Obwohl Bosnien über das COVAX-System 1.230.000 Impfdosen bestellt und bereits bezahlt hat, kamen bisher nur 50.000 davon an. Zudem verzögerte die Trägheit der Bürokratie bis zuletzt den Startschuss für die Impfkampagne.

Es ist nun mehr als ein Jahr her, dass die ganze Welt den Kampf gegen das sogenannte Coronavirus, also Covid-19, aufgenommen hat. Selbst in entwickelten Industrieländern wird der Erfolg dieser Bemühungen hinterfragt, wobei zu Beginn niemand genau wusste, womit man es zu tun hat, und viele Menschen deswegen in kurzer Zeit ihr Leben verloren.

Bosnien-Herzegowina kämpft momentan gegen die dritte Covid-19-Welle an, und ein Blick auf die Zahl der Todesfälle verdeutlicht, dass dies wohl die schwierigste Phase ist. Letztes Jahr gab es zu dieser Zeit die erste Infektionswelle, und im Vergleich zu den aktuellen Opferzahlen kam man in Bosnien damals fast schon „glimpflich“ davon.

Vor allem mit dem Aufkommen des neuartigen Coronavirus in Bosnien und Herzegowina stiegen die Infektionszahlen rasant an, und auch die Zahl der jungen Menschen mit schweren Krankheitsverläufen nahm zu. Bis heute haben sich offiziell landesweit ungefähr 155.000 Menschen mit dem Virus angesteckt, und 5.938 Todesfälle wurden registriert. Die Zahl der Wiedergenesenen liegt bei über 125.000. Angemerkt sei noch, dass sich die Fallzahlen stündlich ändern.

Trotz der dramatischen Entwicklungen liegt die Anzahl der Impfstoffe im Land bei null. Dies scheint gegenwärtig das größte Problem zu sein.

Die Tatsache, dass die Regierung in Bosnien und Herzegowina immer noch keine Impfstoffe beschaffen konnte, verringert die Hoffnungen im Kampf gegen das Virus. Bisher wurden durch Spenden der Republik Türkei 30.000, Serbiens 10.000 (zwei Lieferungen jeweils mit 5.000) und Sloweniens 4.800 Impfdosen ins Land geliefert. Doch das Hauptproblem liegt bei der zu späten Beschaffung der Impfdosen durch die Regierung. Eigentlich hatte Bosnien und Herzegowina bereits Mitte letzten Jahres 1.230.000 Pfizer-Impfstoffe über das COVAX-System des „Covid-19 Vaccines Global Access“ bestellt und auch bezahlt. Aber den Erwartungen der Menschen im Land zum Trotz verschob sich anschließend der Auslieferungstermin der Impfstoffe ständig. Keine einzige bezahlte Impfdose kam über das COVAX-System in Bosnien und Herzegowina an, wobei nicht einmal diese Anzahl für das Land ausreichend wäre. Obwohl manch andere Länder andere Wege einschlugen, um an Impfstoffe anderer Lieferanten zu gelangen, vertraute Bosnien und Herzegowina auf das COVAX-System und verspätete sich damit, alternative Maßnahmen zu ergreifen. So gehört man nun zu den wenigen europäischen Staaten, in denen die Impfungen noch gar nicht begonnen haben. Viele benachbarte Länder ergriffen im Dezember 2020 die Initiative, um aus China und Russland Impfstoffe zu besorgen, die nun verimpft werden.

Staatsapparat und politische Struktur von Bosnien und Herzegowina erschweren in dieser Periode die Beschaffung von Impfstoffen bei anderen Lieferanten. Die Bürger von Bosnien und Herzegowina sind aufgrund des im Nachhinein zu großen Vertrauensvorschusses in das COVAX-System verunsichert und wütend auf die Regierung, weil es die komplizierte Gesetzgebung und der bürokratische Wirrwarr praktisch nicht zulassen, dass Impfstoffe anderweitig beschafft werden.

Einer der Faktoren, die den Kampf Bosnien und Herzegowinas gegen die Covid-19-Pandemie erschweren, ist die Struktur des Landes. Der Dayton-Vertrag, der den Krieg von 1992 bis 1995 offiziell beendete, sah die Gründung einer Föderation Bosnien und Herzegowina und einer autonomen Republik Srpska vor. So befindet sich beispielsweise ein Teil des Trebevic-Gebirges, das 20 Minuten entfernt von Sarajevo liegt, auf dem Gebiet der Föderation, während sich der andere Teil auf der serbischen Seite befindet. Diese zwei Regionen entscheiden unabhängig voneinander über Maßnahmen und Ausgangssperren. So kommt es vor, dass ein Restaurant oder ein Hotel auf der einen Seite des Berges geschlossen sein muss, während man fünf Minuten weiter entfernt in einem Restaurant speisen kann.

Des Weiteren setzt sich Bosnien und Herzegowina aus Kantonen zusammen. Demnach kann jeder Kanton eigenständig Maßnahmen ergreifen. Die meisten Infektions- und Todesfälle in der anhaltenden dritten Welle der Pandemie werden im Kanton Sarajevo verzeichnet, sodass die Kantonalregierung einen 15-tägigen Teillockdown angeordnet hat, wodurch Restaurants und Gastronomie schließen müssen. Doch ist es der Bevölkerung gestattet, in eine andere Stadt zu fahren, dort auszugehen und anschließend wieder nach Sarajevo zurückzufahren. Während des harten Lockdowns mussten alle Geschäfte in Sarajevo schließen, und eine nächtliche Ausgangssperre wurde verhängt, wohingegen in gastronomischen Betrieben anderer Städte Livekonzerte stattfanden. Solange die föderative Zentralregierung diesbezüglich nicht interveniert, erlassen die regionalen Regierungen in den Kantonen ihren eigenen Situationen entsprechende Regelwerke. Die Tatsache, dass der Kampf gegen die Pandemie landesweit nicht zentral organisiert wird, erschwert die Kontrolle über die Ausbreitung des Virus. Nachdem in anderen Teilen des Landes, ähnlich wie in Sarajevo, die Fallzahlen in die Höhe geschossen waren, ergriff man auch dort schärfere Maßnahmen. Dabei sieht man an den Beispielen anderer Länder, dass die Kontrolle über die Ausbreitung des Virus einzig und allein durch schnelles und frühes Handeln möglich ist.

Auch wenn ein kompletter Lockdown angesichts der derzeitigen Situation sinnvoll erscheint, gibt es Befürchtungen bezüglich eines wirtschaftlichen Zusammenbruches im Land. Da dem Staat selbst die finanziellen Mittel zur Kompensation etwaiger Schäden fehlen, zögert er auch mit der Anordnung einer kompletten Schließung. Schon der bisherige wirtschaftliche Schaden, der durch die Covid-19-Pandemie verursacht wurde, ist enorm für das Land. In solch einer Situation sind der Wirtschaft strengere Maßnahmen womöglich nicht zumutbar, wobei der Abwärtstrend wohl auch in den kommenden Jahren wohl weitergehen wird.

Abschließend sei angemerkt, dass ein Teil der Bevölkerung den Ernst der Lage leider immer noch nicht erkannt hat. Teilweise werden Abstandsregeln und Maskenpflicht nicht eingehalten. Umso mehr richtet sich der Blick auf den Staat, der sich dem Thema Impfstoff nicht frühzeitig und ausreichend gewidmet hat. Obwohl wir mittlerweile am Ende des Monats März stehen, gibt es immer noch keinen Plan, wann die Impfungen in Bosnien und Herzegowina beginnen sollen.

Am 25. März traf endlich ein Teil der durch den Staat bestellten Impfdosen ein. Dabei handelt es sich um 23.400 Impfdosen von Pfizer und 26.400 Impfdosen von AstraZeneca, die über das COVAX-System eingekauft worden waren.

Meinungsbeiträge geben die Ansichten des jeweiligen Autors und nicht die der Redaktion wieder. Für Anfragen wenden Sie sich bitte an: meinung@trtdeutsch.com