Die medizinische Sprecherziehung bei Kindern ist weit mehr als die Therapie von Lispeln und Stottern. Logopäden behandeln eine Vielzahl an Störungen, die im Säuglings-, Kindes- und Jugendalter auftreten können. Es gibt unterschiedliche Verfahren.

Sprachstörungen bei Kindern können vielfältiger Natur sein: ob es sich um organisch-funktionelle, bisweilen angeborene Beeinträchtigungen handelt, oder einfach um Auffälligkeiten beim Spracherwerb oder in der normalen Sprachentwicklung. Wenn Kinder sich nicht altersgemäß artikulieren, sprechen oder schlucken können, sind Logopädie, Sprachförderung und Sprachtherapie eine wertvolle Unterstützung. Dieser Beitrag gibt einen kurzen Überblick über das Spektrum an Sprachstörungen bei Kindern und die Möglichkeiten logopädischer Behandlung.

Ursprünge der Logopädie und Anwendungsgebiete

Die Ursprünge der Logopädie, auch Sprecherziehung oder medizinische Sprechkunde genannt, liegen in Deutschland weit über 130 Jahre zurück. Doch die offizielle Berufsbezeichnung des Logopäden gibt tatsächlich erst seit den 50er Jahren.

Logopädie als medizinische Teildisziplin wird für Menschen in jeder Lebensphase angewandt und unterteilt sich in die vier Arbeitsgebiete Sprachstörungen, Sprechstörungen, Stimmstörungen und Schluckstörungen. Behandelt werden darüber hinaus auch komplexe Störungen mit Mehrfachsymptomatik, zu denen z.B. Autismus, Dysarthrie, Hörstörungen oder auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen zählen.

Die logopädische Einzeltherapie gestaltet sich nach der vorliegenden Beeinträchtigung. Darüber hinaus bieten viele Logopäden auch Sprachtherapie im Kindergarten an.

Sprachfehler? Übersicht der Störungsbilder bei Kindern

Neben dem klassischen Stottern und Lispeln, die allgemein und weithin bekannt sind, gibt es eine Reihe weiterer Sprachstörungen, die eine logopädische Behandlung benötigen – oder zumindest davon profitieren.

So können z.B. organisch oder funktionell verursachte Probleme der Stimme oder beim Schlucken vorliegen – etwa bei Säuglingen und Kleinkindern, die Schwierigkeiten bei der Nahrungsaufnahme haben. Aber auch beim Down-Syndrom (Trisomi 21), bei der Lippen-Kiefer-Gaumenspalte (LKGS), bei Hörproblemen oder motorischen Behinderungen ist das Sprechvermögen häufig beeinträchtigt und eine Behandlung durch einen Logopäden sinnvoll.

Im späteren Kindesalter kann es zu Störungen beim Spracherwerb und im Redefluss kommen, z.B. in Form der Lese-Rechtschreib-Schwäche, bei der Aussprache oder durch Stottern. Ein Sonderfall sind zudem unfallbedingte Verletzungen am Gehirn, die sich auf das Sprach- und Sprechvermögen auswirken.

Im Fokus: Sprach- und Sprechstörungen

Sprachentwicklungsstörungen (SES) betreffen in erster Linie das kommunikative Sprachverständnis, den Wortschatz und die Grammatik – und können somit sowohl beim Kleinkind auftreten, das seine Sprachkompetenzen gerade erst erwirbt, als auch beim älteren Kind oder Teenager. Häufige Gründe für SES sind Hörstörungen, Mittelohrentzündungen, aber auch Behinderungen. Nicht in allen Fällen ist die Ursache jedoch abklärbar: rund 8 Prozent der Vorschulkinder sind von einer SES mit nicht erkennbarer Ursache betroffen, so der Deutsche Bundesverband für Logopädie (dbl).

Sprechstörungen sind Schwierigkeiten bei der Laut-, Wort- und Satzbildung wie z.B. Stottern oder Poltern. Auffälligkeiten bei der Artikulation können mitunter auch auf eine Hörstörung zurückzuführen sein. Aussprachestörungen – ob bedingt durch Sprechtempo und -motorik, wiederholte oder abgebrochene Laute, Silben, Wörter und Satzteile – treten laut dbl bei rund 13,5 Prozent der 4- bis 6-jährigen Kinder auf.

Stimm- und Schluckstörungen im Profil

Ein weiteres Behandlungsfeld der Logopädie sind Störungen der Hals- und Gesichtsmuskulatur rund um Mund, Wangen, Lippen und Zunge. Ist z.B. die Zunge sensorisch oder motorisch eingeschränkt, nicht agil genug oder in der falschen Position kann es nicht nur beim Sprechen, sondern auch beim Schlucken zu Schwierigkeiten kommen. Ebenso problematisch kann es sein, wenn die Zunge gegen die Zähne stößt, der Mund nicht komplett schließt oder eine generelle Dysbalance der am Schlucken beteiligten Muskeln vorliegt.

All diese Ursachen können eine deutliche Artikulation beim Kind erschweren und führen nicht selten auch zu Fehlstellungen an Zähnen und Kiefer. Begünstigt werden können Schluckstörungen im Kindesalter, wenn ein Down-Syndrom vorliegt oder durch Frühgeburt, Fehlernährung bei Flaschenfütterung, aber auch durch Mundatmung, Gewohnheiten wie Daumenlutschen und chronische HNO-Erkrankungen.

In der Summe werden diese Symptomatiken als Myofunkionelle Störungen bezeichnet. Laut dem Deutschen Bundesverband für Logopädie zeigten bei einer Untersuchung im Jahr 2015 knapp 20 Prozent von 100 Kindern im Vorschulalter (5 bis 7 Jahre) derartige Auffälligkeiten beim Schlucken und Sprechen.

Darüber hinaus treten bei einigen Kindern und Jugendlichen auch Stimmstörungen auf wie z.B. anhaltende Heiserkeit oder das Wegbleiben der Stimme – ohne, dass eine Erkältung vorliegt. Auch in diesen Fällen macht es Sinn, von medizinischer Seite abzuklären, ob es organische Ursachen gibt und beim Logopäden vorzusprechen.

Wann ist der Gang zum Logopäden sinnvoll?

Der Kinderarzt ist eine erste Anlaufstelle bei Verdacht auf mundmotorische Einschränkungen oder eine vorliegende Sprech- oder Schluckstörung. Darüber hinaus können unsichere Eltern auch den Zahnarzt, HNO-Arzt oder Kieferorthopäden konsultieren. Mit Sprachdiagnostik und verschiedenen Testverfahren kann so schnell festgestellt werden, ob die Sprachstörung eine Behandlung erforderlich macht.

Wie sieht eine logopädische Kinderbehandlung aus?

Im Vorfeld der logopädischen Kindertherapie steht im Regelfall das Anamnesegespräch mit den Eltern: hierbei werden bedeutsame Ereignisse im Leben des Kindes, dessen Lebensbedingungen, mitunter auch Ernährungs- und Essgewohnheiten, abgefragt.

Dem schließt sich eine Untersuchung am Kind mit Freispiel unter Verwendung verschiedener Materialien und Tests wie z.B. dem Sprachentwicklungstest und gegebenenfalls auch Screenings an. Je nach Symptomatik sieht sich der Logopäde den Zustand der Zähne an und prüft die Artikulation und Laute des Kindes. Zungen-Kontaktstellen können mittels fluoreszierender Farbe sichtbar gemacht werden. Darüber hinaus wird der Logopäde die Funktionen der am Sprechen oder Schlucken beteiligten Muskeln testen.

Im Anschluss erstellt der Logopäde einen Therapieplan, der die Sprach-, Sprech-, Stimm- oder Schluckprobleme des Kindes als Ausgangspunkt nimmt. Dabei arbeitet der Logopäde einerseits mit direkten Methoden, d.h. dem Kind sind die Störungssymptome bewusst und es hilft bei der Behandlung mit. Andererseits kommen häufig auch indirekte Methoden wie Freispiel und Kommunikation zum Einsatz, ohne dass sich das betroffene Kind seiner Störungen bewusst ist.

Nicht selten arbeiten Logopäden eng verzahnt mit Zahnärzten, HNO-Ärzten, Kieferorthopäden, dem Kinderarzt oder Physiotherapeuten.