Nordrhein-Westfalen, Münster: Jacken der Bundeswehr mit angenähter Deutschlandflagge hängen an einer Garderobe. (DPA)

Das Jahr 2021 wird in die deutsche Militärhistorie eingehen. Denn in diesem Jahr gibt es erstmals seit über 100 Jahren wieder jüdische Militärseelsorger in den deutschen Streitkräften. 76 Jahre nach dem unmenschlichen Verbrechen, dem Holocaust, werden jüdische Gläubige in den Reihen der Bundeswehr religiös und seelsorgerisch betreut. Das ist ein längst überfälliger Schritt, der lange auf sich warten ließ. Es ist ein historischer Tag für Deutschland. Eine moderne Armee wie die Bundeswehr, die noch viel zu oft mit rechtsextremistischen und antisemitischen Affären für Schlagzeilen sorgt, benötigt für alle in der Armee vertretenen Glaubensgemeinschaften Ansprechpartner:innen. Nachdem es jetzt neben evangelischen und katholischen Militärseelsorger:innen auch jüdische Geistliche in der Truppe gibt, wird der nächste Schritt die Etablierung christlich-orthodoxer und muslimischer Seelsorge sein müssen. Die Vielfalt der Gesellschaft darf sich nicht nur an der Front widerspiegeln, sondern auch in den Führungsebenen, dem Offizierskorps, der geistlichen und religiösen Betreuung. Sprich: Die Bundeswehr muss ein Spiegel der Gesellschaft sein. Interkulturelle und interreligiöse Kompetenz sollte nicht nur in der Bundeswehr, sondern in allen staatlichen und zivilen Einrichtungen als ein Erfolgsmodell etabliert werden. Der Bedarf nach muslimischen Militärseelsorgern ist vorhanden.

300 jüdische Soldaten in der Bundeswehr

Zsolt Balla ist der erste Militärrabbiner in der Geschichte der heutigen Bundeswehr. Vor wenigen Tagen wurde der 42-Jährige in der Leipziger Synagoge feierlich ins Amt eingeführt. Der orthodoxe Landesrabbiner von Sachsen und Vorstand der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland wird somit Ansprechpartner für die etwa 300 jüdischen Soldat:innen der deutschen Streitkräfte. Da Balla diese Aufgabe nicht permanent allein übernehmen kann, werden ihm bald mindestens neun bis zehn weitere orthodoxe und liberale Militärrabbiner folgen.

Jüdische Militärseelsorge im Ersten Weltkrieg

Mit Beginn des Ersten Weltkriegs dienten Rabbiner als Seelsorger im deutschen Heer. Damals kämpften etwa 100.000 Juden für die deutsche Armee, davon rund 77.000 als Frontsoldaten. 12.000 von ihnen bezahlten diesen Einsatz mit ihrem Leben. Deshalb waren jüdische Militärseelsorger auch schon im deutschen Kaiserreich gefragt. Die ersten Rabbiner traten im September 1914 ihren Dienst an. Zwischen 1914 und 1918 betreuten ungefähr 30 Rabbiner die deutschen Soldaten jüdischen Glaubens. In der Weimarer Republik wurde der Dienst aufgehoben und danach, fast 100 Jahre später, 2021 wieder eingeführt.

Evangelische und katholische Militärseelsorge

1955 gilt als das Geburtsjahr der Bundeswehr. Evangelische und katholische Geistliche dienen seit mehr als 65 Jahren als Militärseelsorger:innen in der Bundeswehr. Sie werden für einige Jahre von ihren Heimatdiözesen oder Ordensgemeinschaften für diesen Dienst freigestellt. Der Staat übernimmt die Organisation und Finanzierung der Militärseelsorge, die Kirchen stellen die Seelsorger und sind für die Inhalte verantwortlich. Obwohl die Seelsorger von den Kirchen ernannt werden, sind sie nicht an die jeweiligen Gemeinden vor Ort angebunden. Derzeit gibt es etwa 100 evangelische und 80 katholische Militärpfarrämter – sowohl in Deutschland als auch im Ausland. Je ein evangelischer und ein katholischer Militärbischof leiten die Seelsorge. Die Bischöfe stehen in keinem Dienstverhältnis zum Staat. Die völkerrechtlich als Zivilisten geltenden Heeresseelsorger:innen tragen während ihres Einsatzes militärische Schutzkleidungen, die mit einem religiösen Symbol statt eines Dienstgradabzeichens versehen sind.

Seelsorge ist ein Hilfsangebot

Nach dem Soldatengesetz haben Soldat:innen Anspruch auf Seelsorge und eine ungestörte Religionsausübung im Dienst. Neben der Truppe können auch Familienangehörige seelsorgerische Leistungen in Anspruch nehmen. Oft ist das der Fall, wenn es zu längeren Trennungen kommt, der Ehepartner verwundet oder pflegebedürftig wird oder im Dienst stirbt. Zudem hat der Seelsorger immer ein offenes Ohr für Fragen, welche die Soldat:innen psychisch und mental beschäftigen. Gewalt, Angst, Verwundung, Zweifel, Tod. Diese Themen beschäftigen nicht nur die Bevölkerung, sondern auch die Soldat:innen in der Truppe. Die Seelsorge ist ein Ort der inneren Einkehr, des Begegnens, des Zuhörens und des Gesprächs. Sie ist ein Hilfsangebot. Und deshalb dürfen wir diese Arbeit als Gesellschaft nicht wie so oft in der Vergangenheit unterschätzen.

Begleiter und Gesprächspartner

Denn seelische Krisen, posttraumatische Belastungsstörungen und nicht zuletzt Suizide sind im Militärdienst nicht zu unterschätzen. Gerade bei Auslandseinsätzen ist die Selbstmordrate höher: Demzufolge habe sich jeder fünfte bei einem Auslandseinsatz der Bundeswehr gestorbene Soldat selbst das Leben genommen. Von den zwischen 1990 und 2010 99 verstorbenen deutschen Soldat:innen im Ausland hätten 19 Suizid begangen. Zwischen 1990 und 2018 verzeichnet die Statistik insgesamt 1059 Selbsttötungen bei der Bundeswehr. Bei der Trauerbegleitung leisten Militärseelsorger:innen wertvolle Arbeit: Sie spenden Trost. Leisten Beistand. Zeigen neue Wege. Geben Orientierung. Machen Hoffnung. Sie kümmern sich aber auch um alltägliche Fragen, zum Beispiel darum, wie der Heeresdienst mit den religiösen Pflichten und Traditionen vereinbart werden kann. Dazu gehören beispielsweise die Essensvorschriften, bei Jüdinnen und Juden koscheres Essen und geschächtetes Fleisch. Oder andere Gebetspflichten. Gottesdienste und Gebete im In- und Ausland gehören ebenfalls zu den Hauptaufgaben der Truppengeistlichen. Die Militärseelsorge arbeitet dabei interdisziplinär mit den Familienbetreuungszentren, dem Sozialdienst, dem Sanitätsdienst und dem psychologischen Dienst der Bundeswehr zusammen. Kurz: Sie ist Begleiter und Gesprächspartner von Soldat:innen aller Dienstgrade und deren Familienangehörigen.

Bundeswehr für muslimische Seelsorge öffnen

Ganz neu sind muslimische Truppenteile nicht für die deutsche Armee. Sowohl im Ersten als auch im Zweiten Weltkrieg kämpften muslimische Soldaten auf der Seite Deutschlands. Von den etwa 184.000 Soldat:innen, die heute in der Bundeswehr ihren Dienst verrichten, gehören schätzungsweise 3.000 bis 5.000 Soldat:innen dem muslimischen Glauben an. Dass diese Armeeangehörigen, die bereit sind, ihr Leben für ihr Land und dessen freiheitlich-demokratische Werte zu opfern, jedoch immer noch keine muslimischen Ansprechpartner haben, ist mehr als traurig. Muslimische Soldat:innen müssen sich derzeit bei seelsorgerischen Fragen an katholische oder protestantische Geistliche wenden. Das ist allemal besser als gar keine Betreuung. Dennoch ist es eine Ungleichbehandlung, die es zu verbessern gilt. Die Nachfrage nach muslimischen Militärseelsorgern ist nicht von der Hand zu weisen. Die Politik muss hier endlich ein Zeichen setzen.

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