restriktiven Geldpolitik ist jedoch ein Rückgang der Produktion, also eine Rezession, unvermeidlich. Sowohl steigende Preise als auch der gleichzeitige Rückgang von Produktion und Beschäftigung sind für Deutschland – wie für alle Länder – ein Alptraum.

Führende Forschungsinstitute warnen

Standard & Poor's geht davon aus, dass die deutsche Wirtschaft in den nächsten Monaten in eine Rezession geraten wird. Deutschlands widerstandsfähige Wirtschaft und Unternehmenseffizienz helfen dem Land, den durch den Russland-Ukraine-Krieg verursachten Energiepreisschock zu tolerieren. Allerdings dürfte das reale Bruttoinlandsprodukt Deutschlands in den kommenden Quartalen schrumpfen.

Die Weltbank sagt, dass sowohl die Abschwächung des Euro als auch das inflationäre Umfeld die Wahrscheinlichkeit einer Rezession in ganz Europa erhöhen. Laut Weltbankpräsident Malpass ist die Verringerung der Abhängigkeit von Russland im Energiebereich ein langfristiger Prozess, und dies könnte das Risiko einer Stagflation erhöhen, indem die Periode niedrigen Wachstums und hoher Inflation verlängert wird.

Fitch Ratings betonte in seinem im September 2022 veröffentlichten Global Economic Outlook-Bericht, dass Erdgaskrise, hohe Inflation und restriktive Geldpolitik der Zentralbanken zu einer breiten und tiefen Rezession führen werden, und senkte dementsprechend seine globalen Wachstumsprognosen. Fitch Ratings erwartet, dass die Eurozone und Großbritannien im letzten Quartal 2022 und die USA Mitte 2023 in eine Rezession geraten werden.

Das ifo Institut für Wirtschaftsforschung hat gemeinsam mit den führenden Wirtschaftsforschungsinstituten (IfW Kiel, Wifo und IHS aus Österreich, IWH und RWI) seine Prognosen für 2022, 2023 und 2024 revidiert. Die Gemeinschaftsdiagnose dieser Institutionen senkte die Wachstumsprognose für das Bruttoinlandsprodukt (BIP) für Deutschland für 2022 auf 1,4. Sie erwarten einen Rückgang des BIPs um 0,4 Prozent für 2023. Für 2024 prognostizieren die Institute eine Wachstumsrate von 1,9 Prozent. Die Prognosen gehen davon aus, dass der Anstieg der Verbraucherpreise im Jahr 2022 im Durchschnitt bei 8,4 Prozent, 2023 bei 8,8 Prozent und 2024 bei 2,4 Prozent liegen wird.

Laut Timo Wollmershäuser, Leiter der ifo Konjunkturprognosen, wird Deutschland in diesem Winter in eine Rezession eintreten, und eine Normalisierung von Wachstum und Inflation ist erst 2024 zu erwarten. Laut Ifo werden die Strom- und Gaspreise Anfang 2023 deutlich steigen, und die Inflationsrate könnte im ersten Quartal 2023 11 Prozent erreichen. Dadurch wird die Kaufkraft der Haushalte deutlich sinken. Die Beschäftigung wird sich vorübergehend verlangsamen, was jedoch an arbeitslosen Ukrainern liegen wird, die schrittweise in den Arbeitsmarkt integriert werden.

Neben den weltweiten Problemen erhöhen auch die hohe Abhängigkeit Deutschlands von Gas aus der Nord Stream-Pipeline und das Fehlen einer Alternative zur Beseitigung dieser Abhängigkeit das Rezessionsrisiko.

Welche Maßnahmen trifft Deutschland gegen eine Rezession?

Deutschland wird Unternehmen, Kommunen und Verbraucher teilweise absichern, indem es den Anteil des finnischen Fortum an Uniper erwirbt und seinen größten Erdgasimporteur, Uniper, verstaatlicht. Die Bundesregierung hat beschlossen, eine Einmalzahlung von 300 Euro an jeden steuerpflichtigen Arbeitnehmer zu leisten, um die Auswirkungen steigender Energiepreise auf die deutsche Wirtschaft zu mindern.

Laut Joachim Nagel, Vorsitzender der Deutschen Bundesbank, werden die Preise in Deutschland weiter steigen und die Inflation im Dezember ihren Höchststand von über 10 Prozent erreichen. Maßnahmen zur Kontrolle der Inflation werden eine niedrige Wachstumsrate und eine Rezession unvermeidlich machen.

An diesem Punkt muss Deutschland, wie viele andere Länder, eine Wahl treffen. Wachstum durch Fortbestehen hoher Inflation oder Rezession im Austausch für eine Reduzierung der Inflation? Deutschlands Haltung zu diesem Thema ist historisch eindeutig und ganz klar. Preisstabilität ist laut Nagel für das Industrie- und Exportland Deutschland sehr wichtig, denn Stabilität sei für mittel- und langfristiges Wachstum unabdingbar. Die Rezession lässt sich leichter bewältigen, aber wenn der Preisanstieg nicht kontrolliert werden kann, wird es mittel- und langfristig zu Unsicherheiten führen und das Wachstum kann gefährdet sein. Nagel ist der Meinung, dass die Rezession in der Wirtschaft nicht schwerwiegend sein wird.

Der im Türkischen weit verbreitete Satz „Weder Spieß brennt noch Döner“ ist im derzeitigen Zyklus hoher Inflation und Stagnation leider nicht gültig. Entweder Spieß oder Kebab muss bevorzugt werden, und sowohl die EU als auch Deutschland treffen eine klare Entscheidung: Sie bevorzugen Preisstabilität und die schnellstmögliche Stabilisierung des inflationären Umfelds. Allerdings auf Kosten der Rezession.

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