Frankfurter Bankenviertel.

Das Jahr 2020 hat eine historische Zäsur von globaler Dimension vollbracht, was sonst nur Kriegen oder außergewöhnlichen Naturkatastrophen zuteilwird. Die Corona-Krise ist bereits auf dem Weg, sich als ein Narrativ zur Selbstverortung in Zeit und Raum zu entwickeln, das eine Unterscheidung in eine Phase „davor“ und „danach“ kennt. Individuen, Regierungen und Volkswirtschaften weltweit wurden von dem SARS-CoV-2-Virus in ihren Grundfesten erschüttert wie nie zuvor in diesem Jahrhundert. Die Frage nach der politischen Beurteilung der Reaktionen auf das neuartige Coronavirus verdient durchaus eine kritische und ergebnisoffene Debatte, was eine zentrale gesellschaftliche Herausforderung der nächsten Jahre darstellen wird. Über die wirtschaftlichen Schäden, die infolge der Pandemiebekämpfung entstanden sind, lässt sich bereits jetzt einiges an Erkenntnissen festhalten, die zugleich einen Ausblick für das neue Jahr 2021 eröffnen können.

Der Lockdown und seine Folgeschäden

Die weitgehende Schockstarre, in die das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben ab Mitte März 2020 nicht nur in Deutschland, sondern in fast allen Ländern versetzt wurde, hat tiefe Spuren hinterlassen. Hinter der Zahl von 5,1 Prozent, um welche die Wirtschaftsleistung nach einer Prognose des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) vom 16. Dezember im Jahr 2020 schrumpfen wird, verbergen sich höchst unterschiedliche Entwicklungen. Die mit am härtesten getroffenen Branchen sind zweifelsohne der Tourismus, das Hotel- und Gaststättengewerbe sowie die Kunst-, Kultur- und Unterhaltungsbranche mit allen ihren Facetten. Dank wirtschaftspolitischer Instrumente wie der Kurzarbeit oder einer Verlängerung der Aussetzung der Insolvenzantragspflicht für Unternehmen sehen die Statistiken auf den Seiten des Bundeswirtschaftsministeriums derzeit nicht danach aus, als befänden wir uns auf dem Weg in die Rezession. Mittelfristig werden jedoch hunderttausende Betriebe, deren Existenzgrundlagen mit den „Lockdowns“ vernichtet wurden, und damit einhergehend Millionen von Arbeitsplätzen nicht fortbestehen können. Die Schaffung für Homeoffice-Angebote mag zwar für Verwaltungs- und Bürotätigkeiten eine Option darstellen, für produzierende und landwirtschaftliche Betriebe kann dies jedoch allein aus technischen Gründen nicht der Fall sein. Dass hierüber kaum debattiert wird, offenbart auch den Mangel an tragfähigen Konzepten für die Zukunft des Produktionsstandortes Deutschland. Zugleich wird seit Frühjahr 2020 permanent von einer Rückverlagerung von Liefer- und Produktionsketten gesprochen, als ließe sich der über Jahrzehnte erfolgte Prozess der Globalisierung durch eine global mehr oder weniger einheitliche Strategie der Pandemiebekämpfung plötzlich zurücksetzen.

Die deutsche Wirtschaft im Schatten der Außenpolitik

Für Deutschland als führende Exportnation hängt die zukünftige wirtschaftliche Entwicklung in starkem Ausmaß von seinen außenpolitischen Entscheidungen ab. Europa bildet hierbei einen traditionellen Bezugsrahmen für die deutschen Exporte. Der Austritt Großbritanniens aus der EU hat das europäische Projekt jedoch nachwirkend erschüttert. Die jüngst an Heiligabend abgeschlossenen Übergangsverhandlungen haben einen pragmatischen Kompromiss ermöglicht, doch der anhaltende Widerwillen vonseiten der europäischen Eliten, die Entscheidung der Briten zu akzeptieren, wird die Beziehungen zum Vereinigten Königreich auch zukünftig belasten. Wenngleich ein umfangreiches Rahmenabkommen besteht, werden viele Prozesse der bilateralen Ein- und Ausfuhr von Gütern nun komplizierter. Für die deutsche Wirtschaft sind die wirtschaftlichen Auswirkungen nicht verlockend: Importe werden teurer und Exporte weniger profitabel. Der Trend, dass die Wachstumsmärkte für deutsche Unternehmen zunehmend außerhalb Europas liegen wird somit indirekt verstärkt.

Der Brexit steht in einem Zusammenhang von multiplen politischen Verwerfungen, deren wirtschaftliche Folgen in ihrer Gesamtheit noch nicht absehbar sind. Auch das in den letzten Jahren stark belastete politische Verhältnis zur Türkei und die auf dem EU-Gipfel zuletzt beschlossenen Sanktionen sind eine offene Wunde für Europa in der gegenwärtigen geo-ökonomischen Situation. Noch ist die Türkei als NATO-Partner und EU-Beitrittskandidat in die westlichen Bündnisstrukturen eingebunden, jedoch ist dies für die Zukunft nicht zwangsläufig gegeben. Das verstärkte Engagement der Türkei in Nordafrika, dem Mittleren Osten sowie der Kaspischen Region lassen eine Aufgeschlossenheit gegenüber von China und Russland dominierten, paneurasischen Zusammenschlüssen wie beispielsweise der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit erahnen. Vor diesem Hintergrund ist Europa schlecht beraten, auf einem einseitig normativen Politikansatz gegenüber der Türkei zu verharren. Deutschland sollte sich auch vergegenwärtigen, dass eine verstärkte Mitwirkung der Türkei an den Entwicklungen in der östlichen Mittelmeerregion sowie im Nahen und Mittleren Osten zur Stabilität der Region im europäischen Interesse beiträgt, beispielsweise in Form eines gemeinsam koordinierten Vorgehens gegen eine weitere Radikalisierung von Staaten wie nichtstaatlichen Akteuren. Den politischen Spannungen stehen eine nach wie vor dynamische Wirtschaftsentwicklung und ein steigendes Interesse deutscher Unternehmer am türkischen Markt gegenüber, der durch den günstigen Kurs der Lira zusätzlich begünstigt wurde.

Nach der Krise: Besinnung auf die eigenen Interessen

Die Sicherung des bisher gekannten Wohlstandes in Deutschland wird zu wesentlichen Teilen davon abhängen, ob es gelingt, einer interessengeleiteten und pragmatischen Außenwirtschaftspolitik den Vorrang vor wertegeleitetem Wunschdenken zu ermöglichen. Im Jahr 2021 werden die richtungsweisenden Entscheidungen für die Bewältigung der Corona-Schäden getroffen. Die Entfremdung zwischen Europa und den USA, der Brexit, die Spannungen mit der Türkei und Russland und das Erstarken Chinas stehen dem wirtschaftlichen Aufschwung entgegen. Wird es Deutschland gelingen, einen Wirtschaftsaufschwung zu gestalten, anstatt den Krisenzustand zu verwalten? In der multipolaren Welt, wie sie sich gegenwärtig konfiguriert, ist Platz für ein Deutschland, das seine geopolitische Mittellage nutzt, um einen Interessenausgleich auf globaler Ebene zu schaffen, und dabei die eigenen Interessen nicht vergisst.


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