Der selbsternannte "neue Tempelritter" Anders Breivik wollte mit seinem Massenmord am 22. Juli 2011 in Oslo und Utoya ein Zeichen für eine „Reconquista“ setzen, die bis zum Jahr 2083 abgeschlossen sein sollte.  (AFP)

von Till C. Waldauer

Am vergangenen Donnerstag jährte sich zum zehnten Mal der Terrorakt des norwegischen Rechtsextremisten Anders Breivik, der in Oslo und auf der Insel Utoya insgesamt 77 Menschen tötete. Wie aus dem 1500 Seiten langen „Manifest“ mit dem Titel „2083 - Eine europäische Unabhängigkeitserklärung“ hervorging, das Breivik hinterließ, wollte dieser mit seiner Tat die Europäer auf die vermeintliche Gefahr der „Islamisierung“ aufmerksam machen, die diesen drohe, und sie mit seinem Beispiel aufrütteln.

Zum Teil ist ihm dies, wie die darauffolgenden Jahre zeigten, auch gelungen. Nicht nur in Deutschland, auch in mehreren anderen Ländern der westlichen Welt ist es wiederholt zu Morden und Terrorakten mit teilweise Dutzenden Toten gekommen, die deutliche Gemeinsamkeiten mit jenen von Breivik aufwiesen.

Vom US-amerikanischen Chapel Hills 2015 über den Münchner Olympiapark 2016 über das Massaker von Christchurch bis hin zu den Terrorakten in Halle und Hanau waren immer wieder sogenannte einsame Wölfe involviert: alleinstehend, aus defizitären Familien, am eigenen Schreibtisch über das Internet radikalisiert, getrieben von tiefsitzender gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit und einem ideologisch unterfütterten Erlöserkomplex. Häufig haben die Täter auch „Manifeste“ hinterlassen, in denen sie ihre Beweggründe erläuterten und Taten rechtfertigten.

Terroristen sollten unauffälliges Leben führen

Zwar hatten Rechtsterroristen auch schon vor Breivik einige seiner Vorgehensweisen und Taktiken praktiziert. So hatte bereits das Terrortrio des NSU während seiner Mordserie bewusst darauf gesetzt, unter dem Radar der Öffentlichkeit zu bleiben, und eine Art nachgelagerten Bekennertums angewendet: Erst mit dem Ende der Terrorserie durch Tod der Protagonisten oder Ergreifung durch die Polizei sollten auch die dazugehörigen Bekenntnis-Botschaften an die Öffentlichkeit gelangen.

Bis dahin sollten, so das Konzept, wahllos und in größeren zeitlichen Abständen willkürlich Menschen getötet werden, ohne dass durch Bekennerschreiben oder ähnliche Botschaften die Spur auf die extreme Rechte gelenkt werde. Dieser Schlachtplan wurde in den „Turner Diaries“ des US-Neonazis William Pierce ausgebreitet – er sollte dem Umstand Rechnung tragen, dass Polizei und Staatsanwaltschaften bei Morden stets erst das persönliche Umfeld der Opfer untersuchten und die Ermittlungen umso schwieriger wären, je weniger zuvor ein Bezug zwischen Täter und Opfer bestanden habe.

Parallelen und Unterschiede zum NSU

Wie der NSU blieb auch Breivik von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt. Er gab ein eher randständiges Gastspiel in der „Fortschrittspartei“, betrieb ökologischen Landbau und postete unter Pseudonym Beiträge in dem extremistischen „Nordisk“-Internetforum. Darin hielten sich Anhänger der „populistischen“ Parteien skandinavischer Länder ebenso auf wie bekennende Neonazis. Aus diesem war er wohl auch mit dem Konzept der „Turner Diaries“ vertraut, weil Nutzer dazu einen Thread angelegt hatten.

Es gab jedoch neben Überschneidungen auch Unterschiede zum „altrechten“ Terrorismus, wie ihn etwa der Oktoberfest-Attentäter Gundolf Köhler, spätere NPD-Kader wie Peter Naumann und Manfred Roeder oder auch der NSU praktizierten.

Diese beziehen sich vor allem auf die ideologischen Grundlagen. Dem traditionellen Neonazi-Spektrum ging es vor allem um eine Rehabilitierung des historischen Nationalsozialismus und die Fortführung des von diesem propagierten biologistischen Rassismus.

Breivik hingegen war das Produkt eines verrohten und radikalisierten Bürgertums, das zu der extremen Rechten der Nachkriegszeit Distanz hielt. Dieses sprach jedoch umso mehr auf kulturrassistische Überlegenheitsvorstellungen an in einem Europa, das seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges seine Weltmachtstellung eingebüßt hatte und nun auch noch mit demografischen und kulturellen Veränderungen konfrontiert war, die das eigene Selbstverständnis erschütterten.

Alter Rassismus in neuen Schläuchen

Die Anschläge vom 11. September 2001 kultivierten für diese verunsicherte gesellschaftliche Mitte nun ein neues Narrativ, das bereits Anfang der 1990er Jahre in der Vorstellung Samuel P. Huntingtons von „Zusammenprall der Kulturen“ erste Andeutungen erfahren hatte.

Anders als in der alten extremen Rechten spielten antiwestliche Ressentiments oder ein revisionistisches Geschichtsbild keine Rolle mehr. Die „Islamkritik“ betonte vielmehr gerade, die „emanzipatorischen“, säkularistischen Errungenschaften der westlichen „Aufklärung“ gegen die vermeintlich rückständige islamische Welt verteidigen zu wollen, die sich in Form von Einwanderern aus islamischen Ländern auch noch als „fünfte Kolonne“ im Westen einniste und sich nicht an deren „überlegene Werte“ anpassen wolle.

Einige Parteien der extremen Rechten versuchten sich bei dieser Gelegenheit auch von eigenen antisemitischen Traditionen reinzuwaschen, indem sie sich als vermeintliche Freunde Israels und Verteidiger des Judentums ausgaben – zumindest, solange es nicht um Fragen wie religiöse Schlachtungsriten oder die Beschneidung ging. Blogs wie „Politically Incorrect“ (PI) oder „Fjordman“ versuchten auf diese Weise, extreme Positionen in der Mitte anschlussfähig zu machen – und hatten teilweise damit auch Erfolg.

Dabei wurde pauschal gegen den Islam als Religion und Einwanderer aus muslimischen Ländern agitiert, wobei Thesen und Parolen, die man aus europäischen antijüdischen Pamphleten des 19. und 20. Jahrhunderts kannte, teilweise 1:1 übernommen wurden, nur dass statt Juden nun Muslime Zielscheibe des Hasses waren. Die Botschaft lief darauf hinaus, dass die westliche Zivilisation vor einer Art apokalyptischem Endkampf gegen den Islam stehe, und notfalls bereit sein müsse, Gewalt anzuwenden.

Sarrazin und Kelek kultivierten Ressentiments in mediengerechter Form

Am 29. August 2005 trafen Blogger aus dem PI- und „Achse des Guten“-Umfeld und Journalisten des Axel-Springer-Verlages bei einem „prowestlichen Heimatabend“ auf dem Münchner Nockherberg zu einem offenbar sehr fruchtbaren Gedankenaustausch zusammen.

In dieser Zeit Mitte der 2000er wurden auch Persönlichkeiten wie Necla Kelek, Hamed Abdel-Samad oder Seyran Ates durch Talkshows gereicht, deren primäre Botschaft lautete, der Islam sei der alleinige Grund für Terrorismus, Gewalt oder alle erdenklichen sozialen Missstände, weshalb er notfalls per Fußtritt in die Moderne katapultiert werden müsse.

Aggressive, pauschalisierende Agitation gegen den Islam und muslimische Einwanderer wurden fortan nicht mehr nur auf randständigen Blogs, sondern besonders offensiv auch in etablierten Leitmedien artikuliert. Hinzu kamen durchsichtige Kampagnen wie die Solidaritätskampagne mit „Marco W.“. 2007 wurde dabei eine „Wir-gegen-die“-Atmosphäre mit Blick auf die türkische Community geschaffen und 2010 gelang dem Ex-Finanzsenator und Bundesbankvorstand Thilo Sarrazin mit dem kulturrassistischen Pamphlet „Deutschland schafft sich ab“ ein Publikums- und Verkaufserfolg.

Mitte radikalisiert sich im Zeichen der „Islamkritik“

In all diesen Jahren radikalisierte sich die bürgerliche Mitte auch in sozialen Medien, was daran zu bemerken war, dass selbst Personen, die im normalen Leben niemandem als radikal aufgefallen wären, in sozialen Medien Beiträge teilten und positiv kommentierten, die offen zum Hass gegen Muslime anstachelten.

Mit Fortdauer der Zeit hatte sich eine Art memetischer Untergrund auch in Teilen der gesellschaftlichen Mitte bis hin zur Linken gebildet, in dem der Islam und muslimische Einwanderer als Feindbild und Bedrohung aufgebaut wurden. Hass auf Muslime wurde mainstreamtauglich. Von dieser Grundlage aus steigerten sich Breivik und weitere spätere Terroristen in einen Wahn, der sie am Ende zur Überzeugung brachte, selbst „Hand anlegen“ zu müssen.

In einigen Fällen wie dem Christchurch-Attentäter kamen zusätzlich noch ökofaschistische Ideologie-Elemente dazu, die apokalyptische Erzählungen etwa über eine angebliche „Überbevölkerung“, zu der Muslime mit ihrem Gebärverhalten beitrügen, zur Grundlage für gruppenbezogenen Menschenhass machten.

Bis Mitternacht sahen Medien noch „islamische Handschrift“ hinter Breiviks Terror

Am Tag des Anschlags hatte es übrigens lange gedauert, bis die ersten Medien den rechtsextremen Beweggrund hinter dem Massenmord kommunizierten. Nachdem um 15.35 Uhr die Bombe in Oslos Regierungsviertel detoniert war, griff Reuters die Meldung erstmals etwas mehr als eine Stunde auf – inklusive eines Hinweises auf eine „Drohung von Al-Kaida“, deren Anführer Osama Bin Laden knapp zweieinhalb Monate zuvor von einem US-Spezialkommando in Pakistan getötet worden war.

Um etwa 17.30, fast zeitgleich mit den ersten Meldungen von Schüssen in Utoya, mutmaßt „Spiegel online“ einen Zusammenhang mit den „Mohammed-Karikaturen“ von Mitte der 2000er Jahre in Dänemark. Noch bis etwa 22 Uhr schreiben zahlreiche namhafte Nachrichtenformate, hinter den Taten zeige sich eine „radikal islamische Handschrift“. Erst um 1 Uhr morgens gibt der norwegische Sender TV2 offiziell bekannt, dass ein radikaler Islamgegner hinter dem Terror steckt.

Dass es mit dem NSU bereits über Jahre hinweg einen Prototyp jenes Rechtsterrorismus neuen Typs gegeben hatte, den Breivik repräsentierte, sollte die Welt erst weitere knapp fünf Monate später im November 2011 erfahren. Auch hier konnte, ehe die Wahrheit ans Licht kam, nicht sein, was nicht sein durfte – und Ermittlungsbehörden hatten über Jahre hinweg im Umfeld der Terroropfer selbst ermittelt.

Eine der Begründungen lautete damals, dass die Brutalität, die von den Tätern an den Tag gelegt wurde, „atypisch für den deutschen Kulturkreis“ sei. Obwohl zu jenem Zeitpunkt seit Auschwitz nicht einmal 70 Jahre und Srebrenica noch keine 20 Jahre vergangen waren, hielt man Europäer offenkundig nicht mehr für fähig, aus Hass und ideologischer Verblendung heraus Massenmorde zu begehen. Ein folgenschwerer Akt der Selbsttäuschung.

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