Festzug vor dem Frankfurter Hauptbahnhof. (YTB)

Am 30. Oktober feiert das deutsch-türkische Anwerbeabkommen von 1961 sein 60-jähriges Jubiläum. Viele Türken immigrierten in Folge dieses Vertrags nach Deutschland. Heute bilden diese Menschen die größte ethnische Minderheit in der Bundesrepublik.

Die deutsch-türkischen Beziehungen erstreckten sich dabei hauptsächlich auf diplomatische, wirtschaftliche oder militärische Kontakte. Zutreffend ist hingegen die nach wie vor verbreitete Annahme, dass die Mehrheit der Türken im Zuge der Arbeitsmigration in die Bundesrepublik einreiste.

Von der Gefahr zur Faszination

Die Bezeichnung „Türke“ wird in historischen Zeugnissen nahezu immer gleichgesetzt mit Muslimen. „Die Türken“ waren es, die im Mittelalter und während des Osmanischen Reiches zunächst als Bedrohung wahrgenommen wurden. In der Frühen Neuzeit war diese „Reich- und Türkengefahr“ noch fest verankert im Bewusstsein der Europäer. Nach der Zweiten erfolglosen Belagerung Wiens 1683, den verlustreichen Schlachten sowie dem allmählichen Rückzug „der Türken“ aus dem Balkan wandelte sich die sogenannte „Türkengefahr“ zu einer Faszination, sodass man von einer „Türkenmode“ sprach. Erst zu diesem Zeitpunkt konnte sich in Europa ein Exotismus und Orientalismus entwickeln.

Die ersten Türken in Deutschland waren Kriegsgefangene

Während sich die deutsch-türkischen Beziehungen bis zu den Kreuzzügen zurückdatieren lassen, gilt das Jahr 1683 als zentrales Datum für die beidseitigen Berührungen zwischen Deutschen und Türken. Während der Zweiten Wiener Türkenbelagerung 1683, bei der mehrere Tausend deutsche Hilfstruppen verschiedener Fürstentümer den österreichischen Habsburgern zur Hilfe eilten, wurden nach Angaben des Würzburger Historikers Latif Çelik 1245 osmanisch-türkische Soldaten gefangengenommen und nach München verschleppt. Der Geschichtswissenschaftler Klaus Schwarz erwähnt zwar einige türkische Gefangene, die nach der Ersten erfolglosen Belagerung Wiens im Jahre 1529 von Deutschen nach Berlin gebracht wurden, geht aber nicht weiter auf diese ein. Das Schicksal der türkischen Kriegsgefangenen der Zweiten Wiener Belagerung, die auch als „Beutetürken“ in die Geschichte eingingen, ist dagegen detaillierter erfasst. Sie wurden im Laufe der Zeit entweder gegen deutsche Soldaten eingetauscht oder mussten Dienste in den deutschen Fürstenhöfen und Adelshäusern leisten. In den süddeutschen Fürstentümern mussten die Gefangenen mehrheitlich in den Tuchmanufakturen in der Nähe von München und Aue arbeiten. Die liberale jüdische Gemeinde zu München berichtet unter anderem von „Zwangsarbeit“ und dem Einsatz der türkischen Gefangenen bei verschiedenen Bauprojekten. Viele von ihnen wurden darüber hinaus, nachdem sie den christlichen Glauben angenommen hatten bzw. annehmen mussten, mit deutschen Frauen verheiratet. Historiker sprechen von einer „Assimilation“ der türkischen Soldaten, weil diese einerseits ihren Glauben, andererseits ihren muslimischen Namen aufgeben mussten, um in Sicherheit leben zu können. Durch Namensänderung und Taufe wurde das türkische Leben in Deutschland in den Kirchenbüchern und Chroniken dokumentiert und stellt noch heute eine wichtige Quelle für Historiker dar. Zu diesen Zeugnissen türkischer Präsenz in Deutschland zählen außerdem Grabsteine, z.B. die Grabmale auf dem Friedhof im westfälischen Brake (heute Lemgo) oder auf dem Neustädter Friedhof in Hannover.

Türkische Spuren in Deutschland

Überdies gab es eine bedeutende Anzahl türkischer Kammerdiener, die an den zahlreichen Königs- oder Fürstenhöfen in Deutschland tätig waren. Einer von diesen ist der bei einer Schlacht gefangengenommene Osmane Mehmet, der später als Ludwig Maximilian Mehmet („Mehmet von Königstreu“) Aufnahme in die Familie eines bekannten hannoverschen Adelsgeschlechts fand, nachdem er mit der adligen Marie Hedewig Wedekind vermählt worden war. Einer seiner beiden Söhne gehörte 1746 zu den Begründern der ersten Freimaurerloge in Hannover. In derselben Stadt avancierte der Türke Ali im frühen 18. Jahrhundert unter dem Namen Georg Wilhelm zum Infanterieoffizier und Oberst. Zudem gab es getaufte Türken in Hildesheim, die sich für ein Leben als Mönch entschieden hatten. Ferner waren nicht wenige Osmanen als Boten, Diener, Portiers oder Kutscher deutscher Fürsten und Könige beschäftigt. Dennoch gab es zahlreiche Türken, die an ihrem Glauben festhielten und als Muslime in Deutschland verstarben. Somit kann gesagt werden, dass türkische Muslime erstmals in Folge der kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen dem Osmanischen Reich und den christlich-deutschen Truppen auf Dauer in das Gebiet des heutigen Deutschland kamen.

Erste türkisch-muslimische Gemeindegründung auf deutschem Boden im Jahre 1732?

Der 2016 verstorbene Journalist und Direktor des „Zentralinstitut Islam-Archiv Deutschland“, Muhammad Salim Abdullah, datiert den Beginn der türkischen und islamischen Geschichte in Deutschland auf das Jahr 1731:

„Man kann die Geschichte des Islam in Deutschland zurückverfolgen bis in die Regierungszeit des Preußenkönigs Friedrich Wilhelm I. (1713-1740), bis zu jenen zwanzig ‚türkischen’ Gardesoldaten, die der Herzog von Kurland im Jahre 1731, also vor mehr als 250 Jahren, seinem König zum Geschenk machte. Friedrich Wilhelm I. hatte für sie 1732 am Langen Stall in Potsdam einen Saal als Moschee herrichten lassen. Er legte großen Wert darauf, daß ‚seine Mohammedaner’ ihren religiösen Pflichten nachgingen.“

Für Abdullah stellt diese Datierung die erste türkisch-muslimische Gemeindegründung in Deutschland dar. Deshalb sieht er den Islam auch als einen genuinen Bestandteil der deutschen Geschichte an. Dieser These Abdullahs widerspricht allerdings der Theologe Thomas Lemmen massiv, indem er deutlich macht, eine muslimische Präsenz in Preußen sei nur von kurzer Dauer gewesen. Er erwidert in seiner Dissertation Abdullah:

„Von einem Daueraufenthalt, geschweige einer Gemeindegründung kann keine Rede sein, und alle sich darauf berufenden Ansprüche müssen daher zwangsläufig als fiktiv betrachtet werden.“

Diplomatische Beziehungen zwischen Preußen und dem Osmanischen Reich

Diplomatische Kontakte zwischen Preußen und dem Osmanischen Reich blieben im frühen 18. Jahrhundert zunächst geheim, weil Preußen seine Beziehungen zu den benachbarten polnischen Stämmen sowie Russen und Österreichern nicht gefährden wollte. Erst 1756 wurde Karl Adolf von Rexin, ein ehemaliger Händler und Kriegsgefangener im Osmanischen Reich, als erster außerordentlicher Botschafter Preußens nach Istanbul geschickt. Um die diplomatischen Kontakte zu festigen, unterzeichneten beide Staaten 1761 das erste deutsch-türkische Handelsabkommen, das auch als „Freundschafts- und Handelsvertrag“ bezeichnet wurde. Für den Duisburger Historiker Klaus Schneiderheinze wurde hiermit „der Grundstein der preußisch-deutschen Beziehungen zum Osmanischen Reich“ gelegt. Diese Kontakte gipfelten 1763 vorerst in der ständigen Gesandtschaft des osmanischen Botschafters Ahmed Resmi Efendi in Berlin. Als 1798 der dritte osmanische Gesandte, Ali Aziz Efendi, verstarb, wurde er in der Tempelhofer Feldmark beigesetzt. Diesen Ort stellte König Friedrich Wilhelm III. der osmanischen Botschaft zur Verfügung. Nach weiteren Bestattungen von türkischen Diplomaten an dieser Stelle wurde an dem Ort eine Kaserne errichtet, sodass die sterblichen Überreste auf den heute noch bestehenden türkischen Friedhof am Berliner Columbiadamm überführt werden mussten. Heute steht neben dem Friedhof eine große Moschee mit Minaretten, die so genannte Şehitlik-Moschee (Märtyrer-Moschee), deren Bau 2006 durch eine Einweihungsfeier abgeschlossen wurde, bei der sich unter den geladenen Gästen auch die bald scheidende Bundeskanzlerin Angela Merkel befand.

Die Existenz der Türken in Deutschland bzw. den damaligen deutschsprachigen Gebieten und Fürstentümern verdeutlicht, dass das türkische Leben in Deutschland nicht erst mit dem Anwerbeabkommen von 1961, sondern Hunderte Jahre zuvor begann – auch wenn die Präsenz zahlenmäßig nicht miteinander zu vergleichen ist.

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