02.03.2022, Nordrhein-Westfalen, Köln: Hohe Preise für Benzin und Diesel werden an einer Tankstelle angezeigt. Die hohen Preise für Treibstoffe und Energie treiben die Inflation. (DPA)
Folgen

Dies hatten die meisten Ökonomen nicht erwartet: Durch den Krieg in der Ukraine und die nicht zuletzt damit zusammenhängende Verteuerung bei den Energiepreisen ist die Inflation in Deutschland im März weiter nach oben geschnellt. Die Verbraucherpreise stiegen auch im dritten Monat des neuen Jahres laut Schätzungen des Statistischen Bundesamts gegenüber dem Vorjahresmonat um 7,3 Prozent. Das war der höchste Inflationswert seit 40 Jahren und deutlich über dem Ziel der Europäischen Zentralbank (EZB), die eine Preissteigerung von etwa zwei Prozent anstrebt. Zum Vergleich: Im Februar hatte die Teuerungsrate noch bei 5,1 Prozent und im Januar knapp darunter, bei 4,9 Prozent, gelegen. Voriges Jahr betrug die Inflation für das gesamte Jahr noch durchschnittlich 3,1 Prozent. Und noch ein weiteres Jahr davor, im Jahr 2020, lag die Preissteigerungsquote bei lediglich 0,5 Prozent. Für das Gesamtjahr 2022 erwartet der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (Wirtschaftsweisen) eine Rekordinflation von 6,1 Prozent. Das wäre der höchste Wert seit der Wiedervereinigung. Eine höhere Inflation schmälert die Kaufkraft der Verbraucher, weil sie sich für einen Euro dann weniger leisten können.

Energiepreise Haupttreiber der Inflation

Die Preise für Energie, also Haupttreiber der Teuerung wie Erdgas und Mineralölprodukte, sind im Vergleich zum März 2021 sogar um 39,5 Prozent angestiegen. Besonders drastisch erhöhten sich die Heizölpreise, gefolgt von Diesel und Benzin. Was bei manchem Autofahrer für große Augen sorgte, war die Tatsache, dass an den Zapfsäulen der Preis für Dieselkraftstoff sogar den für Benzin überholte. Verantwortlich für die hohen Energiepreise ist allerdings auch die CO₂-Abgabe, die seit Jahresanfang je Tonne 30 Euro kostet. Die Mehrbelastung soll schrittweise auf bis zu 55 Euro im Jahr 2025 steigen. Für das Jahr 2026 soll ein Preiskorridor von mindestens 55 und höchstens 65 Euro gelten. Beim Benzin macht sich die CO₂-Abgabe mit etwa 8,4 Cent und beim Diesel mit rund 9,5 Cent pro Liter bemerkbar. Außerdem kommt noch die Energiesteuer beim Tanken hinzu: Auf jeden Liter Benzin entfallen damit 65,45 Cent und auf jeden Liter Diesel 47,04 Cent. Eine weitere Abgabe auf Kraftstoffe ist die sogenannte Erdölbevorratungsabgabe, die glücklicherweise nur mit ca. 0,3 Cent je Liter zu Buche schlägt. Nicht zuletzt zahlen die Autofahrer noch den allgemeinen Satz der Mehrwertsteuer von 19 Prozent auf die Spritpreise. In Deutschland werden immer mehr Stimmen laut, die den niedrigeren Mehrwertsteuersteuersatz von sieben Prozent, die sonst für die meisten Lebensmitteln veranschlagt werden, jetzt auch für Spritpreise fordern. Andere europäische Staaten wie Belgien, Niederlande und Schweden haben bereits die Mehrwertsteuer für Benzin und Diesel gesenkt. In diesem Zusammenhang ist es wohl eine Ironie des Schicksals, dass die Grünen noch vor Jahren einen Benzinpreis von fünf DM forderten und jetzt Hauptakteur eines Entlastungspakets sind und den Spritpreis senken wollen.

Preisexplosion, Hamsterkäufe und Knappheit bei Nahrungsmitteln

Zudem sind die Preise für Grundnahrungsmittel wie Wasser, Brot, Nudeln, Sonnenblumen- und Speiseöl, Eier sowie Milch deutlich angestiegen. Manche dieser Produkte verteuerten sich um 15 bis 30 Prozent. Laut Statistischem Bundesamt wurden Nahrungsmittel um durchschnittlich 6,2 Prozent teurer. Verbraucher spüren das vor allem bei ihrem Wocheneinkauf. So hat Aldi, Preisangeber für fast alle Supermärkte und Discounter in Deutschland, vor einigen Tagen die Preise für fast 400 Produkte erhöht. Alle anderen Märkte zogen daraufhin die Preise ebenso an.

Bei manchen Nahrungsmitteln wie Eiern werden für den Sommer sogar Engpässe vorausgesagt. Andere Waren wie Sonnenblumenöl und Mehl fehlen bereits seit Wochen in den Supermarktregalen. Die Lebensmittelgeschäfte reagieren vergebens, den Verkauf von Speiseölen und Mehl zu beschränken. Die Maßnahmen können dem Hamstern und den leeren Regalen nicht entgegenwirken. Die Tatsache, dass die Ukraine einer der wichtigsten Weizen- und Sonnenblumenproduzenten weltweit ist, verschärfte die Lage zusätzlich. Nach Angaben des Verbands der ölsaatenverarbeitenden Industrie in Deutschland (OVID) stammen lediglich sechs Prozent des von Deutschland konsumierten Sonnenblumenöls aus dem eigenen Land. Die verbleibenden 94 Prozent werden demnach importiert.

Berechnungen des Statistischen Bundesamtes zufolge stiegen nur die Preise bei den Wohnungsmieten (+1,5 Prozent) und Dienstleistungen (+2,8 Prozent) etwas moderater gegenüber dem Vorjahresmonat.

Kaufkraftverlust und „Zombifizierung“ der Wirtschaft

„Die Inflationswerte der kommenden Monate werden noch sehr starke Nerven erfordern“, prognostiziert Friedrich Heinemann vom ZEW-Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung. „Der Ukraine-Krieg macht uns alle ärmer, und ein Kaufkraftverlust ist ökonomisch unvermeidbar.“ Allerdings warnt der Ökonom auch vor zu breit angelegten Hilfsprogrammen für alle Menschen, da diese am Ende die Inflation weiter ansteigen ließen. „Es ist falsch, dass die Bundesregierung mit ihrem diffusen Hilfsprogramm so tut, als ob der Staat alle Bürgerinnen und Bürger kompensieren könnte. Zu begrüßen im Paket sind die gezielten Hilfen für einkommensschwache Haushalte.“ Überflüssig dagegen seien undifferenzierte Elemente wie das Energiegeld für alle Erwerbstätigen. „Die deutsche Fiskalpolitik war schon in der Corona-Krise nicht zielgenau genug. Dieser viel zu kostspielige Ansatz darf sich in der aktuellen Energiekrise nicht wiederholen“, so der Wirtschaftsexperte. „Sonst finanzieren wir am Ende die hohen Energiepreise ganz weitgehend durch zusätzliche Staatsverschuldung. Das wäre finanzpolitischer Unsinn.“ Ein zu langes Festhalten an Krisenpolitiken und Hilfsmaßnahmen begünstige eine sogenannte „Zombifizierung der Wirtschaft“.

Sozialverträgliche Entlastungspakete nötig

Gewiss: Soziale Benachteiligungen durch die Inflation müssen ebenso sozialverträglich abgefedert werden. Das Gießkannenprinzip der Ampelkoalition, welches Menschen begünstigt, die es überhaupt nicht nötig haben, ist jedoch alles andere als ein sozialer Lösungsweg. Diese Schieflage muss den Verantwortlichen auffallen. Und obendrein wird dadurch nicht nur die Geldentwertung vorangetrieben, sondern auch der Staatshaushalt durch immer mehr Schuldenaufnahme in den Ruin getrieben.

Rezession und zweistellige Inflationsraten nicht auszuschließen

Derweil sieht der Sachverständigenrat trübe Aussichten auf Deutschland zukommen. Der Wirtschaftsweise Volker Wieland spricht von einem „substanziellen Risiko“ einer Rezession. Der Rat musste seine Prognose für die wirtschaftliche Entwicklung schon um fast drei Prozent drastisch nach unten korrigieren. Im Herbst hatte der Sachverständigenrat noch ein Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 4,6 Prozent vorhergesagt. Jetzt spricht man von nur noch 1,8 Prozent Wirtschaftsentwicklung. Und das ist noch optimistisch. Für die kommenden Monate werden sogar „zweistellige Inflationsraten“ nicht mehr ausgeschlossen. Es ist absehbar: Deutschland geht harten Zeiten entgegen.

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