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Preissteigerungen bei Energieträgern werden anhalten

Die Energiepreise in Deutschland sind in den letzten Monaten bei Erdöl, Erdgas und Strom deutlich gestiegen. Die Erhöhung der Energiekosten seit dem Jahreswechsel 2020/2021 lässt sich mit dem Auslaufen der Mehrwertsteuersenkung, dem neuen CO2-Preis, den Unternehmen für Emissionen bei Gebäuden und Verkehr zahlen müssen, sowie mit steigenden Großhandelspreisen begründen. Zudem haben sich Wirtschaft und Handel seit dem Frühjahr nach Ende des Lockdowns weltweit positiv entwickelt, sodass sich die Nachfrage nach Energie deutlich erhöht hat. Deutschland sieht derzeit keine Notwendigkeit für staatliche Eingriffe, um den steigenden Preisen entgegenzuwirken.

Auch für die kommenden Wintermonate müssen sich Verbraucher auf steigende Preise für Strom, Erdöl und Erdgas einstellen, obwohl schon jetzt historische Höchststände erreicht wurden. Bei Strom belaufen sich die Preise für die 2022er-Einkaufsverträge in einigen westeuropäischen Ländern auf über 100 Euro pro Megawattstunde. Das ist fast eine Verdopplung der Preise auf den wichtigsten Energiemärkten. Die Gründe dafür sind die Auswirkungen der höheren Preise für Kohle und Gas, die zur Stromgewinnung benötigt werden, sowie die 80-prozentige Kostensteigerung bei den CO2-Zertifikaten im Rahmen der Umsetzung der EU-Klimaziele bis 2030, die bis Ende des Jahres 90 Euro pro Tonne betragen könnten.

Des Weiteren ziehen die Preise für Erdöl weiter an. Die Nordsee-Sorte Brent stieg bereits auf knapp 80 US-Dollar je Fass (159 Liter). Damit erreicht sie den höchsten Stand seit drei Jahren. Gründe dafür sind eine Angebotsknappheit aufgrund von unwetterbedingten Produktionsausfällen im Süden der USA. Zudem fördern die OPEC-Mitgliedsländer und andere Produzenten weniger, als in den Förderquoten vereinbart wurde. Darüber hinaus steigt die Nachfrage nach Erdöl und verarbeiteten Ölprodukten an den Märkten.

Erdgas besonders betroffen

Erdgas, das in jedem zweiten deutschen Haushalt Anwendung findet, hat sich seit Jahresbeginn um zwölf Prozent für Verbraucher verteuert. Ein weiterer prognostizierter Preisanstieg basiert auf der geringeren Befüllung der Erdgasspeicher als in den Vorjahren. Die über ganz Deutschland verteilten unterirdischen Speicher gleichen vor allem in den Wintermonaten einen erhöhten Verbrauchsbedarf aus. In Kältezeiten werden bis zu 60 Prozent des Gasverbrauchs in Deutschland aus inländischen Speichern abgedeckt. 23 Milliarden Kubikmeter Gas können in den Speichern gelagert werden. Das ist etwas weniger als ein Viertel der jährlich in Deutschland verbrauchten Erdgasmenge. Derzeit sind sie zu weniger als zwei Drittel gefüllt. Die Gründe dafür sind, dass im vergangenen kalten Winter mehr geheizt wurde und dass das russische Energieunternehmen Gazprom aufgrund von Wartungsarbeiten und Waldbränden in Sibirien weniger Erdgas lieferte. Es gibt deshalb auch Energieexperten, die kritisieren, dass die größten Erdgasspeicher in Deutschland und Österreich Eigentum der russischen Firma Gazprom sind. Daher existieren auch diesbezügliche Vorschläge, dass künftig die privaten Speicherbetreiber gesetzlich einen bestimmten Mindestfüllstand zu Beginn der Heizperiode aufweisen müssen. Der derzeit hohe Preis spielt in Bezug auf die geringen Befüllungsvolumina eine Rolle, weil Energieunternehmen es ablehnen, teures Gas vorrätig zu halten.

Zudem ist die drastische Reduzierung der Erdgasproduktion in den Niederlanden ein weiterer Grund für die gegenwärtige Preisentwicklung. Und Flüssiggas aus dem Nahen und Mittleren Osten sowie den USA lässt sich auf dem ostasiatischen Regionalmarkt gewinnbringender verkaufen als in Europa, und deswegen sind keine Lieferkapazitäten mehr frei. Darüber hinaus ist ein zusätzlicher Einflussfaktor der Rückgang der deutschen Windstromproduktion.

Dadurch sind Spekulationen und Warnungen von Fachverbänden und internationalen Organisationen aufgekommen, etwa der der OECD angegliederten Internationalen Energieagentur, denen zufolge bei kälteren Temperaturen Versorgungsengpässe eintreten könnten. Hinweise dieser Art haben Einfluss auf Marktgeschehen und Preise. Es gibt Experten, die davor warnen, dass europäische Energieversorgungsunternehmen exorbitante Preise auf dem Spotmarkt für Strom zahlen werden müssen. Eine weitere Alternative ist der Rückgriff auf Kohle und Erdöl, die sich dadurch verteuern würden. Diese Zusatzkosten werden letztlich den Endverbraucher erreichen, der sie begleichen muss.

Russland und Norwegen sind bereit, in der Krisensituation mehr Erdgas nach Europa zu liefern

Die Internationale Energieagentur hat russische Energielieferanten dazu aufgerufen, im Herbst mehr Erdgas nach Europa zu liefern. Zwar erfülle das Land seine langfristigen Verträge, was auch die Essener RWE AG bestätigt, allerdings befänden sich die Liefermengen zurzeit unter denen des Jahres 2019. Der russische Energiekonzern Gazprom ist nun zu einer Steigerung seiner Gaslieferungen nach Europa, seinem wichtigsten Absatzmarkt, bereit. Die gegenwärtigen Liefermengen an die europäischen Käufer bewegten sich „nahe am historischen Maximum“, sagte der Sprecher der russischen Präsidialadministration, Dmitrij Peskow. Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie sieht keine russische Verantwortung für die steigenden Gaspreise.

Der norwegische Energiekonzern Equinor und Partnerfirmen sind zudem auch bereit, die Erdgasexporte nach Europa zu erhöhen. Bereits seit Juni suchte der Konzern nach Möglichkeiten, die Produktion und den Export in den europäischen Markt zu intensivieren. Deshalb hat er nun vom norwegischen Ministerium für Erdöl und Energie die Genehmigung erhalten, die Förderung auf den bedeutenden Gasfeldern Oseberg und Troll ab 1. Oktober jeweils um eine Milliarde Kubikmeter zu steigern. Das zusätzliche Gas soll ausschließlich auf den europäischen Markt geliefert werden, vor allem in den kommenden Herbst- und Wintermonaten. Norwegen exportierte bereits im August 2021 nach Angaben des norwegischen Statistikbüros SSB Erdgas im Wert von 3,8 Milliarden Euro. Dies ist mehr als das Fünffache des Exportwerts im Vergleich zum August letzten Jahres.

EU-Kommission als Krisenmanager

Die Kommission der Europäischen Union wird Maßnahmen entwickeln, die EU-Mitgliedstaaten ergreifen können, um die jetzigen Energiepreisspitzen zu bekämpfen, ohne gegen die Energiemarktregeln zu verstoßen. Dabei können Mehrwertsteuer und andere Verbrauchssteuern optimiert oder direkte Unterstützungen an die Verbraucher geleistet werden, um sie vor den hohen Kosten zu schützen. Des Weiteren sollte die Abhängigkeit des Stromsektors von Gas und Kohle verringert werden, deren Marktpreise in den letzten Monaten explodierten. Andere Lösungen umfassen besser integrierte Strommärkte über die EU-Grenzen hinweg und Investitionen in die Energieeffizienz, beispielsweise in die Gebäudeisolierung. Um die Auswirkungen auf die Verbraucher abzufedern, können EU-Länder auch ihre nationalen Wiederherstellungs- und Resilienzpläne nutzen, die als Reaktion auf die Covid-19-Pandemie erstellt wurden. Die EU-Kommission vertritt außerdem die Ansicht, der Preisanstieg solle die Mitgliedsländer ermutigen, ihre Abkehr von fossilen Brennstoffen zu beschleunigen.

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