Archivbild - 29.11.2021, Berlin: Ein Mann packt seine gekauften Lebensmittel in seine Tüte. Nach Jahren moderater Inflationsraten müssen die Menschen in Deutschland 2021 einen sprunghaften Anstieg der Verbraucherpreise verkraften. (DPA)
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Über 5 % Inflation in Deutschland, 7,5 % im Euroraum. Tendenz steigend. Gefühlt sind die Preise aus Sicht der Verbraucher noch viel stärker gestiegen, weil wir auf sinkende Preise kaum, auf steigende aber emotional reagieren. Aktuell sieht man das gerade bei Strom, Gas und beim Heizen. Hier legten die Preise um ein Viertel und mehr zu. Eigentlich schienen massive Kaufkraftverluste seit Jahrzehnten aus Europa verschwunden und nur noch ein Problem schlecht geführter Länder zu sein, in denen die Regierung eigenwilligen geldpolitischen Ideen folgt und makroökonomische Experimente ausprobiert, die nach hinten losgehen. Nun spürt aber jeder beim Tanken, aber auch beim Einkaufen, dass Grundnahrungsmittel wie Butter, Salatöl oder Mehl deutlich teurer geworden sind. Bei Mineralwasser vom Discounter sind das nur ein paar Cent, wenn die Flasche statt 19 nun 25 Cent kostet. Prozentual ist der Anstieg fast ein Drittel.

Inflation in historischer Perspektive

Emotional wird die Debatte nicht nur bei den sozial Schwächeren, die schon immer Mühe hatten, über die Runden zu kommen. Immer wird auch der Gerechtigkeitssinn angesprochen, wenn etwas als gefühlt zu teuer erscheint, symbolische Marken überschritten werden oder Mitnahmeeffekte vermutet werden wie bei den Ölmultis, die ihre Marktmacht in der Krise missbrauchen.

Hierzulande kommt aber noch hinzu, dass Inflation als großes Übel im gesellschaftlichen Gedächtnis eingeprägt ist. Nach zwei Währungsreformen im 20. Jahrhundert mit einer massiven Vernichtung von Ersparnissen kann fast jede Familie Geschichten erzählen von den schlimmen Folgen, die das damals hatte. Daraus erwuchs ein Konsens, dass alles gut ist, was Inflation begrenzt. Keine deutsche Institution genoss bis zur Einführung des Euro in den späten 1990er Jahren ein höheres Ansehen als die Deutsche Bundesbank. Sie hatte sich nicht nur im Inland ihren Ruf durch erfolgreiche Geldpolitik mit niedrigen Preissteigerungsraten verdient. Auch im Europäischen Währungssystem EWS übernahm sie nach 1979 die Rolle des Stabilitätsankers und wurde zum Vorbild für die Europäische Zentralbank. Im Maastrichter Vertrag von 1993 wurde gar Inflationskontrolle zum zentralen Ziel der Euroeinführung erklärt. Die Begründung lautete, Preisstabilität sei zwar nicht alles, ohne sie sei aber alles nichts.

Allen Stürmen und Krisen seit Beginn der Europäischen Währungsunion zum Trotz blieb der Euro stabil, und das bei historisch niedrigen – in Deutschland sogar negativen – Zinsen und einer weltweiten Steigerung der Schulden in astronomische Höhen.

Ursachen und Folgen

Nun hat sich die Lage geändert, und das hat viele Gründe. Auf der Angebotsseite wird beklagt, dass die Pandemie Lieferketten unterbrochen hat. Es gibt Engpässe bei Vorprodukten, Rohstoffen und Halbleitern, worunter besonders Autoindustrie und Maschinenbau leiden. Noch schwerer als die Pandemie wiegen aber die Folgen des Überfalls auf die Ukraine. Unmittelbar betroffen sind Energie und Nahrungsmittel. Aber auch die neue Sensibilität für Abhängigkeiten und die Wirtschaftssanktionen führen dazu, dass Importe beschränkt oder vollständig eingestellt werden. Intensiv diskutiert wird ein Energieembargo gegenüber Russland. Aber schon ohne dieses steigen die Preise beim Heizen, Tanken und für Strom. Hinzu kommt der Ausfall von über 100.000 ukrainischen LKW-Fahrern, die bei Transport und Logistik in Europa fehlen.

Auch von der Nachfrageseite gibt es Druck auf die Preise. Solide Staatsfinanzen und die „Schwarze Null“ entsprechen nicht mehr dem Zeitgeist. Der Staat investiert massiv in Maßnahmen gegen den Klimawandel, in Digitalisierung, Wohnen und Infrastruktur. Hinzu kommen Rettungspakete und neue Investitionen nach der „Zeitenwende“. Die öffentliche Nachfrage treibt die Preise. Und in der Pandemie ist auch die private Ersparnis stark gestiegen, weil viele Menschen im Lockdown ihr Geld nicht ausgegeben haben wie in normalen Zeiten, z.B. für Urlaubsreisen. Damit ist jetzt Schluss, und es wird erkennbar weniger gespart. Aber nicht nur Konsum ist ein Preistreiber. Auch der Arbeitskräftemangel mit steigenden Löhnen und Gehältern erhöht die Inflation. Der Zuzug Geflüchteter verschärft die Wohnungsnot, bei der ebenfalls seit der Finanzkrise die Quadratmeterpreise überdurchschnittlich steigen. Angesichts historisch niedriger Zinsen lohnten sich Staatsanleihen immer weniger, andere Anlageformen erschienen unattraktiv oder wurden als zu riskant angesehen. Und so floss Kapital massiv in Immobilien mit entsprechend explodierenden Preisen und Mietzinsen.

Die dadurch entstandene Inflation wirkt umverteilend. Sie erzeugt Unsicherheit und damit nicht nur wirtschaftliche Instabilität, sondern sie hat soziale und politische Sprengkraft. Sparer und Konsumenten gehören zu den Verlierern, während Anbieter von knappen Gütern und Dienstleistungen hohe Gewinne verzeichnen. Inflation reduziert nicht nur Kaufkraft, sie schmilzt auch Schulden ab, was zu Verteilungs- und Interessenskonflikten führt.

Was tun?

Die Bekämpfung von Inflation ist in erster Linie Aufgabe der Europäischen Zentralbank (EZB). Sie handelt unabhängig und ist nicht nur für Deutschland zuständig, sondern für den ganzen Euroraum. In Frankfurt zögert man noch, die Zinsen zu erhöhen, was das unmittelbarste Instrument zur Wiederherstellung von Preisstabilität ist. Denn mit steigenden Zinsen steigen auch die Refinanzierungskosten von Schuldnern, private wie öffentliche. Und es hat negative Wirkungen auf das Wachstum, und dies in Zeiten, in denen mit großen Hilfspaketen die Wirtschaft nach der Pandemie wieder anspringen sollte. In den USA gibt es bereits Anzeichen für eine Zinswende. Die EZB ist noch vorsichtig. Sie argumentiert, dass die größten Preistreiber vorübergehende Effekte sind, die auch ohne geldpolitisches Gegensteuern bald wieder verschwinden.

Bis dahin versucht die Regierung durch sozialpolitische Instrumente und finanzielle Hilfen die am härtesten von Inflation getroffenen Gruppen zu unterstützen. Außerdem bemüht man sich um alternative Energiequellen und die Behebung von Engpässen wie durch Neuansiedlungen von Chipherstellern, veränderte Lieferketten und die Anwerbung von Fachkräften. Auch das kostet.

Bei einigen Preisen hofft man auch auf einen Lenkungs- und Lerneffekt: was zu billig ist, wird verschwendet. Das gilt sowohl für Energie als auch für tierische Lebensmittel, und beides spielt eine große Rolle beim Klimawandel. So spricht gerade einiges dafür, dass die aktuelle Lage und der Krieg in der Ukraine die Klimawende beschleunigen. Das muss nicht bedeuten, dass wir für den Frieden frieren müssen. Aber es kann helfen, Energie- und Lebensmittelverschwendung zu reduzieren und bewusster zu leben. Zumindest das ist positiv.

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