Die Eltern von Diyarbakır protestieren vor der Zentrale der PKK-nahen „Demokratischen Partei der Völker“ (HDP) gegen die Zwangsrekrutierung ihrer Kinder.

„Mütter von Diyarbakır“ kämpfen um ihre Kinder

Vor rund einem Jahr, am 3. September 2019, begann eine kurdische Mutter in der südosttürkischen Stadt Diyarbakır einen Sitzstreik vor der Zentrale der PKK-nahen „Demokratischen Partei der Völker“ (HDP). Was als Einzelaktion einer verzweifelten Frau begann, entwickelte sich in der Folge zu einer regelrechten Bewegung. Immer mehr Kurden trauten sich, ihren Unmut gegen die HDP und die Terrororganisation PKK auszusprechen. Im weiteren Verlauf der Aktion nahmen auch kurdische Väter an dem Sitzstreik teil. Die Klage der Eltern richtete sich in erster Linie gegen die Verschleppung und Zwangsrekrutierung kurdischer Kinder und Teenager durch die Terrororganisation PKK und deren politischen Arm HDP. Auch wenn die HDP-Bezirksverwaltung die berechtigte Protestaktion als angebliches Komplott wertete, fand die Maßnahme der Mütter großen Anklang. Die Angehörigen, die vor der HDP-Verwaltung ausharrten, bekamen prominente Unterstützung aus verschiedenen Bereichen der Politik, Zivilgesellschaft, Kunst sowie Kultur, und zwar nicht nur aus der Türkei. So gab es zum Beispiel einen Solidaritätsbesuch des tschechischen Politikers und Abgeordneten des Europaparlaments, Tomas Zdechovsky. Auch eine Delegation aus Berichterstattern des Kongresses der Gemeinden und Regionen des Europarats (KGRE), allen voran Jakob Wienen und Yoomi Renström, erkundigte sich bei den Eltern. Überdies erhielten die Mütter und Väter Besuch von neun der in Ankara akkreditierten Botschafter*innen aus Asien und Europa. Eines der emotionalsten Momente war wohl der Beistandsbesuch der sogenannten „Mütter von Srebrenica“, die selbst ihre Kinder durch den von serbischen Paramilitärs verübten Völkermord im Bosnienkrieg verloren hatten.

15 Kinder konnten zu ihren Familien zurück

Nach fast einem Jahr des demokratischen Protests ist die Anzahl der Teilnehmer*innen, die weiterhin vor der Parteizentrale der HDP in Diyarbakır ausharren, auf 151 Personen angewachsen. Für einen Teil der Familien gab es eine positive Wendung: Ihr Aufschrei fand Gehör, sodass insgesamt 15 Kinder aus den Fängen der Terrororganisation PKK befreit werden konnten. Seit dem 1. Januar 2020 haben sich darüber hinaus insgesamt 144 bewaffnete Terroristen den türkischen Sicherheitsbehörden ergeben.

Proteste von Kurden gegen PKK auch in Europa

Die Proteste der Eltern von Diyarbakır haben sich inzwischen ausgeweitet. Bereits seit November 2019 versucht die kurdische Mutter Maide T., die deutsche Öffentlichkeit auf die Situation ihrer Tochter Nilüfer, die von der terroristischen PKK verschleppt wurde, aufmerksam zu machen. Nachdem die Mutter mehrere Wochen vor dem PKK-nahen Verein „Navenda Kurdistan“ in Berlin protestiert hatte, entschied sie sich im März 2020, ihren Protest vor dem Reichstagsgebäude, dem Kanzleramt sowie dem Brandenburger Tor fortzuführen. Damit beabsichtigte die verzweifelte Mutter, die Unterstützung der Bundesregierung zu gewinnen. Sie sagte, sie erhoffe sich, mithilfe von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) oder Innenminister Horst Seehofer (CSU) Kontakt zu ihrer Tochter herzustellen und sie zu retten. Sie werde ihre Aktion jeden Freitag wiederholen, bis ihre Tochter wieder daheim sei. Über positive Nachrichten oder zumindest Beistand aus der Politik gibt es derzeit bedauerlicherweise keine Meldungen. Nur so viel: Maide T. sagte in einem kürzlich erschienenen Zeitungsinterview, dass sie mit einigen Behördenvertretern Kontakt hatte, die ihr jedoch wenig Hoffnungen gemacht haben sollen. Sie habe zu hören bekommen, dass die Tochter aufgrund ihrer Volljährigkeit nun angeblich selbst für sich verantwortlich sei. Die Mutter klagte, hier werde mit zweierlei Maß gemessen: Von der DAESH (ISIS) zwangsrekrutierte Terroristen würden ganz anders behandelt als Terroristen der PKK.Die kurdische Mutter, die die PKK auf einem selbstentworfenen Plakat als „Virus“ bezeichnete, möchte dennoch nicht aufgeben. Ein ähnlicher Fall in Großbritannien mache ihr weiterhin Mut. Dort haben Behörden einer Dame, deren Tochter ebenfalls von der PKK entführt wurde, dabei geholfen, diese aus der Gewalt der Terrororganisation zu befreien.

Zentralrat der Jesiden in Deutschland verurteilt PKK

In europäischen Medien ist zudem oftmals davon die Rede, dass die in Irak, Syrien oder der Türkei lebende Gemeinschaft der Jesiden in einer Art Waffenbrüderschaft für die PKK kämpfe und diese nahezu bedingungslos unterstütze. Dieser falsche Eindruck scheint sich jedoch durch einige öffentliche Verlautbarungen von jesidischen Organisationen als fragwürdig bzw. strittig herauszustellen: So verurteilte der Zentralrat der Jesiden in Deutschland (ZED) in einer kürzlich bekannt gewordenen Pressemitteilung vom 16. August 2020 die Rekrutierung und Zwangsverschleppung von Jugendlichen und minderjährigen Kindern durch die terroristische „YBS“ (eine Splittergruppe der PKK) und forderte diese auf, die Entführungsopfer „unverzüglich freizulassen“.

Kindersoldaten der PKK

Die PKK bilde die verschleppten Jesiden zu Kindersoldaten aus, bringe sie gegen ihren Willen ins Kandil-Gebirge und indoktriniere sie dort ideologisch. In der Mitteilung beklagte sich darüber hinaus der stellvertretende Bundesvorsitzende des Zentralrates der Jesiden, Said Saydo, über die Instrumentalisierung der jesidischen Gemeinschaft durch die PKK. Der Arzt verlangte die sofortige Rückkehr von zwangsrekrutierten Angehörigen. Dass die verschleppten Kinder zu Kanonenfutter missbraucht würden, war ein weiterer Punkt, worauf der Funktionär des ZED hinwies. „Die Rekrutierung von Kindern unter 15 Jahren gilt zudem als Kriegsverbrechen. Wir werden dies nicht hinnehmen und unserem Volk in noch so schwierigen und dunklen Zeiten bedingungslos beistehen“, sagte der Vertreter der Jesiden in Deutschland. In Shingal, dem traditionellen Siedlungsgebiet der Jesiden, dauern derweil die Proteste der ethnisch-religiösen Gemeinschaft, die ihre Kinder von der kriminellen PKK zurückbekommen möchte, seit mehreren Wochen an. Allein in Nordsyrien, wo die PKK unter verschiedenen Bezeichnungen firmiert, entführe die Terrororganisation jeden Monat im Schnitt etwa 100 Kinder, die Jüngste unter den Verschleppten sei erst elf Jahre alt. Dies löst natürlich bei kurdischen Großfamilien großen Unmut aus. Sogar der Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen oder Behörden der USA missbilligen in ihren Berichten die verbrecherischen Maßnahmen der PKK.

Im Fokus der deutschen Behörden

Auch in Deutschland steht die Organisation, die terroristische Konflikte ins Land importiert, schon seit Jahrzehnten unter verstärkter Beobachtung. Den Sicherheitsbehörden zufolge dient Deutschland der hier seit 1993 verbotenen PKK in erster Linie als Rückzugs-, Refinanzierungs- und Rekrutierungsraum. Seit 1993 haben die Behörden auf Bund- und Länderebene über 52 Organisationen verboten, die der PKK zugerechnet werden. Die PKK ist in Deutschland nach Angaben des Bundesinnenministeriums mit etwa 14.500 Anhängern die „mit Abstand mitgliederstärkste extremistische Ausländerorganisation“.

Kurden nicht der PKK ausliefern

Weder in Deutschland noch in anderen Ländern dürfen kurdische und kurdischstämmige Menschen, die sich der PKK-Rekrutierung widersetzen, allein gelassen oder gar terroristischen Vereinigungen bzw. ihren politisch-legalistischen Armen ausgeliefert werden. Deshalb kommt dem gegenseitigen Kontakt, dem respektvollen Dialog und der vertrauensvollen Zusammenarbeit mit diesen Personen eine enorme Bedeutung zu. Eine emphatische Vorgehensweise kann gleichfalls in eine gute Prävention münden. Ein Zusammenspiel aus Politik, Sport, Kunst, Kultur, Medien und Zivilgesellschaft kann dabei behilflich sein, verschleppte Kinder aus den Fängen von Terrororganisationen zu befreien. Manche Staaten gehen hier mit gutem Beispiel voran. Und die anderen? Diese dürfen sich von den gelungenen Beispielen gerne eine Scheibe abschneiden.

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